Stichwort: Medien

Stille – Begegnung mit der Wirklichkeit

Von der elektronischen Saftpresse bis zum Smartphone – die meisten unserer Erfindungen der letzten 50 Jahre haben uns versprochen, das Leben einfacher, bequemer, schöner zu machen. Einige dieser Erfindungen haben das sogar tatsächlich geschafft. Gleichzeitig haben sie alle noch etwas anderes geschafft: Sie haben unser Leben voll gemacht. Laut. Beschäftigt.

Eine unheilige Allianz aus der Sehnsucht der Hersteller nach Umsatz, der Sehnsucht der Konsumenten nach Konsum und der Sehnsucht des modernen Menschen nach Fortschritt hat in vielen Menschen eine ganz neue Sehnsucht hervorgebracht: Die Sehnsucht nach Stille.

“Kein Problem für mich?” – wie wär’s mit einem ehrlichen Blick durch ein Experiment: Schalte dein Lieblingsgerät aus und achte darauf, was sich in dir verändert. Erleichertung? Unruhe? Panik? Alle, die das völlig unbeeindruckt und gelassen tun können, brauchen nicht mehr weiter zu lesen. Allen anderen (und mir selbst) sage ich frei nach Apollo 13:

Wir haben ein Problem.

Wir haben verlernt, wie Stille geht. Nicht, wie man sie herstellt – sondern wie man darin lebt. Dahinter stecken tief vergrabene Motive, die wir im normalen Alltag in der Regel niemals hinterfragen:

  • Ich bin bedeutungslos, wenn niemand mehr mit mir Kontakt aufnimmt.
  • Ich muss mich mit den Brüchen meines Lebens auseinander setzen, sobald ich nichts mehr tue das mich ablenkt.
  • Ich werde etwas wichtiges in der Welt da draußen verpassen – möglicherweise als einziger.

Kein Wunder, dass wir jedes Mal zum Hörer greifen, wenn das Telefon klingelt. Bei jedem Vibrieren des Handys auf das Display schauen. Alle halbe Stunde unsere Mails checken. Unser Smartphone auf dem Nachtisch liegen haben. Den Fernseher oder Facbeook einschalten, wenn wir “einfach mal entspannen wollen”.

Dabei müssen wir gar nicht alles wissen. Müssen nicht perfekt, ohne Fehler und Brüche sein. Müssen nicht mit allen in Kontakt stehen. Denn in Wirklichkeit wir sind nicht Gott.

Ein kluger Mann hat von Gott schon tausende Jahre vor Erfindung der elektrischen Saftpresse gelernt, wie diese Erkenntnis und die Fähigkeit zur Stille zusammen gehören (Psalm 46,11):

Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin!

Stille lässt uns tatsächlich der Wirklichkeit begegnen, dass wir nicht Gott sind. Und umgekehrt: Erst die innere Zustimmung zu dieser Gewissheit lässt uns wahrhaft innerlich still werden.

Bereit für eine Begegnung mit der Wirklichkeit?

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Steve Jobs & ich

Heute nacht ist Steve Jobs gestorben, heute morgen sind die Online-Ausgaben der großen Zeitungen voll davon. Und ich merke dass ich selbst seltsam berührt bin vom Tod eines Menschen, den ich nicht persönlich gekannt habe, der nicht mehr war als der Chef einer Firma, die mein Handy hergestellt hat und meinen Computer.

Warum eigentlich?

Ist das nur die Kehrseite des völlig überdrehten Medien-Hypes der letzten Jahre, die den Hersteller technisch mittelmäßiger Mobiltelefone völlig übertriebenerweise zur wertvollsten Firma der Welt gemacht? Ist das ein Zeichen, einem Technik-Kult erlegen zu sein, der eindeutig religiöse Züge trägt und ein völlig übersteigertes Konsumdenken befördert hat?

