Stichwort: Gesellschaft

Wieviel Zukunft hat das Christentum?

„Glaube ist Privatsache“ – schon mal gehört? Schon mal gesagt? Schon mal geglaubt?

Die große Bewegung von Christus über die Christen zum Christentum hat Mitmenschen wie Machtstrukturen immer wieder herausgefordert. Manche der so entstandenen Spannungsfelder haben Christen dazu verleitet Wege zu beschreiten, die sich bei allem Verständnis für den historischen Kontext und aller Anerkennung für gute Absichten Einzelner als Irrwege für das Christentum herausgestellt haben.

Ich bin darüber neulich in einem Buch gestolpert: „The Call“ von Os Guinness. Es ist eines der besten Bücher zum Thema „Berufung“, die ich bisher kennen gelernt habe. Und damit meine ich nicht Berufung im Sinn von „Gott zeige mir was ich studieren soll damit ich nicht selbst entscheiden muss“, sondern Berufung im weitesten Sinn. Kapitel für Kapitel weitet Guinness den Blick für alle möglichen Ecken des persönlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens, in die Gottes Berufung Positives hineinspricht – wenn es gut läuft. Deshalb bekommen wir umgekehrt an allen möglichen Ecken Probleme, wenn wir die Dimension „Berufung“ ausblenden, zurückdrängen oder bis zur Belanglosigkeit auf rein menschliches Maß schrumpfen.

Zum Beispiel eben im Spannungsfeld von persönlichem Glauben und öffentlicher Wirksamkeit. Guinness beschreibt drei Irrwege, auf die Christen immer wieder geraten sind im Versuch, diese Spannung aufzulösen:

  1. Privatisierung – In einer säkularisierten pluralistischen Gesellschaft ist Glaube in der Öffentlichkeit von der Öffentlichkeit zunehmend und ausdrücklich nicht erwünscht. Tragisch wird es, wenn Christen sich in der privaten Nische so wohnlich einrichten, dass sie es anders gar nicht mehr haben wollen. So wichtig die Betonung persönlicher Frömmigkeit durch den Pietismus als Beitrag für das Christentum als Ganzes ist, so gefährlich wird der selbstverordnete Rückzug in die Nische. Denn der ursprüngliche Anspruch von Christus auf eine Nachfolge des ganzen Lebens reduziert sich dadurch auf Nischen und Inseln im Alltag. Gottesdienst, Bibelstunde, „Stille Zeit“. Unsere durch und durch hedonistische und konsumgetriebene Kultur entledigt sich so einer kritischen Stimme, die darauf beharrt dass es einen Berufenden gibt, der außerhalb menschlicher Verfügbarkeit steht. Und dass seine Berufungen mehr zählen als menschlicher Nutzen, Komfort oder Return on Investment.
  2. Politisierung – Wenn also der Rückzug ins Private die Sache Christi nicht ist, was liegt dann näher für das Christentum, gesellschaftlichen Einfluss auf der politischen Bühne zu suchen? Als Stimme einer starken Minderheit oder einer schweigenden Mehrheit aufzutreten, gezielt politische Parteien zu unterstützen (oder zu gründen), um „Werte“ in unsere Kultur hineinzutragen? Guinness kritisiert daran, dass das Streben (ich habe manchmal den Eindruck: die emotionale Sehnsucht) nach politischem Einfluss und medialer Bedeutung Christen blind dafür macht, dass sie sich damit als wichtige Gegenposition zur politischen Macht aus dem Spiel nehmen. Wie sollen Christen eine kritische Distanz zur Macht leben, wenn sie selbst mit der Macht verheiratet sind? Wo das Christentum in der Geschichte politische Macht gesucht hat, ist es oft umso klarer schlussendlich von den Menschen abgelehnt worden. An der europäischen Geschichte im Mittelalter und den manchmal kulturkampfähnlichen Kontroversen in den USA heute lässt sich da schon eine Menge nachzeichnen. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, dass Jesus seinen Nachfolgern aufgetragen hat, einen christlichen Staat zu errichten, der Nicht-Nachfolgern Jesu zu deren eigenen Glück christliche Werte aufzwingt.
  3. Parallelkultur – Christen sollen sich nicht ins Private zurückziehen, aber auch nicht gesamtgesellschaftliche Macht anstreben? Bleibt noch die Möglichkeit, eine christliche Subkultur aufzubauen. Christliche Schulen, christliche Universitäten, christliche Bäcker. Auch das gab und gibt es in der Geschichte des Christentums immer wieder. In einer solchen Parallelgesellschaft lässt sich im Gegensatz zur Privatisierung Nachfolge ganzheitlich leben, und im Gegensatz zur Politisierung verliert das Christentum nicht die kritische Distanz zur Macht. Aber auch dieser Weg verliert etwas von der Berufung Jesu für seine Nachfolger – nämlich ihr Potential zur Veränderung. Christen sind nicht berufen, sich in ihr privates Glück zurück zu ziehen. Sie sind nicht dazu berufen, ihre Vorstellungen anderen durch Ausübung von Macht aufzuzwingen. Aber sie sind dazu berufen, Salz und Licht in der Kultur zu sein, in der sie leben.

