Gott kann einen manchmal wirklich Nerven kosten. Er scheint manchmal wirklich unglaublich gelassen zu sein, während ich mich so richtig aufrege. Ich bin nur froh, dass ich nicht der einzige bin, dem das so geht. Denn wenn ich ins Neue Testament schaue, stelle ich fest: Petrus und den anderen Jüngern von Jesus ist es nicht anders gegangen.

Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte aus dem Markusevangelium, Kapitel 4, wo Jesus mit seinen Leuten in einem Boot auf dem See Genezareth unterwegs ist. „See Genezareth“, das klingt idyllisch nach Badesee und Tretbootfahrten – aber das Gewässer war und ist alles andere als ungefährlich. Plötzlich auftretende starke Winde können kleinere Boote dort schnell in Schwierigkeiten bringen.

So war das auch in der Nacht, die Markus in seinem Evangelium schildert. Jesus hatte den ganzen Tag lang am Ufer des Sees gepredigt. Am Abend nun war Jesus müde, und zog sich mit seinen Jüngern zurück. In einem einfachen Fischerboot legten sie ab und begannen, den See Genezareth zu überqueren. Kurz nachdem die Jünger zu rudern begonnen hatten, war Jesus hinten im Boot fest eingeschlafen.

Da passierte, was auch erfahrene Fischer am See Genezareth fürchteten: Der Wind nahm plötzlich zu, starker Wellengang brachte das einfache Boot in Schwierigkeiten. Wasser begann ins Boot zu schlagen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, und das Boot würde sinken. Mitten auf dem See. Mit Jesus. Der hinten im Boot schlief.

Als die Jünger merkten, dass alles Rudern sie nicht retten würde, verlieren sie die Nerven. Bei Markus heißt es weiter: …die Jünger weckten Jesus auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?

In dieser einen Frage – „fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“ – offenbart sich ihre ganze Angst, ihre Ohnmacht, ihr Frust. Was im Luther-Deutsch noch höflich-zurückhaltend klingt, würden wir vielleicht so wiedergeben:

Jesus, ist es dir eigentlich egal, ob wir untergehen?

Kümmert es dich nicht, dass unser Boot sinkt?

Wie kannst du in so einer Situation einfach… nichts tun?

Ich muss sagen, ich kann die Jünger gut verstehen. Sie haben die halbe Nacht gerudert, ihr Bestes gegeben. Sie wollten Jesus nicht belästigen. „Lasst ihn schlafen“, werden sie gesagt haben, „wir kriegen das schon hin“.  Aber während sie gegen Wind und Wellen ankämpften, nahm ihre Angst stetig zu. Und dann war irgendwann Ende mit „wir kriegen das schon hin“. Der Sturm wurde zu stark, und ihre Möglichkeiten waren am Ende. Und nun brechen Angst und Frust hervor und bahnen sich einen Weg, in dem sie Jesus wecken – und ihm Vorwürfe machen: Fragst du nichts danach, dass wir umkommen?

Der Ausgang der Geschichte ist schnell erzählt: Jesus steht im schwankenden Boot wortlos und ein bisschen verschlafen auf und gebietet Wind und Wellen mit fester Stimme, ruhig zu werden. Markus berichtet, wie der Sturm plötzlich nachlässt und sich eine große Stille über das Boot und den See legt. In diese Stille hinein ist nun Jesus dran mit Fragen: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Damit meint Jesus nicht, die Jünger hätten ihn nicht wecken sollen. Nein, der Sturm war real, der Untergang des Bootes wahrscheinlich, die Todesgefahr echt. Ich glaube vielmehr: Jesus kritisiert die Jünger dafür, dass sie ihn nicht früher geweckt haben! Dass sie versucht haben, es selber hinzukriegen, aus eigener Kraft, ohne die Hilfe von Jesus.

Das ist das, was Jesus hier hinterfragt: Warum habt ihr nicht von Anfang an damit gerechnet, dass ich euch helfen kann? Warum habt ihr es aus eigener Kraft versucht, solange bis ihr von eurer eigenen Angst besiegt wurdet? Wie kommt ihr auf die Idee, es könnte mir egal sein, was aus meinen Nachfolgern wird?

Es ist gut, diese Fragen von Jesus an sich heranzulassen. Es war wichtig für die Jünger in dem Boot damals. Und es ist gut für mich – heute.

 

(erschienen in der Sendereihe Wort zum Tag bei ERF Plus)