Stichwort: Wachstum

Leiten in unsicheren Zeiten

Wir leben in turbulenten Zeiten. Technische wie gesellschaftliche Umbrüche vollziehen sich in immer rasanteren Zyklen. Geschäftsmodelle, die gestern noch funktionierten, sind scheinbar über Nacht unrettbar dem Untergang geweiht. Eine loyale Unterstützerbasis, auf die sich Gemeinden wie Non-Profit-Organisationen gestern noch unhinterfragt verlassen konnten, haben über Nacht scheinbar angefangen zu zersplittern. Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die gestern noch gutes Management ausgezeichnet haben, sind über Nacht scheinbar ineffektiv geworden. In Zeiten steigender Veränderungsgeschwindigkeit, wachsender Unsicherheit, zunehmender Komplexität und schwindenden Gewissheiten sehen sich viele Leiter und Führungskräfte vor der Herausforderung, das Leiten zum Teil neu lernen zu müssen. Wie viele andere fühle ich mich mittendrin in diesen Zeiten. Und manchmal ist die Turbulenz auch innen, verbunden mit der Frage wie man eigentlich leiten müsste, um diesen Anforderungen gerecht zu werden.

Der IT- und Managementexperte George Ambler aus Südafrika benennt in seinem Beitrag “The 7 Habits of Purposeful Managers” als eine der zukünftig wichtigsten Kernkompetenzen die Fähigkeit, mit Energie und Fokus zu leiten. Was nach einer Untersuchung von Heike Bruch and Sumantra Ghoshal in der Regel nur 10% der Führungskräfte wirklich schaffen. Die übrigen 90% verlieren sich in Ablenkungen, innerlicher Abmeldung oder Aufschieberitis.

Ambler beschreibt insgesamt 7 Symptome, an denen man die 10% der Führungskräfte seiner Meinung nach erkennen kann, die mit Energie und Fokus leiten:

  1. Selbstreflektiertheit
  2. Klarheit über eigene Absichten und Berufung
  3. Weisheit in der Auswahl der Ziele und Konflikte
  4. Gutes Selbstmanagement von Zeit und Energie
  5. Proaktive Stressbewältigung
  6. Gesunde Schlaf-, Sport- und Ernährungsgewohnheiten
  7. Aufbau eines untersütztenden Netzwerkes

Ich finde: Hinter diesen Symtpomen steckt eine riesige persönliche Herausforderung für jeden Leiter. Aber – und das ist für mich die positive Nachricht – auch eine tatsächliche Handlungsalternative zum resignierten Gefühl des eigenen Ungenügens angesichts turbulenter Zeiten. Was ist unter diesen 7 Symptomen zur Zeit deine wichtigste Baustelle?

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Hoffnung on-demand

Es gibt manche Dinge im Leben, die gehen nicht schnell. Es gibt Vorgänge, die gehen nicht auf Knopfdruck. “Alles hat seine Zeit”, sagen wir. Für einige der wichtigsten Dinge im Leben gilt auch: “Alles braucht seine Zeit”.

Hoffnung, zum Beispiel.

Der Mensch kann mit vielen Entbehrungen leben lernen: Eine Zeitlang ohne Freunde. Eine Zeitlang ohne Essen. Eine Zeitlang ohne Gesundheit. Aber nie ohne Hoffnung. Nichts brauchen wir dringender als Hoffnung – als einzelne genauso wie als Familie oder als Gesellschaft. Hoffnung ist die Gewissheit, dass die Dinge nicht so bleiben müssen wie sie sind. Dass es einen positiven Weg nach vorn gibt. Dass das Leben eine Einbahnstraße ist aber keine Sackgasse.

Gleichzeitig gibt es Hoffnung nicht auf Knopfdruck. Hoffnung kann ich nicht kaufen, nicht bestellen, nicht herunterladen. Hoffnung gibt es nicht bei einer Hotline, im Online-Shop oder als App. Hoffnung ist keine Dienstleistung und kein Produkt, sondern eine Frucht. Etwas, das wie alle Früchte aus anderen Dingen in seiner ganz eigenen Geschwindigkeit hervorwächst.