Vielleicht ist da etwas dran. Aber ich glaube, da ist mehr, warum mich die Nachricht vom Tod von Steve Jobs berührt:

1. Die Lebensleistung. Jobs ist einer der letzten Pioniere aus der Anfangszeit des Silicon Valley gewesen. Lange bevor das Internet kam und die Mark Zuckerbergs (Facebook) und Larry Pages (Google) dieser Welt reich und berühmt gemacht hat. Jobs hat in der Garage seiner Eltern den ersten Apple-Computer mit Holzgehäuse zusammengeschraubt, ein Unternehmen gegründet, er wurde aus seinem eigenen Unternehmen rausgeworfen, ist Jahre später wiedergekommen – und hat Apple heute zur wertvollsten Firma der Welt gemacht. Bei vielen Fehlschlägen ist er immer ein Innovationstreiber gewesen – mit massiven Auswirkungen darauf, wie wir heute unsere Computer benutzen (Bedienoberfläche), Musik hören (MP3 Player), Filme machen (Pixar) oder mobil telefonieren (Touchscreen). Vieles davon gab es schon, vieles machen andere technisch besser – aber Jobs hat immer wieder alles auf eine Karte gesetzt und hat mit Apple Neuland betreten. Davor habe ich Respekt.

2. Die Leiterschaft. Vermutlich war Jobs kein angenehmer Chef. Die Informationen aus dem Apple-Imperium sind dünn gesät; es scheint plausibel dass er ein Kontrollfreak war und nicht selten diktatorische Züge im Umgang mit seinen Mitarbeitern an den Tag legte. Vermutlich hätte ich nicht gerne mit ihm zusammen gearbeitet. Aber dennoch hat mich an seinem Leitungsstil vieles inspririert und mir wichtige Fragen für meine eigene Leiterschaft mitgegeben: Habe ich den Mut, kreative neue Wege zu beschreiten und nicht einfach das zu kopieren, was andere tun? Habe ich den Mut, einen als richtig erkannten Weg auch bei Kritik und Unverständnis beizubehalten?  Habe ich den Mut, meine eigene Lebensberufung auszuleben? Und: Werde ich einmal den Mut haben, eine Verantwortung rechtzeitig innerlich und äußerlich loszulassen, wenn es dran ist?

3. Der Mensch. Erfolg erzeugt Kritiker. Was wurde in der Fachpresse in den letzten Monaten nicht diskutiert, hinterfragt und kritisiert: Was wird aus Apple wenn Jobs einmal stirbt, warum trifft er keine Nachfolgeregelung? (Es gab sie längst, und Jobs hat sich rechtzeitig zurückgezogen.) Warum ist die Vorstellung des iPhone 4S so wenig begeisternd verlaufen? (Dienstag abend wusste die Apple-Führungsriege vermutlich schon, dass Steve Jobs nur noch Tage zu leben hätte.) Warum spendet Steve Jobs eigentlich nicht einen Teil seines Vermögens so wie andere? (Inzwischen weiß man, dass er viel mehr gespendet hat als andere, die sich öffentlich gerne als Wohltäter zeigen.) Ob diese Kritik nun berechtigt ist oder nicht – es ist vor allem auch ein Mensch gestorben, so wie es zehntausendfach jeden Tag auf dieser Welt passiert. Bei allem Hype hat Jobs seine Frau und seine Kinder stets von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Im Kreis dieser Familie ist er nun gestorben, und diese Familie trauert um ihren Ehemann und Vater wie unzählige andere Familien heute auch auf der ganzen Welt.

Umso befremdlicher finde ich, wenn sich manche Christen im Netz an der Frage abarbeiten, ob da jetzt ein ehemals überhöhter Technik-Messias dem echten Messias begegnet, oder ob Jobs christliche Glaubensüberzeugungen hatte. Ist das das erste und wichtigste, was Christen zum Tod von Steve Jobs zu sagen haben?

Ich finde, als Christ ist die eigentliche Frage an mich heute eine ganz andere. In Abwandlung der Rede von Jesus über “den schmalen und den breiten Weg” (Matthäus 7,13) formuliert:

Stell dir vor, es gibt einen breiten Weg, auf dem alle gehen, der aus Routine besteht, der normal ist, üblich, einigermaßen frei von Kritikern, risikolos, berechenbar und bequem. Und es gibt einen schmalen, steinigen, mühsamen Weg, auf dem ich Widerstände überwinden muss und meinen inneren Schwenehund, auf dem mir Unverständnis und Kritik der Umgebung entgegenschlägt. Ein Weg, auf dem ich viele Rückschläge einstecken muss, der mich letztlich in die eigene Lebensberufung hineinführt, ein Weg der dazu führt, dass die Welt ein Stück besser wird, dass das Leben vieler Menschen positiv verändert wird, dass Menschen gesegnet werden, dass sich das Reich Gottes ausbreitet.

Wenn ich diese beiden Wege vor mir hätte – welchen würde ich wählen?

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