Hollywood-Regisseur Roland Emmerich hätte sich kein bedrohlicheres Szenario ausdenken können. 35 Millionen Menschen im Großraum Tokio sind vom radioaktiven Fallout aus dem zerstörten Atomkraftwerk Fukushima bedroht. Tag für Tag, Stunde um Stunde gerät die Lage in den vier Reaktorblöcken weiter außer Kontrolle. Alles was der absoluten Apokalypse der japanischen Hauptstadt noch im Weg steht, ist die Richtung, aus der der Wind weht.

„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“ – so hat Berlins Bürgermeister Ernst Reuter am 9. September 1948 in seiner berühmten Rede vor dem Reichstag die Weltöffentlichkeit aufgerufen, der eingeschlossenen Stadt während der sowjetischen Blockade beizustehen.

Heute schauen die Völker der Welt wieder auf eine Stadt. Diesmal nicht bedroht von einem militärisch übermächtigen Gegner, sondern von einer unsichtbaren Gefahr aus den Wolken, aus der Luft, aus dem Trinkwasser. Diesmal nicht eingeschlossen von sowjetischen Panzern, sondern von der schieren Unmöglichkeit, 35 Millionen Menschen geordnet zu evakuieren, sollte es tatsächlich notwendig werden. Live-Ticker, Sondersendungen, auf allen Kanälen schauen wir auf diese Stadt.

Auf eine Stadt schauen… mir fallen zwei Geschichten aus der Bibel ein, zwei Berichte von zwei Männern, die auf zwei Städte schauten. Städte, die dem Untergang geweiht schienen.

Da ist zunächst Jona. Von Gott zur damaligen assyrischen Hauptstadt Ninive beordert, hatte er die Einwohner widerwillig zur Umkehr aufgerufen. Ein bisschen muss man Jona verstehen – in Ninive lebten die Unterdrücker seines eigenen Volkes, die für ihre barbarische Kriegsführung berüchtigt waren. Nun hatte Gott wohl endlich beschlossen einzugreifen, endlich ein Strafgericht angedroht. Und Jona sollte es Ninive überbringen: „Es sind noch vierzig Tage, dann wird Ninive untergehen“ (Jona 3,4). Kurz vor Ende der 40-Tage-Schonfrist läßt sich Jona am östlichen Stadtrand nieder. Aus sicherer Entfernung schaut er auf die Stadt, die wohl dem sicheren Untergang entgegensieht. Er wartet auf die Zerstörung, hofft dass es nicht mehr lange dauert, malt sich aus wie Gott es den Assyrern endlich mal so richtig zeigt. Hätte Jona eine Armbanduhr getragen – er hätte alle 30 Sekunden draufgeschaut. Aber Gottes Herz ist größer als das Herz Jonas. Gott akzeptiert die ehrliche Reue der Bewohner Ninives und verschont die Stadt. Gott wörtlich zu Jona:

Sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertundzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist? (Jona 4,11)

Und dann ist da Jesus. Auch er schaut auf eine Stadt. Auf Jerusalem. Kurz zuvor hat er von einer Verschwörung der Einflußreichen und Mächtigen gegen sein Leben erfahren. Monatelang hatte Jesus sich um die Kranken und Besessenen gekümmert, geheilt und geholfen, auch in Jerusalem. Aber nun wollen sie ihn aus dem Weg räumen: „König Herodes will dich töten“, flüstern sie ihm zu. Jesus hätte allen Grund, zornig auf diese Stadt und ihre undankbaren Einwohner zu sein. Seine Wut mit all seiner göttlichen Allmacht an Jerusalem auszulassen. Aber sein Herz – Gottes Herz – ist größer als das menschlich Erwartbare. Er straft nicht, er seufzt. Jesus wörtlich:

Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt werden, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel und ihr habt nicht gewollt! (Lukas 13,34)

Spätestens seit diesem Zeitpunkt wissen wir, dass das Herz Gottes für seine Menschen viel größer ist als unser eigenes. Er verschont, wo wir uns an Zerstörungsmacht berauschen. Er seufzt, wo wir nach verdienter Strafe schreien.

Ich habe keine Ahnung, warum Gott das Erdbeben zugelassen hat. Und den Tsunami. So wie er alle Erdbeben und Tsunamis der Geschichte immer wieder zugelassen hat. Ich weiß nicht, was er in Japan noch zulassen wird. Aber ich weiß, wie Gottes Herz über Tokio fühlt.

Du Schöpfer der Welt, schau auf diese Stadt. Und lass deine Barmherzigkeit die Oberhand behalten. Wieder einmal.