Ganz unten

Wann hast du das letzte Mal so richtig geklagt? Ich meine nicht vor Gericht, sondern vor Gott. Wann hast du zum letzten Mal Gott das Herz ausgeschüttet mit all dem Leid, dem Frust, vielleicht sogar der Wut und dem Zorn über ein schlimmes Ereignis oder deine Lebensumstände im Allgemeinen?

Ich habe das bisher erst bei drei oder vier Gelegenheiten getan. Und jedes Mal überlegt, ob ich Gott wirklich mit meiner Klage überschütten sollte. Denn in der Regel zieht mich mein Klagen erst einmal weiter nach unten. Aber dann, wenn das Herz ganz ausgeschüttet ist, kann etwas Neues darin einziehen. Eine neue Perspektive. Ein kleiner Zipfel Zukunft, vielleicht auch erst einmal nur ein wirklich winziger.

Deshalb glaube ich: Christinnen und Christen sollten es neu einüben, Gott ihr Leid zu klagen. Nicht oberflächlich im Sinn von Gebeten nach dem Motto „Gott, mach, dass es mir endlich wieder gut geht“. Sondern als Erkundung der Untiefen des eigenen Herzens.

Von manchen Texten in der Bibel kann ich lernen, wie das gehen kann. Dazu gehört – wenig überraschend – das Buch „Klagelieder“ im Alten Testament. Das fünfte Kapitel dieses Buches zum Beispiel ist eine einzige Klage, ein einiges Herz-Ausschütten, 23 Verse lang.

Der Autor, Jeremia, klagt über den Verlust von Wohlstand und den Zerbruch von Familien. Überall im Land herrscht Inflation, das Volk Israel ist in die volle Abhängigkeit ausländischer Mächte geraten. Die Menschen versuchen, ihren Alltag zwischen Hungersnot und militärischen Überfällen zu bestehen.

Eindrücklich sind die Worte, die Jeremia im Gebet an seinen Gott richtet (Klagellieder 5):

Unsre Haut ist verbrannt wie in einem Ofen von dem schrecklichen Hunger. Sie haben die Frauen in Zion geschändet und die Jungfrauen in den Städten Judas. Fürsten wurden von ihnen gehenkt, und die Alten hat man nicht geehrt. Jünglinge mussten Mühlsteine tragen und Knaben beim Holztragen straucheln … Darum ist auch unser Herz krank, und unsre Augen sind trübe geworden.

Dabei sieht Jeremia sich und sein Volk keineswegs nur als Opfer – im Gegenteil. Während der Klage wird klar, dass ihnen nicht nur die Umstände das Leben schwer machen, sondern auch ihr eigenes mangelndes Gottvertrauen:

O weh, dass wir so gesündigt haben!

Ich glaube, eine aufrichtige Klage vor Gott benennt nicht nur Leid, Elend und erlittene Schicksalsschläge, sondern weitet unterwegs den Blick hin zu einer ganzheitlichen Perspektive. Einer Perspektive, die nicht nur das Elend benennt, in dem ich mich befinde – sondern auch das Elend, das sich in mir befindet.

Schließlich, ganz am Ende des Kapitels, findet Jeremia auf dem tiefsten Grund seines leergeklagten Herzens einen Wunsch an Gott. Vers 21:

Bringe uns, Herr, zu dir zurück, dass wir wieder heimkommen; erneure unsre Tage wie vor alters!

Das ist kein oberflächliches Gebet „Gott, mach, dass es mir endlich wieder gut geht“. Sondern der tiefe Wunsch, der ganz unten in Jeremias Herzen noch übrig ist, nachdem alles Leid und Elend und alles eigene Versagen Gott gesagt worden sind.

Meine Umstände mögen andere sein als die von Jeremia. Aber dieser Wunsch verbindet mich mit ihm, und dich ja vielleicht auch: Gott bring mich zu dir zurück. Ich will bei dir zu Hause sein.

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