Und manchmal besteht der Nährboden für Hoffnung aus etwas, das auf den ersten Blick so gar nichts mit einem positiven Weg nach vorn zu tun hat. Leid zum Beispiel. Oder, im alten Lutherdeutsch: “Bedrängnis”. In der Bibel wird das einmal so beschrieben (Römer 5, 3-5):

“Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.”

Bedrüngnis, Geduld, Bewährung – das sind alles keine Modevokabeln unserer Instant-on wartezeit-allergischen Dienstleistungsgesellschaft. Es sind alte Worte – sperrig und lebenstüchtig. Sie spiegeln die Lebenserfahrung und Lebensweisheit derer wieder, die Jahrhunderte vor uns gerungen haben mit schwierigen Umständen und der Sehnsucht nach Besserung.

Die Bibelverse aus Römer 5 formulieren keine Ursache-Wirkung-Kette, wo wie in einer Dominorallye Geduld sofort auf Bedrängnis folgen würde, Bewährung auf Geduld und – zack! – Hoffung auf Geduld. Was hier vielmehr beschrieben wird, ist ein Wachstumsprozess: Aus Situationen der Bedrängnis, der negativen Lebenseinschränkungen heraus, kann Geduld wachsen – die Fähigkeit, Dinge zu ertragen die ich nicht schnell ändern kann. Und wer mit solchen Geduldssituationen persönlich umgehen gelernt hat, hat eine gewisse Krisenfestigkeit entwickelt, er hat sich bewährt. Und aus der Erfahrung der Bewährung heraus kann Hoffnung wachsen, dass Gott einen Menschen auch mit einem begrenzten, gebrochenen, nicht immer geradlinigen und umwegreichen Leben in eine strahlende Zukunft hinein führt.

Bedrängnis – Geduld – Bewährung – Hoffnung: Dieser Wachstumsprozess gilt nicht nur für in pragmatischen Lebensfragen, sondern erst recht für die innere, geistliche Entwicklung eines Menschen. Geistliche Reife kennt keine Abkürzung. Die richtigen Bücher lesen, die richtigen Kongresse besuchen, die richtigen DVDs kaufen, die richtigen Gebetsformeln sprechen – das alles behandelt Hoffnung als Produkt, nicht als Frucht. Und deshalb ist der Ertrag solcher “Hoffnungsbeschleuniger” auf die Dauer mehr als begrenzt.

Ja, ich hätte so gerne Hoffnung on-demand: Auf Knopfdruck, sofort verfügbar, jederzeit und an jedem Ort. Und nein, für Hoffnung gibt es leider keine Abkürzung. Aber vielleicht öffnen mir die Verse aus Römer 5 einen anderen Blick auf meine Bedrängnisse. Und helfen mir zu erfahren, dass es bei Gott immer einen positiven Weg nach vorn gibt.

Das ist meine Hoffnung.

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Kämpfe eines Leiters

Vor einigen Wochen habe ich einen Satz gehört, der mir sehr geholfen hat, schwierige Leute mit anderen Augen zu sehen:

Jeder hat seine eigenen Kämpfe, die er kämpfen muss.

Auch die Menschen/Kollegen/Bekannte, die mir so oft querliegen. Auch die, über die ich regelmäßig den Kopf schüttele. Auch die Blutdrucksteigerer meiner Welt. Manche davon trragen ihre Kämpfe sehr öffentlich aus – aber bei den meisten Menschen bleibt weitgehend unsichtbar, womit sie sich auseinandersetzen. Und das gilt – glaube ich – erst recht für Leiter.

