Kategorie: Archiv

Du

Du kennst mich
Du verstehst, wie ich denke
Du kennst meine Situation
Du weißt, was ich sagen will.

Du könntest mir näher nicht sein
Ich verstehe das nicht – unfassbar!

Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, wohin du mich nicht begleiten würdest
Und keine Sphäre jenseits von ihr.

Du machst das Dunkel hell
Sogar die Finsternis, die ich selbst wähle.

Meine Vergangenheit liegt offen vor dir
So wie meine Zukunft.

Ich verstehe deine Absichten nicht
Aber ich begreife, dass du bei mir bist und ich bei dir.

Deine Feinde sind meine Feinde
Ich kann Freund derer nicht sein, die dich hassen.

Ich lege mein Leben offen vor dich hin
Und bitte dich um Leitung und Korrektur.

Psalm 139.

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Leiten ohne Stromberg-Faktor

Glaubt man vielen Gesprächen zwischen Kollegen abends beim Bier, haben Chefs besonders viele Macken. Warum ist das so – werden Menschen mit mehr Macken schneller befördert, oder wird man dadurch seltsam, dass man Leitungsverantwortung übertragen bekommt? So wie Stromberg aus der gleichnamigen Fernsehserie? Und, mindestens genauso erstaunlich: Warum sind Chefs diejenigen, die ihre eigenen Macken scheinbar als letztes erkennen?

Mag schon sein, dass gewisse defizitäre Persönlichkeitsmerkmale von anderen als Führungsstärke oder Leitungsbegabung gedeutet werden. Mag schon sein, dass das Gewicht einer Leitungsverantwortung nicht nur das Beste im Menschen hervorbringt sondern auch manches andere, das unter anderen Umständen unsichtbar geblieben wäre. Beides könnte man als „Stromberg-Faktor“ zusammenfassen.

Ich bin aber ziemlich sicher, dass Chefs nicht mehr Macken haben als andere Menschen auch. Sie haben nur weniger Chancen, sie zu verstecken. Und sie haben vor allem auch weniger Chancen, Macken selbst zu erkennen – aus einem einfachen Grund: Per Definition bedeutet Leitungsverantwortung auch Konfliktbereitschaft, also kann ein Leiter nicht jede Andeutung, jeden Kommentar und jede Kritik auf die Goldwaage legen – oder er wäre im Handumdrehen handlungsunfähig. Und selbst wenn ein Chef seine Mitarbeiter befragt – nicht viele trauen sich, einen Vorgesetzten höflich und klar auf Fehler hinzuweisen.

Macht isoliert, und manchmal immunisiert sie auch. Von Erich Honecker wird oft berichtet, dass er kurz vor dem Ende der DDR in einer Scheinwelt gelebt hat: Es gab niemanden, der ihm den wahren Zustand des Arbeiter- und Bauernstaates berichtet hätte – und selbst wenn, hätte Honecker es vielleicht nicht mehr glauben können.

Ich glaube, wer ohne Stromberg-Faktor leiten will, braucht drei Dinge:

  1. Sensibilität – eine feine Antenne für die schrägen Seiten der eigenen Persönlichkeit. Ein ehrlicher Ehepartner und eigene Kinder können dabei ungemein helfen – wenn man ihnen auch wirklich zuhört. Kein Wunder, dass Stromberg nicht verheiratet ist. Er könnte sonst wohl kaum wie Stromberg sein.
  2. Demut – die Fähigkeit sich selbst einzugestehen, dass nicht alles bestens ist. Dass man selbst Defizite hat, die anderen auffallen, vielleicht sogar das eigene Leitungspotential schwächen. „Alle sehen es, nur du selbst nicht“ – das ist für einen nackten Kaiser keine entspannende Erkenntnis, aber eine wichtige.
  3. Mut – die Beharrlichkeit, etwas daran zu ändern. Macken zu kompensieren, gegenzusteuern, an Dingen zu arbeiten. Niemand ist je mit seiner Persönlichkeitsentwicklung fertig, auch der Chef nicht. Je höher die Verantwortungsebene eines Leiters, desto weniger Anreize gibt es von außen, sich den erkannten Macken wirklich zu stellen – und desto wichtiger wird der eigene Mut.

Sensibel, demütig, mutig – keine schlechten Eigenschaften für einen guten Leiter.

Kein Zufall, dass Stromberg all das genau nicht ist.

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Authentizität ist nicht die höchste christliche Tugend

Schon lange trage ich ein mulmiges Gefühl mit mir herum. Jedes Mal, wenn manche Christen die Schrägeren unter ihren Artgenossen, die eigene Tradition oder Gewohnheiten und Best Practices aus der jüngeren oder älteren Kirchengeschichte kritisieren, spüre ich es: Eine fast masochistische Genugtuung daran, etwas Kritikwürdiges gefunden zu haben an Ausdrucksformen oder Inhalt eines Glaubens, mit dem man selbst groß geworden ist.

Falls ich mir das alles nur einbilde, solltest du hier besser aufhören zu lesen.

