„Wann die Stunde zu Ende ist, entscheide ich“, ruft der Lehrer über den Lärm der Schüler hinweg, die beim Erklingen des Pausengongs hektisch ihre Sachen zusammen packen.

Es ist nicht angenehm, ich würde es mir oft lieber selbst aussuchen – aber meistens bekommen wir im Leben von anderen zeitliche Grenzen gesetzt:

  • „Um 8 bist du zu Hause“, sagen die Teenager-Eltern.
  • „Sie haben für die Klausur zwei Stunden Zeit“, sagt die Professorin.
  • „Die Probezeit dauert sechs Monate“, sagt der Personalchef.
  • „Ihr Entbindungstermin ist am 3. November“, sagt der Frauenarzt.
  • „In einer halben Stunde musst du wieder wegfahren“, sagt die Parkuhr.

Mit Ausnahme von Elternabenden hat so gut wie alles im Leben ein gesetztes Ende. Und die meisten Enden kann ich mir nicht aussuchen.

Das gilt auch für die Berufungen, die Gott über meinem Leben ausspricht. Das wird deutlich, wenn man im Alten Testament einmal die letzten Dienstjahre der beiden großen militärischen Anführer Israels vergleicht – Mose und Josua:

Mose hatte den Auftrag bekommen, Israel aus der Sklaverei in Ägypten in das Land zu führen, das Gott ihnen versprochen hatte. Nach vielen Umwegen durch die Wüste, zahllosen Schwierigkeiten und langen Durststrecken (im wahrsten Sinne des Wortes) steht das Volk Israel schließlich am Ostufer des Jordans, bereit den Fluss zu überqueren. Mose ist kurz vor dem Abschluss seiner Aufgabe, der Vollendung seiner Berufung. Nur noch ein paar Kilometer trennen ihn von dem Ziel, das er all die Jahre innerlich vor Augen hatte.

Mose bittet Gott (5. Mose 3, 25-28):

Lass mich nun auch über den Jordan ziehen und das schöne Land dort sehen […] !

Aber Gott ist der, der die Grenzen der Berufung setzt. Auch für Mose. Auch nach einer einzigartigen Lebensleistung. Seine Antwort wird Mose nicht gefallen haben:

Genug! Kein Wort mehr davon! Steig auf den Gipfel des Berges Pisga und schau nach allen Seiten […] Du darfst das Land mit deinen Augen sehen, aber den Jordan darfst du nicht überschreiten. Übertrage Josua die Führung und mache ihm Mut! Er ist es, der vor dem Volk her über den Jordan gehen und ihm das Land zuteilen wird, das du sehen darfst.

Mehr als Anschauen ist nicht drin für Mose. Seine Berufung als Anführer Israels, sein Auftrag von Gott endet – zu einem Zeitpunkt, den Mose wohl kaum selbst gewählt hätte. Gott vergibt die Leitungsaufgabe neu, an Josua. Gott setzt die Grenzen der Berufung für Mose.

Viele Jahre später hat Israel das Land erobert (eine Geschichte für sich). Josua hat das Volk über den Jordan geführt, wieder durch zahlreiche Schwierigkeiten und Konflikte hindurch angeführt. Schließlich kommt das Land zur Ruhe. Josua ist darüber alt geworden – vermutlich im guten Gefühl, seine Aufgabe ganz gut gemacht zu haben. Aber Gott setzt die Grenzen der Berufung. Josua ist noch nicht fertig (Josua 13, 1-2):

Josua war inzwischen sehr alt geworden. Der Herr sagte zu ihm: »Du hast nicht mehr lange zu leben, aber es muss noch ein großer Teil des Landes erobert werden, nämlich das ganze Gebiet der Philister im Süden und im Norden das gesamte Gebiet der Geschuriter […]

Frühruhestand geht auch bei den Beauftragten Gottes nur mit Zustimmung des Arbeitgebers. Gott setzt die Grenzen der Berufung für Josua – und offensichtlich gibt es für Josua noch etwas zu tun. Wenn Gott die Grenzen meiner Berufung setzt, dann finde ich das befreiend. Ich muss mich nicht verwirklichen, mir und anderen nicht auf Biegen und Brechen etwas beweisen. Ich darf aus der Nähe zu dem heraus leben, der Lebensberufung ausspricht. Er weiß am besten, wo meine Verantwortung beginnt und wo und wann sie endet.

Gott setzt die Grenzen meiner Berufung. Gut, dass ich diese Grenzen nicht selbst setzen muss. Denn innerhalb dieser Grenzen zu leben, ist schon anspruchsvoll genug.