Habe mich neulich mit einem ausführlichen Artikel von Krish Kandiah über „Authentic Evangelism“ (authentische Evangelisation) auseinander gesetzt. Kandiah zeigt darin anhand der missiologischen Arbeit von Leslie Newbigin die Besonderheiten der europäischen Geistesgeschichte auf (Stichwort Aufklärung und Postmoderne) und erklärt, warum so manche traditionellen Methoden den christlichen Glauben zu vermitteln in Europa nicht (mehr) funktionieren.

Was Europa von vielen anderen Regionen der Welt kulturell grundlegend unterscheidet, ist nach Newbigin die Art und Weise, wie wir „Fakten“ und „Werte“ voneinander trennen:

„Normalerweise stellen wir den Begriff „Fakt“ in einen Gegensatz zu Begriffen wie „Glaube“, „Meinung“ oder „Wert“. In unserer Kultur sind „wert-freie Fakten“ die höchste aller Währungen“.

Diese Währung der „wert-freien Fakten“ gehört für uns Europäer in die öffentliche Diskussion – alles andere haben wir zur Privatsache erklärt. Objektive Fakten werden an Schulen gelehrt – subjektive Werte verbannen wir in unsere private Welt und machen sie zur „Ansichtssache“. Dazu nochmal Newbigin:

„Unsere Werte – unsere Ansichten von Gut und Böse – sind eine Frage der persönlichen Überzeugung, die natürlich jeder für sich haben darf. Aber Fakten erfordern per se eine öffentliche Übereinstimmung – das ist der Kern unserer Kultur.“

„Wenn wir von Fakten reden, reden wir von „richtig“ oder „falsch“, „wahr“ oder „unwahr“. Aber was unsere Werte angeht – und erst recht die religiösen Überzeugungen auf denen diese Werte basieren – benutzen wir diese Sprache [in Europa] nicht. Diese Dinge sind Fragen der persönlichen Vorlieben.“

Krish Kandiah geht dann der Frage nach, wie diese starke Ungleichbehandlung von „öffentlichen Fakten“ und „privaten Werten“ geistesgeschichtlich entstanden ist – und er landet dabei letztlich dabei, dass wir im Zuge der Aufklärung in der Moderne „die Wissenschaft“ zur höchsten Instanz unserer Gesellschaft erhoben haben.

Seitdem versucht jede andere Disziplin, sich möglichst „wissenschaftlich“ darzustellen – bis in die Theologie hinein. Je mehr sie von der Moderne in den Bereich des Subjektiven abgedrängt wurden, desto stärker versuchten Christen apologetisch zu argumentieren. Zum Beispiel, indem die Faktenlage der Auferstehung Jesu erklärt wird oder rationale Argumente für die Existenz Gottes angeführt werden. Apologetik so wie wir sie heute kennen, ist in dieser Hinsicht ein Kind ihrer Zeit.

Aber nicht nur die Apologetik – auch in der Verkündigung und Evangelisation haben wir die biblischen Erzählungsstränge in logische Sequenzen und rationale Konzepte kondensiert, damit sie ihren Platz auf dem wissenschaftlichen Seziertisch der Moderne möglichst behaupten mögen. Prägnantes Beispiel: Die „vier geistlichen Gesetze“; eine kurze Erklärung des Evangeliums, in deren Vorwort es heißt: „So wie das physikalische Universum von Naturgesetzen regiert wird, gibt es geistliche Gesetze die die Beziehung des Menschen zu Gott regieren.“

Wenn man das Evangelium in der modernen Weltsicht in solcher Weise als „rationales Informationspaket“ versteht, liegt der Gedanke nahe, dieses Paket auch medial zu verbreiten. Verkündigung wird zum massenmedialen „Versenden“ der rationalen Evangeliumserklärung, sei es in Text- oder Videoform.

Aber was in vielen modernen Kulturen auch (noch) gut funktioniert, wird in Europa immer wirkungsloser. Ein Bezug auf ein wissenschaftlich-faktisch seriöse Grundraster des Evangeliums greift nicht mehr, weil wir in der Postmoderne die Rationalität als Mittel zur Erforschung der „objektiven Wahrheit“ aufgegeben haben. Wo es überhaupt keine höchste Instanz mehr gibt – nicht einmal die wissenschaftliche Weltsicht – gibt es auch keine allgemein anerkannten geistlichen Gesetze, denen wir unterworfen wären. Das ist der tiefste Grund für Kandiah, warum in der Evangelisation die Methoden der Moderne in Europa immer weniger funktionieren.

In seinem Artikel plädiert er darum für eine Wiederentdeckung der Ganzheitlichkeit des Evangeliums – ganzheitlich in mehrfacher Hinsicht:

„Wenn das Evangelium [so wie in der Moderne gedacht] einfach ein Informationstransfer von einer Person zu einer anderen ist, dann kann Evangelisation die Weitergabe eines Traktats, eines Videos oder einer Predigt sein.

Aber wenn das Evangelium sowohl die Verbreitung der guten Nachricht ist, dass ein weltveränderndes Ereignis stattgefunden hat, ALS AUCH das persönliche Durchleben der Auswirkungen dieser Weltveränderung als einzelne Person und als Gemeinschaft – DANN wird es in der Evangelisation wesentlich darauf ankommen, das Evangelium verkörpert im Leben einer Kirche oder Gemeinde mitzuerleben“

Ich nehme für mich mit:

Rationale Argumente überzeugen immer weniger – nicht weil die Gegenargumente zu stark wären. Sondern weil in der Postmoderne Argumente immer weniger interessieren.

Was wir in der Evangelisation der Moderne als „Nacharbeit“ nach erfolgtem Informationstransfer an örtliche Kirchen und Gemeinden delegiert haben, ist deshalb der eigentlich entscheidende Prozess, wenn Menschen in einen persönlichen Glauben hinein wachsen sollen. In einem postmodernen Kontext muss das Evangelium persönlich erlebt werden, es muss prozesshaft erlebt werden, und es muss gemeinschaftlich erlebt werden. Das ist für mich auch der Grund, warum viele Glaubensgrundkurse so gut funktionieren.

Mit diesen Gedanken unterfüttert Krish Kandiah vieles von dem, was wir bei ERF Online beim Jesus-Experiment versucht haben umzusetzen: Evangelisation in einem Medium, aber nicht nach dem „alten“ Informationstransfer-Paradigma der Moderne, sondern ausgerichtet nach dem dreidimensionalen postmodernen Koordinatensystem „authentisch – prozesshaft – gemeinschaftsorientiert“.

Man kann das sicher auch alles ganz anders machen. Aber bitte nicht einfach nur die richtigen Ansätze aus der Zeit der Moderne mit heutigen Technologien aufbrezeln. Das hieße, Evangelisation in Europa letztlich falsch anzupacken.