Terry Starbucker hat vor zwei Jahren einmal zusammen geschrieben, auf welchen Feldern ein Leiter typischerweise innerlich kämpft. Nicht alles trifft auf jeden zu, aber wenn du Leitungsverantwortung hast, findest du dich sicher in dem ein oder anderen Punkt wieder (ich tue es jedenfalls):

  1. Menschen <-> Projekte. Es ist meistens so viel leichter, Sachaufgaben gut zu lösen als robuste Beziehungen zu bauen. Gute Leiter fördern zuerst die Menschen. Und wissen, dass sie damit automatisch auch Projekte  langfristig voran bringen.
  2. Schutz von Mitarbeitern <-> Weitergabe von Anordnungen. Das ist die besondere Herausforderung im mittleren Management: Entscheidungen von weiter oben in der Hierarchie so an das eigene Team weiter zu geben, dass die Leute konstruktiv damit umgehen können. Ungefiltertes Durchleiten und Kumpanei gegen “die da oben” sind beide einfach – und beide schlechte Leiterschaft.
  3. Vertrauen <-> Furcht. Oft bekommt man Resultate einfacher und schneller, in dem man Furcht verursacht statt Vertrauen investiert. Furcht ist wie Traubenzucker für den Sportler: Es wirkt kurzfristig, senkt aber langfristig die Leistungsfähigkeit. Einfache Checkfrage für alle hier versuchlichen Leiter: Wie möchtest du selbst, dass dein Chef oder diene Chefin mit dir umgehen – mit Furcht oder mit Vertrauen?
  4. Demut <-> Ego. Als Gesellschaft pflegen wir den Nimbus des durchsetzungsfähigen Leiters “mit Ellenbogen”. Unser System befördert nicht selten die Macher, Selbstdarsteller und die Machtmenschen. Und doch ist nichts attraktiver für Mitarbeiter und nichts produktiver für eine Arbeitskultur als ein Leiter, der gemeinsame Erfolge seinen Leuten zugute hält und gemeinsame Fehler sich selbst zuschreibt.
  5. Willen zum Erfolg <->Angst vor Versagen. Keinen Fehler zu machen, ist keine gute Leitungsstrategie. Sie wird über kurz oder lang scheitern. Wer nicht den Erfolg erreichen will sondern nur den Misserfolg verhindern, wird das Potential seiner Mitarbeiter und das Potential seiner Organisation nicht wirklich ausschöpfen können.
  6. Empathie <-> Abgehobenheit. Einfach: Wer sich für die Leute in seinem Umfeld nicht wirklich persönlich interessiert (und ihnen das auch zeigt), muss sich nicht wundern wenn jeder abliefert was in seinem Arbeitsvertrag steht – und kein Jota mehr. Ehrenamtliche Mitarbeiter führen geht so ohnehin überhaupt nicht.
  7. Großes Bild <-> tägliche Details. Die meisten Leiter tendieren nicht dazu, zu viel vom großen Bild zu sehen und zu wenig ins Tagesgeschäft einzutauchen. Meistens ist es andersherum: E-Mails, Meetings, Anrufe, To Do-Listen leben uns – und viel zu selten treten wir mal einen Schritt zurück und betrachten das ganze Bild. Aber wenn das der Leiter nicht tut, wird es niemand tun.
  8. “Wir” <-> “Die”. Baust du ein Silo, denkst du in Konkurrenz, malst du ein Feindbild? Gute Leiter bauen Brücken und keine Mauern. Wer die eigene Arbeit innerhalb einer Organisation über die Abgrenzung gegen andere (oder die Leitung) definiert, züchtet Mitarbeiter heran, die sich über Abgrenzung zu ihren Kollegen (oder ihrem Leiter) definieren

Ich finde es mutmachend zu wissen: Dass ich kämpfen muss, ist kein Zeichen mangelnden Eignung  – es gehört zum Leben und der Entwicklung eines Leiters oder einer Leiterin dazu. Und ich bin nicht alleine in diesem Kampf. Denn jeder hat seine Kämpfe, die er kämpfen muss.

 

Welches sind deine?

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