Wenn ich heute vor der Wahl stünde – ich bin nicht sicher, ob ich heute Facebook beitreten würde.

Viel ist diskutiert worden über die Erosion von Begriffen wie privat, persönlich oder Freund. Facebook wurde kritisiert für den laschen Umgang mit meinen Daten. Und da st natürlich auch die eher philosophische Kritik: Ersetzen soziale Netzwerke nicht die wirkliche Wirklichkeit durch eine digitale?

All das kann man und soll diskutieren. An der Menschheit zweifeln lassen mich diese Fragen nicht. Nein, woran ich bei Facebook so langsam verzweifele ist das, was ich den „blauen Sumpf“ nenne: Es hat den Anschein, als würde Facebook im Eiltempo von den Empörten dieser Welt übernommen. Egal welches Thema die Runde macht – Emotion und eigene Überzeugtheit ist Trumpf. Wir johlen, liken und teilen wenn jemand denkt wie ich denke oder sagt was man wohl doch noch sagen darf. Wir schlagen zurück, verbannen und überschütten mit Häme, wenn andere die Dinge anders sehen als ich und meine Freunde.

Facebook kommt mir immer mehr vor wie ein digitaler Schulhof ohne Lehreraufsicht: Wer am lautesten schreit und die kräftigsten Kumpels aufbieten kann, dominiert. Wie ein Meinungserzeugungsgeschwür, das immer weiter eitert und Unverständnis und Aggression sät, üble Nachrede, Verleumdung und Verachtung. Mindestens einmal die Woche stolpere ich über einen Kommentar wo ich mir allen Ernstes überlege, ob nicht ein Straftatbestand erfüllt ist. Wäre Facebook ein Stadtviertel, es würde Anarchie herrschen wo niemand die Polizei ruft, wenn sich die Nachbarn mit dem Tode bedrohen.

An diesen Stellen ist aus dem sozialen Netzwerk längst ein asoziales Netzwerk geworden. Was waren das nicht für gute alte Zeiten, als die Leute ihr Essen fotografiert und Katzenvideos hochgeladen haben?

Das ist vorbei; im blauen Sumpf tobt der Meinungsmob, ohne Scheu mit Gesicht und echtem Namen. Im blauen Sumpf ist man völlig selbstgerecht,  zweifelsbefreit und berauscht sich am Echo des eigenen Gebrülls und dem Zischen der Verdächtigungen. Dem Maßstab „Wahr, schön, gut“ des griechischen Philosophen Plato würde kaum ein Facebook-Post gerecht. Und Goethes Forderung „edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ treten weite Teile des Volkes der Dichter und Denker im blauen Sumpf mit Füßen.

 Nun halte ich es für unmöglich, dass eine Kommunikationsplattform aus guten Menschen schlechte Menschen macht. Facebook ist da wie ein Spiegel: Es macht nicht hässlich, es macht Hässlichkeit sichtbar. Die scheinbare Folgenlosigkeit der eigenen Aktivität, der schnelle Beifall der eigenen Gruppe, die sichtbare Aufregung beim Meinungsgegner, die Enthemmung im Angesicht eines nur digitalen Gegenübers – all das mögen Faktoren sein, die den blauen Sumpf begünstigen.
Jesus hatte schon recht: Unrein wird der Mensch nicht durch Umstände, denen er sich aussetzt. Sondern durch das, was aus seinem eigenen Inneren nach außen tritt (Markus 7, 20-23):
Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein; denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. Alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und machen den Menschen unrein.
Von Jesus‘ Top 13 der inneren Hässlichkeit finde ich mehr als die Hälfte im blauen Sumpf wieder. Umso schlimmer, wenn sich auch bekennende Christen im blauen Sumpf aus Selbstgerechtigkeit, Verdächtigung und Verachtung suhlen.
Ich weiß nicht, ob es möglich ist, den blauen Sumpf trockenzulegen. Aber ich weiß: Wenn wir nicht Teil der Lösung sind, sind wir Teil des Problems. Und für Christen wünsche ich mir, dass wir uns im blauen Sumpf die neutestamentliche Facebook-Regel zu Herzen nehmen (Jakobus 3,17):
[Weisheit, die von Gott kommt, ist] … lauter, friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei.
Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf. Ich bleibe erstmal bei Facebook.