Es ist ein vertrautes rhetorisches Wechselspiel – sei es bei einer Gewerkschaftsdemo in Südamerika, einer emotionalen politischen Kundgebung im Nahen Osten oder auch in der Borussenwand im Westfalenstadion in Dortmund: Einer schreit, die Masse antwortet. Der „Schlachtruf“ der vielen drückt eine tiefe gemeinsame Überzeugung aus. Eine Motivation, die alle mobilisiert. Eine Leidenschaft, die wild in die Welt hinausschreit, was einfach nicht verschwiegen werden kann.

Gedankenexperiment: Wenn christliche Gemeindearbeit eine Demonstration wäre, ein Gottesdienst eine emotionale Kundgebung und Kirchenbänke eine Stehtribüne – was wäre der gemeinsame Schlachtruf der Leute, die ihr Leben Gott anvertraut haben?

Ein heißer Kandidat für die Antwort auf diese Frage wäre unzweifelhaft „Gottes Güte währt ewig“. Zumindest, wenn man sich Psalm 136 einmal in einem der beschriebenen Szenarien vorstellt:

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich… – denn seine Güte währet ewiglich!
Danket dem Gott aller Götter… – denn seine Güte währet ewiglich!
Danket dem Herrn aller Herren… – denn seine Güte währet ewiglich!

Diese ersten drei Verse fokussieren zunächst auf die Person, um die es geht: Wer wird hier gelobt, wer wird hier besungen, wem gilt der „Schlachtruf“? Es ist Gott, der Herr, der Schöpfer des Himmels und der Erde.

Nach der Person kommen seine Taten in der Geschichte – was hat dieser Gott vollbracht? Bewirkt? Bewegt? Angefangen von der Schöpfung bis zur Befreiung Israels aus Ägypten geht der Rufer Taten Gottes durch, die seinen Zuhörern vertraut gewesen sind – und all das ist Grund, Gottes Güte zu feiern. Einige Beispiele:

Der allein große Wunder tut… – denn seine Güte währet ewiglich!
Der die Himmel mit Weisheit gemacht hat… – denn seine Güte währet ewiglich!
Der sein Volk führte durch die Wüste… – denn seine Güte währet ewiglich!
Der uns erlöste von unsern Feinden… – denn seine Güte währet ewiglich!

Der Psalm endet schließlich mit einem Blick auf die täglich erlebte Versorgung – auch das ist anscheinend Grund, Gott zu feiern:

Der Speise gibt allem Fleisch… – denn seine Güte währet ewiglich!

„Gottes Güte währt ewig“ – kann man das denn so pauschal sagen? Ist das nicht Augenwischerei, Manipulation der Masse, Gehirnwäsche der Gottesleute; wissen diese Leute denn nicht, dass das Volk Israel in der Geschichte auch durch sehr schwere Zeiten gegangen ist? Dass es Tod, Zerstörung, Krankheit, Verrat, Scheitern und Niederlage gab? Dass in der täglichen Versorgung nicht immer alles gut läuft?

Meine Antwort darauf: Selbstverständlich wissen sie all das. Und doch steht am Ende des Tages (bzw. am Ende des Lebens) außer Frage, dass Gottes Güte einen längeren Atem hat als alle dunklen Zeiten. Dass am Ende kein anderes Fazit bleibt als „Gott hat es gut gemacht“. Dass es am Ende eine passende Antwort ist auf die Frage, warum jemand sein Leben Gott anvertraut, mit ihm zusammen gestaltet, an ihm festhält auch in dunklen Zeiten. Auf die Frage, wofür sich das alles lohnt: Denn seine Güte währet ewiglich!

Frage an dich und an mich: Lebst du heute so, als ob das stimmen würde?