Heute hat der Deutsche Bundestag mehrheitlich die Veränderung des bisherigen zivilrechtlichen Eheverständnisses beschlossen. Die angesetzte Zeit zur Debatte war kürzer als eine Folge Tatort, danach sprach sich eine parteiübergreifende Mehrheit der Abgeordneten für die so genannte „Ehe für Alle“ aus. Ein Drittel der Abgeordneten votierte dagegen.

Ein Ziel der vom Bundesrat erarbeiteten Gesetzesvorlage war die Beseitigung „symbolischer Diskriminierung“. Das meint: Wenn Homosexuelle nicht genauso heiraten können wie Heterosexuelle, dann stellt das eine Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung dar.

Die bisherige „eingetragene Lebenspartnerschaft“ war wohl nur für wenige Schwule und Lesben hilfreich auf ihrem langen, steinigen Kampf gegen Diskriminierung. So verzeichnete das Statistische Bundesamt im Mai 2011, zehn Jahre nach Einführung  des entsprechenden Gesetzes, gerade einmal 34.000 eingetragene Lebenspartnerschaften – das entspricht 0,08% der Bevölkerung. Gibt es tatsächlich nur so wenige homosexuell empfindende Menschen in Deutschland? Blieb die „eingetragene Lebenspartnerschaft“ eine bürokratische Krücke, die eher Stigmatisierung auf- als Diskriminierung abgebaut hat? Oder geht es beim Kampf gegen Diskriminierung am Ende vor allem darum, dass man all das darf, was andere auch dürfen – egal ob man es auch wirklich will?

Man wird sehen, in welchem Maß die „Ehe für Alle“ nun tatsächlich auch von allen in Anspruch genommen wird. Der Praxiszustand der klassischen Ehe gibt ehrlicherweise wenig Grund zum Optimismus: In 20% der Familien tragen Alleinerziehende die Erziehungslast, auf zehn Eheschließungen kommen vier Scheidungen, und jedes dritte Kind kommt in Deutschland unehelich zur Welt.

Für viele Politiker ist die „Ehe für Alle“ ein wichtiges Signal im Kampf gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. Der Preis dafür ist hoch: Denn neben einem unwürdigen parteitaktischen Verfahren und den verfassungsrechtlichen Bedenken geht dieses Signal einher mit der Veränderung des bisherigen Begriffs von Ehe.„Die Ehe für Alle nimmt der klassischen Ehe doch nichts weg“, war im Vorfeld der heutigen Entscheidung immer wieder zu hören. Doch, sie nimmt ihr etwas weg – die Rückbindung an ihren Ursprung.

Denn nicht Politik hat die „Ehe“ definiert, und auch nicht die Kirchen, von denen der Staat den Ehebegriff im 18. und 19. Jahrhundert übernommen hat . Bei allen Schwächen in der Praxis und durch alle Jahrhunderte hindurch blieb die Ehe ein Ideal: „Ein Mann, eine Frau, ein Leben lang“. Ein Ideal, das in der Erschaffung des Menschen in den ersten Seiten der Bibel genauso verankert ist wie in dem, was Jesus über Männer und Frauen lehrte. Als Christ sage ich: Die Ehe ist Gottes richtungsweisende Idee für das Zusammenleben von Menschen. Bisher lag dieses christliche Ideal und die staatliche Vorstellung von Ehe einigermaßen deckungsgleich übereinander.  Diese Zeit ist heute zu Ende gegangen, vielleicht war es auch nur eine Frage der Zeit in unserer zunehmend postchristlichen Gesellschaft.

Zwischen Konfetti auf der einen und Entrüstung auf der anderen Seite scheint mir daher heute am ehesten Nachdenklichkeit angesagt. Haben wir als Gesellschaft wirklich begriffen, was wir da mehrheitlich gewollt haben und was heute im Deutschen Bundestag in ein Gesetz gegossen wurde? Und: Wie können Christen neu und glaubwürdig vorleben, wie Gott sich Ehe ursprünglich gedacht hat, wenn es sowohl an der erodierenden Ehepraxis als auch an der Gesetzgebung zunehmend weniger ablesbar ist?