Heute nacht ist Steve Jobs gestorben, heute morgen sind die Online-Ausgaben der großen Zeitungen voll davon. Und ich merke dass ich selbst seltsam berührt bin vom Tod eines Menschen, den ich nicht persönlich gekannt habe, der nicht mehr war als der Chef einer Firma, die mein Handy hergestellt hat und meinen Computer.

Warum eigentlich?

Ist das nur die Kehrseite des völlig überdrehten Medien-Hypes der letzten Jahre, die den Hersteller technisch mittelmäßiger Mobiltelefone völlig übertriebenerweise zur wertvollsten Firma der Welt gemacht? Ist das ein Zeichen, einem Technik-Kult erlegen zu sein, der eindeutig religiöse Züge trägt und ein völlig übersteigertes Konsumdenken befördert hat?

Vielleicht ist da etwas dran. Aber ich glaube, da ist mehr, warum mich die Nachricht vom Tod von Steve Jobs berührt:

1. Die Lebensleistung. Jobs ist einer der letzten Pioniere aus der Anfangszeit des Silicon Valley gewesen. Lange bevor das Internet kam und die Mark Zuckerbergs (Facebook) und Larry Pages (Google) dieser Welt reich und berühmt gemacht hat. Jobs hat in der Garage seiner Eltern den ersten Apple-Computer mit Holzgehäuse zusammengeschraubt, ein Unternehmen gegründet, er wurde aus seinem eigenen Unternehmen rausgeworfen, ist Jahre später wiedergekommen – und hat Apple heute zur wertvollsten Firma der Welt gemacht. Bei vielen Fehlschlägen ist er immer ein Innovationstreiber gewesen – mit massiven Auswirkungen darauf, wie wir heute unsere Computer benutzen (Bedienoberfläche), Musik hören (MP3 Player), Filme machen (Pixar) oder mobil telefonieren (Touchscreen). Vieles davon gab es schon, vieles machen andere technisch besser – aber Jobs hat immer wieder alles auf eine Karte gesetzt und hat mit Apple Neuland betreten. Davor habe ich Respekt.

2. Die Leiterschaft. Vermutlich war Jobs kein angenehmer Chef. Die Informationen aus dem Apple-Imperium sind dünn gesät; es scheint plausibel dass er ein Kontrollfreak war und nicht selten diktatorische Züge im Umgang mit seinen Mitarbeitern an den Tag legte. Vermutlich hätte ich nicht gerne mit ihm zusammen gearbeitet. Aber dennoch hat mich an seinem Leitungsstil vieles inspririert und mir wichtige Fragen für meine eigene Leiterschaft mitgegeben: Habe ich den Mut, kreative neue Wege zu beschreiten und nicht einfach das zu kopieren, was andere tun? Habe ich den Mut, einen als richtig erkannten Weg auch bei Kritik und Unverständnis beizubehalten?  Habe ich den Mut, meine eigene Lebensberufung auszuleben? Und: Werde ich einmal den Mut haben, eine Verantwortung rechtzeitig innerlich und äußerlich loszulassen, wenn es dran ist?

3. Der Mensch. Erfolg erzeugt Kritiker. Was wurde in der Fachpresse in den letzten Monaten nicht diskutiert, hinterfragt und kritisiert: Was wird aus Apple wenn Jobs einmal stirbt, warum trifft er keine Nachfolgeregelung? (Es gab sie längst, und Jobs hat sich rechtzeitig zurückgezogen.) Warum ist die Vorstellung des iPhone 4S so wenig begeisternd verlaufen? (Dienstag abend wusste die Apple-Führungsriege vermutlich schon, dass Steve Jobs nur noch Tage zu leben hätte.) Warum spendet Steve Jobs eigentlich nicht einen Teil seines Vermögens so wie andere? (Inzwischen weiß man, dass er viel mehr gespendet hat als andere, die sich öffentlich gerne als Wohltäter zeigen.) Ob diese Kritik nun berechtigt ist oder nicht – es ist vor allem auch ein Mensch gestorben, so wie es zehntausendfach jeden Tag auf dieser Welt passiert. Bei allem Hype hat Jobs seine Frau und seine Kinder stets von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Im Kreis dieser Familie ist er nun gestorben, und diese Familie trauert um ihren Ehemann und Vater wie unzählige andere Familien heute auch auf der ganzen Welt.

Umso befremdlicher finde ich, wenn sich manche Christen im Netz an der Frage abarbeiten, ob da jetzt ein ehemals überhöhter Technik-Messias dem echten Messias begegnet, oder ob Jobs christliche Glaubensüberzeugungen hatte. Ist das das erste und wichtigste, was Christen zum Tod von Steve Jobs zu sagen haben?

Ich finde, als Christ ist die eigentliche Frage an mich heute eine ganz andere. In Abwandlung der Rede von Jesus über „den schmalen und den breiten Weg“ (Matthäus 7,13) formuliert:

Stell dir vor, es gibt einen breiten Weg, auf dem alle gehen, der aus Routine besteht, der normal ist, üblich, einigermaßen frei von Kritikern, risikolos, berechenbar und bequem. Und es gibt einen schmalen, steinigen, mühsamen Weg, auf dem ich Widerstände überwinden muss und meinen inneren Schwenehund, auf dem mir Unverständnis und Kritik der Umgebung entgegenschlägt. Ein Weg, auf dem ich viele Rückschläge einstecken muss, der mich letztlich in die eigene Lebensberufung hineinführt, ein Weg der dazu führt, dass die Welt ein Stück besser wird, dass das Leben vieler Menschen positiv verändert wird, dass Menschen gesegnet werden, dass sich das Reich Gottes ausbreitet.

Wenn ich diese beiden Wege vor mir hätte – welchen würde ich wählen?