Wenn ich mich mit Atheisten über Gott unterhalte, höre ich früher oder später folgende Argumentation: „Gott ist eine Erfindung. Er wurde erfunden von Menschen, die sich Blitz und Donner nicht erklären konnten. Von Menschen, die Angst hatten vor der nächsten Sturmflut oder Hungersnot. Heute können wir wissenschaftlich erklären, wie diese Dinge zusammenhängen. Damit ist Gott hinfällig als Erfindung von ängstlichen Menschen, die es nicht besser wussten.“ So hat der Philosoph und Religionskritiker Ludwig Feuerbach im 19. Jahrhundert argumentiert, und so argumentieren Atheisten im Wesentlichen noch heute.

Und die Beobachtung ist ja nicht falsch: Besonders in Angst, Sorge und Gefahr fragen Menschen nach einer höheren Macht.  Aber Atheisten konstruieren aus dieser Beobachtung einen Zirkelschluss – also einen Gedankengang, der etwas zu beweisen versucht, das er als Voraussetzung bereits vorne an stellt. „Es gibt keinen Gott, also erfinden die Menschen in ihrer Not einen, weil sie sich dann nicht so ausgeliefert fühlen, also ist Gott nur eine Erfindung, also gibt es ihn gar nicht.“ Ein klassischer Zirkelschluss, ohne jede Beweiskraft.

Auch im Neuen Testament finde ich die Beobachtung, dass Menschen, in Angst, Sorge und Gefahr Gott um sein Eingreifen bitten. Aber im Gegensatz zu Atheisten gehen die Autoren der Bibel davon aus, dass es diesen allmächtigen, unsichtbaren Gott wirklich gibt. Weswegen es für sie ja überhaupt erst Sinn macht, ihn um Hilfe zu bitten. Aus ihrer Sicht ist es der Atheist, der in einer Traumwelt lebt, in einer künstlich klein gedachten Welt, die Gott ausblendet, der Teil einer größeren, unsichtbaren Wirklichkeit ist. Diese größere, unsichtbare Wirklichkeit nicht nur für möglich zu halten, sondern im Alltag mit ihr zu rechnen, sich in den Höhen und Tiefen des Lebens auf den allmächtigen, unsichtbaren Gott zu verlassen – das ist ein Teil von dem, was die Bibel Glaube nennt.

Das Neue Testament berichtet, wie Jesus immer wieder seine Freunde zu einem solchen Glauben eingeladen und herausgefordert hat. Zum Beispiel hier, im Markusevangelium, Kapitel 4.

Die ganze Truppe ist mit einem Boot auf dem See Genezareth unterwegs. Die Jünger rudern, Jesus schläft. Plötzlich bricht ein heftiger Sturm los, die Wellen schlagen ins Boot, es beginnt sich mit Wasser zu füllen.

Unter den Jüngern sind erfahrene Fischer, die ihr halbes Leben auf diesem See verbracht haben. Aber selbst sie wissen sich nicht mehr zu helfen. Also wecken sie Jesus, schreiben ihn über dem Tosen des Sturms an: Jesus, macht es dir nichts aus, dass wir umkommen?

Jesus steht auf, weist den Wind in seine Schranken und befiehlt dem See: »Schweig! Sei still!« Da legt sich der Wind, und es tritt eine große Stille ein. Und dann erinnert Jesus seine Freunde an die größere, unsichtbaren Wirklichkeit Gottes, die sie die ganze Zeit über umgeben hat, indem er sie fragt (Markus 4,40):

„Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?“

Jesus weiß mit absoluter Gewissheit, dass sich unser menschliches Leben in jeder Sekunde in Gottes Hand befindet. Dass wir jeden Tag in Gottes Nähe und unter seine Zuwendung leben könnten, wenn wir das wollten. Dass unsere sichtbare Welt –  die, in der Stürme toben und in der wir Angst haben, und in der es manchmal Gott gar nicht zu geben scheint – in Wahrheit eingebettet und geborgen ist in der größeren unsichtbaren Wirklichkeit Gottes.

Darauf zu vertrauen, das ist Glaube. Darauf vertrauend zu leben, das will ich lernen.

 

(erschienen in der Sendereihe Wort zum Tag bei ERF Plus)