Jesus der Sanftmütige, mit gütigem Blick und höchstens sanftem Tadel? Können wir vergessen. Jesus ist kein anti-autoritärer Sozialpsychologe, der auf seiner Ein-bisschen-Frieden-Tour durch das Universum einen Zwischenstopp auf unserem Planeten einlegt.

Jesus holt auch mal die Peitsche raus – im wahrsten Sinne des Wortes. Aufruhr, Chaos, Gewalt – die folgende Szene ist wie gemacht für einen Actionfilm (aus Johannes 2, 15-17):

[Jesus] fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus! Seine Jünger aber dachten daran, dass geschrieben steht (Psalm 69,10): »Der Eifer um dein Haus wird mich fressen.«

Viele Jahrhunderte zuvor war der erste Tempel in Jerusalem gebaut worden als sichtbares Symbol, dass Gott nicht fern von den Menschen im Himmel residiert sondern sozusagen in ihrer Mitte wohnen will. Bei der Einweihungsfeier hatten damals alle Anwesenden eine derartig überwältigende und übernatürliche Erfahrung der Gegenwart Gottes, dass sich außer Gott selbst zunächst niemand in den Tempel hinein wagte. Von Anfang an gab es mit den verschiedenen baulichen Vorhöfen sichtbare Andockpunkte für Menschen, die in der damaligen Zeit normalerweise wenig religiöse Erfolgsaussichten hatten – Frauen oder Ausländer in der damaligen Welt. Ursprünglich sollte der Tempel möglichst offen sein für möglichst viele Menschen, um zu begreifen und zu erfahren: Egal wer du bist – Gott will dir nahe sein, wenn du dich auf ihn einlässt.

Im Lauf der Jahrhunderte bis zu dem Tag, an dem Jesus die Peitsche rausholte, hatten sich die Dinge verändert. Die Religiösen hatten den Tempel als Basislager ihrer eigenen Frömmigkeit vereinnahmt. Viele Regeln waren eingeführt worden, die das Verhalten innerhalb der Tempelmauern genau regeln sollten. Dienstleister boten die gefragtesten Opfertiere on-demand und on-site an. Eine Sonderwirtschaftszone mit eigenem Geld hatte sich herausgebildet. Aus Gottes Wohnung in der Mitte des Volkes war ein Big Business geworden.

Dann holt Jesus die Peitsche raus. Er räumt hochsymbolisch alles aus dem Weg, was Menschen bei der Suche nach Gott in die Irre führt, ihnen den Zugang verstellt und nur der Selbstbefriedigung einer religiösen Subkultur dient. Seine Freunde müssen das wie alle anderen auch mit weit aufgerissenen Augen und Mündern verfolgt haben. War das derselbe Jesus, der barmherzig mit Sündern umging, jeden Sabbat in den Synagogen predigte, zahllose Menschen gesund machte? Sie lernte etwas neues über Jesus an diesem Tag – und etwas neues über das Herz Gottes: Gott ist so sehr auf der Suche nach seinen Menschen, dass er sich von wohlmeinenden Religiösen den Weg genauso wenig versperren lässt wie von den Trittbrettfahrern einer frömmelnden Subkultur. Gott räumt nicht nur mit den ethischen Verfehlungen Einzelner auf, sondern auch und vor allem mit einer frommen, selbstgefälligen Selbstgerechtigkeit.

Und heute?

Für Christen gibt es heute nicht den einen Ort, an dem Gott gegenwärtig wäre. Christen können an jedem Ort der Welt beten und Zugang zu Gott finden. Christen predigen, dass Gott jeden Menschen liebt. Dass man kein Geld wechseln und kein Tier opfern muss, um vor Gott gut da zu stehen. Christen lehren, dass die Gemeinschaft der Glaubenden der Tempel Gottes ist – der Ort, an dem seine Gegenwart und Kraft erfahrbar sein kann.

Alles gut, alles richtig – ich frage mich nur: Wie reagiert Jesus auf so manche Defizite unserer heutigen Kirchen- und Gemeindekultur? Wie reagiert er darauf…

  • …wenn Christen aus ihren Gemeinden fromme Basislager für die eigenen Bedürfnisse gemacht haben, statt sie als Andockpunkte für Menschen zu verstehen, die wenig mit Gott anfangen können?
  • …wenn Christen die wilde und unzähmbare Gegenwart Gottes in ihre Hausordnung eines gepflegten und geregelten religiösen Betriebs zu zwängen versuchen?
  • …wenn Christen eine Subkultur tolerieren, die manchmal mehr mit Business zu tun hat als mit Gottes Wohnung in ihrer Mitte?

Ich weiß nicht, ob Jesus in unseren Kirchen und Gemeinden heute auch manchmal die Peitsche rausholen würde. Oder müsste. Oder es sogar bisweilen hinter den Kulissen tut. Aber wer sich schon mal mit den so genannten „Sendschreiben“ in Offenbarung 2-3 näher beschäftigt hat, kann eigentlich zu keinem anderen Schluss kommen, als dass es Gott heute genauso wenig egal sind wie vor 2000 Jahren im Tempel in Jerusalem, wenn fromme Menschen es nicht-frommen Menschen schwer machen, sich auf Gott einzulassen.