Schon lange trage ich ein mulmiges Gefühl mit mir herum. Jedes Mal, wenn manche Christen die Schrägeren unter ihren Artgenossen, die eigene Tradition oder Gewohnheiten und Best Practices aus der jüngeren oder älteren Kirchengeschichte kritisieren, spüre ich es: Eine fast masochistische Genugtuung daran, etwas Kritikwürdiges gefunden zu haben an Ausdrucksformen oder Inhalt eines Glaubens, mit dem man selbst groß geworden ist.

Falls ich mir das alles nur einbilde, solltest du hier besser aufhören zu lesen.

Es könnte etwas dran sein an meiner Beobachtung? Dann will ich mal versuchen, in Worte zu fassen, was mir Unbehagen bereitet:

Da mokieren sich manche Christen über Missionsbemühungen anderer Christen, die zugegebener Maßen etwas aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. Sooo macht man das doch heute nicht mehr! Das geht doch gar nicht! Das ist doch viel zu spießig / plakativ / borniert / herablassend / old-school / dogmatisch / anpredigend / druckmachend / unauthentisch… such dir bitte ein passendes Adjektiv aus.  Hauptargument: Das ist nicht authentisch! So sind Christen doch gar nicht! Da muss man doch auch ehrlich sagen, was alles nicht gut läuft! Bestimmt gibt es an diesen Ansätzen tatsächlich einiges zu kritisieren – so wie an allen Ansätzen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bestimmt verbergen sich hinter jeder christlichen Fassade nicht nur gute Absichten sondern auch unheilige Motive – bei allen. Ja, Kritik ist sicher gerechtfertigt – aber treibt die Kritiker wirklich vor allem anderen der innige Wunsch, den anderen zu helfen, besser zu werden?

Da echauffieren sich Christen über Theologie und Predigtstil anderer Christen, die zugegebener Maßen eher konservativ, traditionell und dogmatisch daher kommen. Sooo macht man das doch heute nicht mehr! Das geht doch gar nicht! Das ist doch viel zu reaktionär / konfrontativ / ausgrenzend / abgrenzend / belehrend / von oben herunter / unauthentisch… Hauptargument: Das ist nicht authentisch! Die müssen doch auch ehrlich sagen, woran sie zweifeln! Bestimmt muss sich mit dem Übergang unserer Gesellschaft von Prämoderne über Moderne zu Postmoderne auch die Kommunikationsform der besten Nachricht der Welt verändern – so wie noch nie eine bestimmte Form für alle Zeiten die richtige war. Bestimmt stehen hinter jeder Theologie und jedem Predigtstil nicht nur Treue zur Wahrheit sondern auch ein sehr menschliches Rechthabenwollen in bestimmten Positionen. Ja, Kritik ist sicher gerechtfertigt – aber treibt die Kritiker wirklich die tiefe Sehnsucht danach, dass andere mit den ihnen anvertrauten Pfunden der Lehre und Erkenntnis möglichst gewinnbringend wuchern?

Mein Unbehagen besteht darin, dass ich hinter berechtigter Kritik in der Sache und hinter der unbedingten Forderung nach Authentizität so oft ein Abarbeiten an der eigenen Biographie spüre. Manchmal eine große Härte, bisweilen fast schon Verachtung anderer. Und Social Media macht es nicht besser.

Jemand hat einmal gesagt: „Die Kirche Jesu ist die einzige Armee, die ihre Verwundeten erschießt“. Spekulativfrage: Wie viel Freude kann Jesus wirklich daran haben, wenn seine Nachfolger sich gegenseitig darin kritisieren, wie sie sein Evangelium in ihrer Umwelt kommunizieren – anstatt es nach bestem Wissen und Gewissen einfach zu tun, in aller Verschiedenartigkeit, in einem gemeinsamen Auftrag unterwegs? Kann Gott wirklich nur das segnen, das von allen anderen Christen zweifelsfrei als „authentisch“ abgesegnet wird? Ist Gott wirklich so … klein?

Mein Unbehagen besteht darin, dass ich manchmal den berühmten Paulustext in 1. Korinther 13 in der Realität so ausgelebt sehe:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und wäre nicht authentisch, so sollte ich lieber den Mund halten. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und wäre nicht authentisch, so wäre das alles wertlos. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und wäre nicht authentisch, so wäre ich immer noch in mittelalterlichen Vorstellungen gefangen … Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Authentizität, diese drei; aber die Authentizität ist die größte unter ihnen.

In meiner Bibel steht da aber nicht „Authentizität“, sondern: „Die Liebe ist die größte unter ihnen“. Hat Jesus über das öffentliche Image seiner Nachfolge nicht gesagt: „An ihrer Liebe untereinander werdet ihr sie erkennen“ (Johannes 13,35) ? Glauben wir wirklich, wir könnten Liebe durch Authentizität ersetzen?

Klar ist: Ich bin sehr für Authentizität. Ich bin sehr dafür, mit Doppelmoral, Heuchelei und Fassade in meinem Leben genauso hart ins Gericht zu gehen, wie Jesus es bei den Pharisäern seiner Zeit getan hat (das tut Jesus übrigens heute immer noch – aber nicht um der Authentizität, sondern um der Liebe willen). Authentizität an sich verschafft mir genauso wenig Ansehen in Gottes Augen wie Frömmigkeit den Pharisäern. „Hauptsache echt“ ist nicht das Ziel Jesu in der Persönlichkeitsentwicklung seiner Nachfolger. Authentizität ist nicht die höchste christliche Tugend.

Liebe ist es.