Es könnte etwas dran sein an meiner Beobachtung? Dann will ich mal versuchen, in Worte zu fassen, was mir Unbehagen bereitet:

Da mokieren sich manche Christen über Missionsbemühungen anderer Christen, die zugegebener Maßen etwas aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. Sooo macht man das doch heute nicht mehr! Das geht doch gar nicht! Das ist doch viel zu spießig / plakativ / borniert / herablassend / old-school / dogmatisch / anpredigend / druckmachend / unauthentisch… such dir bitte ein passendes Adjektiv aus.  Hauptargument: Das ist nicht authentisch! So sind Christen doch gar nicht! Da muss man doch auch ehrlich sagen, was alles nicht gut läuft! Bestimmt gibt es an diesen Ansätzen tatsächlich einiges zu kritisieren – so wie an allen Ansätzen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bestimmt verbergen sich hinter jeder christlichen Fassade nicht nur gute Absichten sondern auch unheilige Motive – bei allen. Ja, Kritik ist sicher gerechtfertigt – aber treibt die Kritiker wirklich vor allem anderen der innige Wunsch, den anderen zu helfen, besser zu werden?

Da echauffieren sich Christen über Theologie und Predigtstil anderer Christen, die zugegebener Maßen eher konservativ, traditionell und dogmatisch daher kommen. Sooo macht man das doch heute nicht mehr! Das geht doch gar nicht! Das ist doch viel zu reaktionär / konfrontativ / ausgrenzend / abgrenzend / belehrend / von oben herunter / unauthentisch… Hauptargument: Das ist nicht authentisch! Die müssen doch auch ehrlich sagen, woran sie zweifeln! Bestimmt muss sich mit dem Übergang unserer Gesellschaft von Prämoderne über Moderne zu Postmoderne auch die Kommunikationsform der besten Nachricht der Welt verändern – so wie noch nie eine bestimmte Form für alle Zeiten die richtige war. Bestimmt stehen hinter jeder Theologie und jedem Predigtstil nicht nur Treue zur Wahrheit sondern auch ein sehr menschliches Rechthabenwollen in bestimmten Positionen. Ja, Kritik ist sicher gerechtfertigt – aber treibt die Kritiker wirklich die tiefe Sehnsucht danach, dass andere mit den ihnen anvertrauten Pfunden der Lehre und Erkenntnis möglichst gewinnbringend wuchern?

Mein Unbehagen besteht darin, dass ich hinter berechtigter Kritik in der Sache und hinter der unbedingten Forderung nach Authentizität so oft ein Abarbeiten an der eigenen Biographie spüre. Manchmal eine große Härte, bisweilen fast schon Verachtung anderer. Und Social Media macht es nicht besser.

Jemand hat einmal gesagt: „Die Kirche Jesu ist die einzige Armee, die ihre Verwundeten erschießt“. Spekulativfrage: Wie viel Freude kann Jesus wirklich daran haben, wenn seine Nachfolger sich gegenseitig darin kritisieren, wie sie sein Evangelium in ihrer Umwelt kommunizieren – anstatt es nach bestem Wissen und Gewissen einfach zu tun, in aller Verschiedenartigkeit, in einem gemeinsamen Auftrag unterwegs? Kann Gott wirklich nur das segnen, das von allen anderen Christen zweifelsfrei als „authentisch“ abgesegnet wird? Ist Gott wirklich so … klein?

Mein Unbehagen besteht darin, dass ich manchmal den berühmten Paulustext in 1. Korinther 13 in der Realität so ausgelebt sehe:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und wäre nicht authentisch, so sollte ich lieber den Mund halten. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und wäre nicht authentisch, so wäre das alles wertlos. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und wäre nicht authentisch, so wäre ich immer noch in mittelalterlichen Vorstellungen gefangen … Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Authentizität, diese drei; aber die Authentizität ist die größte unter ihnen.

In meiner Bibel steht da aber nicht „Authentizität“, sondern: „Die Liebe ist die größte unter ihnen“. Hat Jesus über das öffentliche Image seiner Nachfolge nicht gesagt: „An ihrer Liebe untereinander werdet ihr sie erkennen“ (Johannes 13,35) ? Glauben wir wirklich, wir könnten Liebe durch Authentizität ersetzen?

Klar ist: Ich bin sehr für Authentizität. Ich bin sehr dafür, mit Doppelmoral, Heuchelei und Fassade in meinem Leben genauso hart ins Gericht zu gehen, wie Jesus es bei den Pharisäern seiner Zeit getan hat (das tut Jesus übrigens heute immer noch – aber nicht um der Authentizität, sondern um der Liebe willen). Authentizität an sich verschafft mir genauso wenig Ansehen in Gottes Augen wie Frömmigkeit den Pharisäern. „Hauptsache echt“ ist nicht das Ziel Jesu in der Persönlichkeitsentwicklung seiner Nachfolger. Authentizität ist nicht die höchste christliche Tugend.

Liebe ist es.

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