Nach der Bundestagswahl verhandeln die Spitzen von CDU und SPD über eine mögliche Koalitionsregierung. Mindestlohn, Spitzensteuersatz, Betreuungsgeld – in vielen Themenfeldern geht es um die Frage, wessen Ansatz sich am Ende mehr durchsetzt. Wer macht welches Zugeständnis? Wer steigt in wessen Boot?

Wer in wessen Boot steigt, diese Frage stellte sich auch schon mal ganz praktisch für die Freunde von Jesus – passiert vor 2.000 Jahren auf dem See Genezareth (beschrieben in Johannes 6, 16-21):

Am Abend aber gingen [Jesus‘] Jünger hinab an den See, stiegen in ein Boot und fuhren über den See nach Kapernaum. Und es war schon finster geworden und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen. Und der See wurde aufgewühlt von einem starken Wind. Als sie nun etwa eine Stunde gerudert hatten, sahen sie Jesus auf dem See gehen und nahe an das Boot kommen; und sie fürchteten sich. Er aber sprach zu ihnen: Ich bin’s; fürchtet euch nicht! Da wollten sie ihn ins Boot nehmen; und sogleich war das Boot am Land, wohin sie fahren wollten.

Ich stelle mir vor, wie die Gruppe sich abmüht auf dem See, der berüchtigt ist für plötzliche Winde. Es ist Nacht. Starker Wind. Starke Wellen. Sie rudern seit einer Stunde durch das Dunkel, die Arme werden schwer, die Muskeln übersäuern, Hilfe von ihrem Meister ist genau so wenig in Sicht wie das rettende Ufer. Es besteht keine akute Lebensgefahr, aber es mühsam ohne Ausweg oder Zeitbegrenzung. Manche Menschen rudern so durch ihr Leben. Durch schwierige Situationen – gesundheitlich, beruflich, in einer Beziehung. Es ist dunkel, es ist mühsam, es ist aufwühlend.

Dann sehen die Ruderer Jesus – ihren Herrn und Meister. Der, der irgendwie Zugang hat zu göttlicher Orientierung und übernatürlichen Kraftreserven. Jesus geht auf dem Wasser – er braucht kein Boot. Deshalb haben sie Angst, bis er sie anspricht: Ich bin’s. Ihr kennt mich. Ihr wisst, wer ich bin und was ich kann. Kein Grund zu noch mehr Panik. Fürchtet euch nicht – nicht vor mir, nicht vor dem Dunkel, nicht vor dem aufgewühlten See. Manchmal reicht das schon, um die eigene Furcht zu besiegen – die Gewissheit, dass Jesus in der Nähe ist. Dass er weiß, wie es mir wirklich geht. Dass er um meine Mühe und Anstrengung und mein Überfordertsein  weiß.

Wie gut, wenn Jesus dann in meine Realität kommt. In mein Boot steigt. Oder doch nicht?

Jesus steigt nicht zu seinen Freunden ins Boot. Sie hätten ihn gerne an Bord genommen, aber es war nicht mehr notwendig: „Sogleich“ war das Boot am Land. Und nicht nur in Sicherheit, sondern genau dort, „wohin sie fahren wollten“. Die Freunde von Jesus wollten ihn in ihr Boot steigen lassen – aber Jesus lässt sie stattdessen in seins steigen. Nun, kein wirkliches Boot. Aber Jesus zieht die Jünger in seine eigene Realität hinein. In seine übernatürlichen Möglichkeiten. Und plötzlich sind sie am Ziel, trotz Dunkel und nicht durch eigene Anstrengung.

Wie oft möchte ich Jesus in meinen Schwierigkeiten und meinen herausfordernden Situationen haben, damit er mir helfen kann. Aber manchmal steigt Jesus nicht in mein Boot. Sondern zieht mich hinein in seine Realität, seine Möglichkeiten, in ein Leben, das mehr ist als die Summe aus meinen menschlichen Mühen und ein bisschen göttlichem Beistand. In seiner Realität zu leben, in sein Boot zu steigen – das ist Glaube.

Hand auf’s Herz – wenn ich mir mein Leben und meinen Glauben so anschaue: Wer steigt da eigentlich in wessen Boot?