Er war ein Meister der Beobachtung menschlichen Verhaltens und seiner Schrägheiten: Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot. In einem seiner bekanntesten Sketche sitzen zwei ältere Herren in einer Badewanne, Herr Müller-Lüdenscheidt und Herr Doktor Klöbner. Die beiden streiten sich wie die Kesselflicker um eine kleine Gummiente, die zwischen ihnen schwimmt. Und darum, wer von ihnen beim Untertauchen länger die Luft anhalten kann. Im Verlauf der Auseinandersetzung wird schnell deutlich: Eigentlich geht es den beiden nur darum, ein Kräftemessen zu gewinnen.

Wie viel Lebenszeit bringen wir eigentlich mit irgendeiner Art von Kräftemessen zu? Beim Wortgefecht auf dem Schulhof. Beim Kompetenzgerangel im Büro. Bei Streitereien am Gartenzaun. Bei der Gestaltung der nächsten großen Familienfeier. Wer gewinnt? Wer verliert? Wer übertrifft den anderen?

Das gibt’s selbst in christlichen Kirchen und Gemeinden – sogar dort. Dabei soll es unterChristen gerade nicht so sein – schreibt der Apostel Paulus im Neuen Testament. Im Römerbrief Kapitel zwölf bringt er es kurz und knapp auf den Punkt (Römer 12,10):

Übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.

Der Apostel ersetzt hier das Wetteifern des Egos durch ein Wetteifern der Liebe. Wer Jesus nachfolgt, so Paulus, der kann ein zuvorkommendes Leben führen. Wer sich von Gott geliebt weiß, der kann damit aufhören, anderen zuvorzukommen zu müssen. Der ist frei, anderen respektvoll den Vortritt zu lassen. Weil er weiß, dass er nicht zu kurz kommt bei dem, bei dem es wirklich zählt – bei Gott.

 

(erschienen in der Sendereihe Anstoß bei ERF Plus)