Polen, Ungarn, Italien, Putin, Trump, Erdogan, Brexit, AfD… die Betonung des Nationalen ist wohl längst zurückgekehrt in die Politik. Weltweit.

Auch wenn die Situation in jedem Land sicher anders ist – wenn ein Phänomen an mehreren Stellen gleichzeitig auftaucht, liegt die Frage nach einer gemeinsamen Ursache zumindest nahe.

Warum also scheinen wir quasi von einem Jahrzehnt auf’s andere von nationalistischen Tendenzen, Trends und Anführern umgeben?

„Die Leute fühlen sich von einer globalisierten Elite eben nicht mehr repräsentiert“, sagen die einen. „Wir haben im Multikulti unsere eigene kulturelle Heimat verloren“, sagen die anderen. „Die Leute suchen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eben nach etwas, das ihnen den Stolz zurückgibt“, sagen wieder andere.

Mich überzeugen diese Erklärungsversuche irgendwie alle nicht. Ja, sie alle mögen einen Anteil an den Ursachen für das Wachstum nationalistischer Tendenzen haben – aber zu jedem dieser Erklärungsmuster gibt es mindestens ein Land, in dem es offensichtlich nichts erklärt.

Also gibt es vielleicht gar keine gemeinsame Ursache für das Phänomen „Nationalismus“?

Ich frage mich, ob die Wahrheit nicht eigentlich ganz einfach ist und wir sie nur nicht wahrhaben wollen: Dass Nationalismus in der Weltpolitik vielleicht einfach der Normalfall ist, und wir das in den letzten 70 Jahren nur vergessen haben.

Nationalismus war der Normalfall im Vorfeld des ersten Weltkriegs, der die Völker Europas mit schlafwandlerischer Sicherheit in das erste maschinelle Abschlachten der Geschichte führte. Mehr als 15 Millionen Tote waren wohl nicht genug, die Flammen des Nationalismus unter Kontrolle zu bringen, mindestens in Deutschland, in Italien, in Japan.

Erst nach weiteren 60 Millionen Toten schien das nationale Feuer bezwungen. Der Kalte Krieg trennte die Völker weiter feinsäuberlich nach Freund und Feind, aber die Staaten auf jeder der beiden Seiten waren gezwungen, untereinander zu kooperieren. Nicht nationale Grenzen, sondern Ideologie markierte nun die Trennlinie zwischen „denen“ und „uns“.

Nach und nach trat an die Stelle von Ideologie die europäische Integration und die wachsende weltweite wirtschaftliche Verflechtung. Das furchtbare Schlachten zweier Weltkriege schien den Kurs der Weltgeschichte endgültig vom Nationalismus weggeführt zu haben.

Aber was, wenn diese 70 Jahre nur eine Blase in der Weltgeschichte war? Was, wenn die Kriegserfahrung den Nationalismus nur auf Pause gestellt, aber nie wirklich überwunden hat? Was, wenn Nationalismus mit dem Verblassen der Weltkriege in der kollektiven Erinnerung quasi automatisch wieder hervortritt? Was, wenn Nationalismus in der Weltpolitik schlicht und einfach der Normalfall ist?

Ich bin kein Historiker, aber ich kenne kein Beispiel von nationalistischer Unterscheidung zwischen „denen“ und „uns“, das nicht irgendwann in Diskriminierung und Gewalt von „uns“ gegen „die“ umgeschlagen wäre.

Als Christ bin ich gerufen, für die Verantwortlichen zu beten. Für „die“ genauso wie für „uns“. Ich bin gerufen, Frieden und Versöhnung zu befördern, und sei es in meinem eigenen Umfeld und in ganz kleiner Münze.

Und ich bin gerufen, meine Identität nicht in erster Linie am Vaterland festzumachen, sondern am Vater im Himmel. Denn das Reich, in dem Christen ihre Heimat haben, ist nicht von dieser Welt.