Viele Menschen schauen in diesen Tagen besonders intensiv nach Washington, einige mit Sorge – und wenn man in die sozialen Netzwerke schaut, einige auch mit klammheimlicher Freude. Die USA haben einen neuen Präsidenten. Donald Trumps Entscheidungen können einem inhaltlich gefallen oder nicht, aber die Amerikaner bekommen jetzt den Präsidenten, die sie per demokratischer Entscheidung im Rahmen des US-Wahlsystems wollten.

Über die politischen Inhalte kann man diskutieren, über das Für und Wider medialer Skandalisierung und hysterischer Besorgnis auch – aber das ist hier und heute nicht mein Thema. Was mich viel mehr umtreibt: Wie sich die Beziehung zwischen Macht und Wahrheit zu verschieben scheint. Mit Blick auf unsere sozialen Netzwerke muss man sagen: Nicht nur in den USA.

Das ist etwas, was gerade Christen unbedingt angehen muss, ungeachtet aller Verschiedenheit der politischen Vorlieben. Wer dem folgt, der den Anspruch darauf erhebt, „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ zu sein – dem kann es nicht egal sein, ob die Wahrheitsfrage schleichend in eine Machtfrage umgewandelt wird.

Was wahr ist und was nicht – darüber ist sich eine pluralistische Gesellschaft niemals dauerhaft und uneingeschränkt einig. Die Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Überzeugungen beim Ringen um die Wahrheit ist ja gerade ihr Kennzeichen. Aber damit eine pluralistische Gesellschaft das leisten kann, muss sie sich bei allen Meinungsverschiedenheiten in zwei Dingen einig sein: Dass  gemeinsame Spielregeln für das Ringen gelten, und dass es so etwas wie eine gemeinsame Wahrheit überhaupt gibt.

Donald Trump scheint aber weder an den Spielregeln noch an der Existenz einer gemeinsamen Wahrheit sonderlich interessiert zu sein. Er hantiert pausenlos und ungerührt mit längst widerlegten Aussagen, Gerüchten und Zahlen und scheint sich dabei öfter sogar selbst zu widersprechen, ohne sich daran weiter zu stören. Ob aus einer narzisstischen Persönlichkeitsprägung heraus, aus taktischem Kalkül oder strategischer Berechnung, das spielt im Resultat nicht einmal eine Rolle.

Denn eine solche Art der Kommunikation wirkt wie ein Denial-of-Service-Angriff auf das Gehirn: Der Empfänger kommt nur noch dazu, das Gesagte zur Kenntnis zu nehmen, aber nicht mehr dazu, es einzuordnen. Er findet immer weniger Zeit und Kraft, die Äußerungen mit den bekannten Fakten abzugleichen und zwischen Wahrheit, Halbwahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden. Was jeder Mensch in den Fragen des Alltags jeden Tag unbewusst tut, das findet in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung nicht mehr statt. Die Folge: Die Wahrheit verschwindet als Kategorie, zieht sich aus dem gesellschaftlichen Raum ins Privatleben zurück. „Nichts genaues weiß man nicht“, sagen die Leute dann, oder „Irgendwas wird schon dran sein“, oder „Die lügen doch eh alle – macht doch eh keinen Unterschied“.

Wer pausenlos und ungerührt mit Halb- und Unwahrheiten hantiert, entzieht deshalb der Wahrheit den Boden. Aber wenn es in einer Gesellschaft  keine Wahrheit mehr gibt, dann gibt es nur noch Macht. Dann bestimmt der, der die Macht hat, was wahr ist. Dann sind die Machtlosen alleine in einem dunklen Raum mit den Mächtigen, ohne dass sie wenigstens das Licht der Wahrheit an ihrer Seite haben können. George Orwell hat 1948 in seinem Roman „1984“ eindrücklich beschrieben, wohin das in letzter Konsequenz führen kann: Um Menschen zu kontrollieren, muss man keine Panzer auf die Straße schicken. Es reicht, ihnen die Frage nach der Wahrheit wegzunehmen.

Aus heutiger Sicht ist es zu früh, hysterisch auf den Alarmknopf zu drücken. Aber hellwach sein – das sollten wir.