Wenn ich ins Neue Testament schaue, finde ich einen Jesus, der mit der privatisierten Frömmigkeit der Pharisäer hart ins Gericht gegangen ist und eine Nachfolge des ganzen Lebens eingefordert hat. Ich finde einen Jesus, der sich von den Mächtigen nicht hat instrumentalisieren lassen sondern eine kritische Distanz zur Macht gelebt hat. Und ich finde einen Jesus, der mit seinen Freunden keine nette Parallelkultur am idyllischen See Genezareth aufgezogen hat, sondern sie ausgesandt hat, um die bedrückenden Aspekte der Kultur seiner Zeit im Auftrag und in der Kraft Gottes zu verändern.

Jesus hat einmal gesagt, dass selbst die „Pforten der Hölle“ die Gemeinschaft seiner Nachfolger nicht wird überwinden können. Deshalb habe ich überhaupt keine Angst darum, dass Christen oder das Christentum unserer oft glaubensfernen bis glaubensfeindlichen Kultur nicht überleben oder nicht eine positive Rolle spielen könnten.

Für mich besteht Anlass zur Sorge vielmehr dann, wenn sich Christen auf einen der Irrwege von Privatisierung, Politisierung oder in eine Parallelkultur begeben. Denn auf diesen Wegen leben Christen an der Berufung von Christus vorbei, die er über seinen Nachfolgern ausgesprochen hat. Auf diesen Wegen hat das Christentum keine Zukunft.

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Warum „christlich“ keine gute Marke ist

Eine gute Marke ist profiliert, sagen Marketingfachleute. Sie ist mit einer beabsichtigten Bedeutung „aufgeladen“. Sie vermittelt eine klare Botschaft: Jeder weiß, was sie bedeutet. Das alles ist die Marke „christlich“ nicht.

„Christ“ ist keine geschützte Marke. Keine eindeutig positionierte Marke. Keine scharf definierte Marke. Im Neuen Testament taucht die Bezeichnung nur dreimal auf – und dann auch nur als abschätzige Bezeichnung, die den Jesus-Nachfolgern des 1. Jahrhunderts von Kritikern verpasst wurde. Diese… Christen!

Deshalb verwundert es kaum, dass man heute fast alles und jedes unter dem Label „christlich“ firmieren, propagieren und verkaufen kann. Zu fast jedem politischen, ethischen oder gesellschaftlichen Thema finden sich auf beiden Seiten der Diskussion Menschen mit dem Aufkleber „Christ“. Fast alles, was sich irgendwie – und sei es über drei Ecken – mit Jesus Christus, der Kirche oder abendländischen Moralvorstellungen in Verbindung bringen lässt, wird heute als „christlich“ etikettiert. Und wenn nicht von den Vertretern der „Sache“ selbst, dann auf jeden Fall abschätzig von ihren Kritikern.

Fast so wie im 1. Jahrhundert.

Und weil das Label „Christ“ so unscharf , undefiniert und verschwommen daher kommt, verlangt es seinen Trägern auch kaum etwas ab. „Christ“ kann man einfach so sein. Oder „sich bemühen es zu sein“. Oder „die beneiden die es sein wollen“. In unserer pluralistischen und individualistischen Gesellschaft ist „Christ“ zu einem von tausenden möglichen fashion statements geworden. So wie ich mir mit den weißen iPod-Kopfhörern ein Label aufklebe (das mir außer Geld nichts abverlangt) oder bei Starbucks Lifestyle-Kaffee schlürfe (OK, der schmeckt wirklich lecker. Verlangt mir außer Geld aber auch nichts ab), bin ich eben mit dem Label „Christ“ unterwegs.

Ganz anders als im 1. Jahrhundert.

Damals war das Label „Christ“ enorm teuer. Denn es war mit enormen Konsequenzen verbunden für den, der damit in Verbindung gebracht wurde. Das finde ich irgendwie passend – denn Jesus selbst hat die zu einem Leben in Konsequenz herausgefordert, die ihm nachfolgen wollten. Und nicht zu einem Label. Steht so in Markus 8,34:

„Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

Die, die seinem Ruf folgten, haben sich denn auch „Nachfolger“ genannt. „Jünger“. Die Anhänger des „Weges“. Wer zu Jesus gehörte, hatte eine neue Richtung in seinem Leben eingeschlagen. Wer zu Jesus gehörte, für den war seine Nachfolge kein fashion statement. Wer zu Jesus gehörte, der versuchte so zu leben wie Jesus es an seiner Stelle auch getan hätte.

Und heute?

Niemand wird das verschwommene, mißbrauchte und mißverständliche Label „Christ“ nach 2000 Jahren neu und anders definieren können. Ganz ehrlich, ich habe die Nase voll. Nicht von Christus, sondern von unserem heutigen Adjektiv „christlich“. Vielleicht wäre das Verständnis der Jesus-Nachfolger aus dem 1. Jahrhundert auch heute eine bessere Definition für die, die zu Jesus gehören:

Wer zu Jesus gehört, der versucht so zu leben wie Jesus es an seiner Stelle auch tun würde.

Egal, wie man das dann nennt.

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Die Angepassten retten uns nicht

“The saving of our world from pending doom will come, not through the complacent adjustment of the conforming majority, but through the creative maladjustment of a nonconforming minority.”

Hat Martin Luther King mal gesagt. Und Recht behalten. Der Satz gefällt mir!

„conforming majority“ oder „nonconforming minority“ – zu welcher Gruppe gehörst du?

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