Glaubt man vielen Gesprächen zwischen Kollegen abends beim Bier, haben Chefs besonders viele Macken. Warum ist das so – werden Menschen mit mehr Macken schneller befördert, oder wird man dadurch seltsam, dass man Leitungsverantwortung übertragen bekommt? So wie Stromberg aus der gleichnamigen Fernsehserie? Und, mindestens genauso erstaunlich: Warum sind Chefs diejenigen, die ihre eigenen Macken scheinbar als letztes erkennen?

Mag schon sein, dass gewisse defizitäre Persönlichkeitsmerkmale von anderen als Führungsstärke oder Leitungsbegabung gedeutet werden. Mag schon sein, dass das Gewicht einer Leitungsverantwortung nicht nur das Beste im Menschen hervorbringt sondern auch manches andere, das unter anderen Umständen unsichtbar geblieben wäre. Beides könnte man als „Stromberg-Faktor“ zusammenfassen.

Ich bin aber ziemlich sicher, dass Chefs nicht mehr Macken haben als andere Menschen auch. Sie haben nur weniger Chancen, sie zu verstecken. Und sie haben vor allem auch weniger Chancen, Macken selbst zu erkennen – aus einem einfachen Grund: Per Definition bedeutet Leitungsverantwortung auch Konfliktbereitschaft, also kann ein Leiter nicht jede Andeutung, jeden Kommentar und jede Kritik auf die Goldwaage legen – oder er wäre im Handumdrehen handlungsunfähig. Und selbst wenn ein Chef seine Mitarbeiter befragt – nicht viele trauen sich, einen Vorgesetzten höflich und klar auf Fehler hinzuweisen.

Macht isoliert, und manchmal immunisiert sie auch. Von Erich Honecker wird oft berichtet, dass er kurz vor dem Ende der DDR in einer Scheinwelt gelebt hat: Es gab niemanden, der ihm den wahren Zustand des Arbeiter- und Bauernstaates berichtet hätte – und selbst wenn, hätte Honecker es vielleicht nicht mehr glauben können.

Ich glaube, wer ohne Stromberg-Faktor leiten will, braucht drei Dinge:

  1. Sensibilität – eine feine Antenne für die schrägen Seiten der eigenen Persönlichkeit. Ein ehrlicher Ehepartner und eigene Kinder können dabei ungemein helfen – wenn man ihnen auch wirklich zuhört. Kein Wunder, dass Stromberg nicht verheiratet ist. Er könnte sonst wohl kaum wie Stromberg sein.
  2. Demut – die Fähigkeit sich selbst einzugestehen, dass nicht alles bestens ist. Dass man selbst Defizite hat, die anderen auffallen, vielleicht sogar das eigene Leitungspotential schwächen. „Alle sehen es, nur du selbst nicht“ – das ist für einen nackten Kaiser keine entspannende Erkenntnis, aber eine wichtige.
  3. Mut – die Beharrlichkeit, etwas daran zu ändern. Macken zu kompensieren, gegenzusteuern, an Dingen zu arbeiten. Niemand ist je mit seiner Persönlichkeitsentwicklung fertig, auch der Chef nicht. Je höher die Verantwortungsebene eines Leiters, desto weniger Anreize gibt es von außen, sich den erkannten Macken wirklich zu stellen – und desto wichtiger wird der eigene Mut.

Sensibel, demütig, mutig – keine schlechten Eigenschaften für einen guten Leiter.

Kein Zufall, dass Stromberg all das genau nicht ist.