Was bedeutet das Internet für die christliche Gemeinde? Wie verändert es die Art und Weise, wie wir Kirche sehen und definieren? Gerade gestern wurde ich wieder gefragt, bei einem Vortrag über Internet-Mission vor dem Global Leadership Team der internationalen Missions- und Medienorganisation Transworld Radio: „What about cyber church?“ – kann es so etwas geben wie eine Internet-Kirche, eine Gemeinschaft im Namen Jesu wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen – in einem Chatroom? Bei Facebook? Eingeloggt in einen virtuellen Megachurch-Campus?

Die Argumente der Befürworter sind zahlreich: Das gibt es ja längst (Beweisführung durch vollendete Tatsachen), wir kennen Leute die über das Internet Christen geworden sind, was ist mit Leuten die Schicht arbeiten, usw.

Und ja – all diese Argumente sprechen dafür, dass persönlich relevante geistliche Entwicklungsprozesse (sprich: „Heiligung“) über das Internet ausgelöst, begleitet, unterstützt werden können. Das bestätigt auch unsere tägliche Arbeit bei ERF Online.

Manche Argumente sind auch etwas lächerlich, zum Beispiel dass „Internet-Kirche in der Bibel schließlich nicht verboten ist“ (Douglas Estes). Als ob wir Ekklesiologie – die Lehre von der Gemeinde – auf ein großes Schweigen der Schrift bauen könnten! Wenn man alle Aspekte von Kirche zusammen nimmt, wogegen in der Bibel nicht ausdrücklich Position bezogen wird – haben wir dann eine klare, konstruktive, geistliche, relevante Definition von „Kirche“? Wohl kaum.

Bob Hyatt stellt die in meinen Augen einige der entscheidenden Gegenfragen:

  • Verstärkt „Internet-Kirche“ nicht die Diktatur des Konsumenten-Christentums, die gerade in der religiösen Marktwirtschaft unserer westlichen Kultur schon viel zu lange gewütet hat?
  • Wie sollen Menschen authentisch mit Fehlern und Versagen umgehen lernen, wenn ich mich jedem Konflikt einfach dadurch entziehen kann, indem ich den Stecker ziehe wenn es mir zu heiß wird?
  • Wie wollen mich andere herausfordern, ermutigen, trösten, ermahnen, konfrontieren, mir die Hände auflegen oder mich segnen, wenn ich für sie nur ein Benutzername in einer Online-Community bin?
  • Taufe und Abendmahl sind – auch im reformatorischen Verständnis – mehr als nur ein „liturgisches Logo“ von Kirche. Niemand kann sich selbst taufen oder sich selbst Brot und Wein reichen. Manche Dinge müssen wir gesagt bekommen.

Keine Frage: Bevor ein Schichtarbeiter oder Handelsreisender nirgendwo in einer Gemeinde zu Hause sein kann, mag er einen virtuellen Hauskreis besuchen. Wer wochenlang ans Bett gefesselt ist, mag Gottesdienste im Internet mitverfolgen. Ich selbst beziehe immer wieder ganz entscheidende Impulse für mein eigenes geistliches Wachstum über das Internet. Das Internet ist eine Brücke – aber niemand geht auf eine Brücke um dort für immer zu bleiben. Eine Brücke führt immer irgendwohin. Eine reine Internet-Kirche – das halte ich für einen Irrweg.

Um noch einmal Bob Hyatt zu zitieren:

Ich bin nicht gegen das Internet – mann, ich habe meine Frau online kennen gelernt! Aber was wäre heute, wenn wir damals dabei stehen geblieben wären?

Möchte jemand widersprechen?