Kategorie: Leiten // Veränderung

Wer kontrolliert die Zukunft?

Der Mensch ist ein eigenartiges Wesen. Im Unterschied zu allen Tieren kann er sich bewusst an die Vergangenheit erinnern und für die Zukunft denken. Diese Fähigkeit, die Uhr gedanklich zurück oder voraus zu drehen, macht das Menschsein erst möglich: Sich erinnern, lernen, kreativ tätig sein, planen, und vieles mehr.

Aber das gedankliche Zeitreisen hat auch eine Schattenseite: (mehr …)

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Drei Lehren für Leiter aus Deutschland – Schweden

Was für ein Spiel: Deutschland gegen Schweden in der WM Vorrunde. Was für eine dramatische Ausgangslage: Wenn Deutschland verliert, fliegt „Die Mannschaft“ schon nach der Vorrunde nach Hause, und die Kritik aus der Heimat dröhnt im Hintergrund wie ein Meer von Vuvuzelas. Was für eine Dramatik: Rudy muss mit blutiger Nase vom Platz, Deutschland nach einem Gegentor gegen das schwedische Bollwerk anstürmen, und Boateng mit gelb-roter Karte vom Platz. Erst in der letzten Minute der Nachspielzeit erzielt Toni Kroos mit einem Freistoß für die Geschichtsbücher den Siegtreffer – Erfolg, Erlösung, Genugtuung, alles in einem.

Drei Lehren für Leiter lassen sich für mich aus diesem Drama ziehen:

  1. Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Die Mannschaft hatte immer wieder Anlässe, sich selbst aufzugeben – nach dem Gegentor, nach Rudys Ausfall, nach Boatengs Platzverweis, nach Ablauf der regulären Spielzeit. Sie tat es nicht, kämpfte bis zum Schluß und brachte sich so nicht selbst um den späten Erfolg.
  2. Die Kritiker stehen nie auf dem Platz. Ihre Kritik mag voll berechtigt sein oder maßlos überzogen – am Ende des Tages stehen nicht Oli Kahn, Sportjournalisten oder ein Heer deutscher Autofahrer mit Deutschlandfähnchen auf dem Platz. Sie mögen „Hosianna“ rufen oder „Kreuzige ihn“, aber letztlich liegt die Verantwortung bei denen, die selber auf dem Platz stehen.
  3. Fehler diktieren nicht, wer du bist. Toni Kroos leistete sich einen Fehlpass, der zum 1:0 der Schweden führte. Er hätte sich selbst daraufhin auf eine schlechte Bewertung festlegen können. Oder Jogi Löw hätte es tun und ihn auswechseln können. Aber Kroos kämpfte weiter, und auch der Bundestrainer nahm ihn nicht aus dem Spiel. Und so konnte aus „Kroos dem Fehlpassgeber“ später „Kroos der Traumtorschütze“ werden.

Es ist jetzt nach dem Spiel viel von „Initialzündung“ für den weiteren Turnierverlauf die Rede, über eine Rückkehr der Mannschaft zu gewohnter deutscher Fussballnormalität. Für Leiter gehören die drei Lehren zur Leitungs-Normalität, und es ist wichtig, sie sich immer wieder in Erinnerung zu rufen:

Fehler diktieren nicht, wer du bist. Die Kritiker stehen nie auf dem Platz. Und es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.

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Der letzte Schlag

Stell dir vor, du fällst einen Baum. Nicht mit der Motorsäge, sondern so, wie man das früher tat – mit der Axt. Schlag um Schlag holst du aus und schlägst mit Wucht in die tiefer werdende Kerbe im Holz. Ein paar Mal denkst du: Gleich fällt der Baum! Aber er fällt nicht. Gesundes Holz ist sehr stabil. Und irgendwann ist es dann doch soweit. Irgendein Schlag ist der letzte, der entscheidende Schlag. Das Holz reißt, und wie in Zeitlupe siehst du den Baum fallen. 

Er ist schon eigenartig, dieser letzte Schlag. Er ist nicht anders als die vorherigen. Und doch bewirkt der letzte Schlag den ganzen Unterschied zwischen einem angeschlagenen Baum und einem gefällten. 

Schläge – das ist ein Thema, über die man unter Leitern schnell ins Gespräch kommt, sobald es ehrlich und persönlich wird. Schläge, die Leiter einstecken und erleiden, und die so gar nicht zum Stereotyp der „Mächtigen“ und der „Macher“ passen. Schläge, die in ganz verschiedenen Ausprägungen auftreten können. 

Da ist die Ernüchterung, dass ein lange geplantes Projekt nicht den Erfolg zeigt, für den man über Monate viel Arbeit und Überzeugungskraft investiert hat. Für das man eine Vision entworfen und Menschen begeistert hat, aber am Ende feststellen muss: Es hat sich nicht so positiv entwickelt wie erhofft.

Da ist die Enttäuschung über Menschen. Über jemanden, auf den man gesetzt und sich verlassen hat, der viel versprochen aber dann wenig gehalten hat. Die eigene Erwartung entpuppt sich als Täuschung und führt zu einer schmerzhaften Ent-Täuschung. Besonders, wenn dieser jemand man selbst ist.

Da ist die Entmutigung, wenn die Widerstände und Widrigkeiten übermächtig erscheinen, sich größer und schwieriger und langatmiger herausstellen als gedacht. Wenn die Hoffnung wegzurutschen droht und wenn man sich fragt, ob es das alles wirklich wert ist.

Ernüchterung, Enttäuschung, Entmutigung – ich kenne keinen Leiter, der nicht ab und zu solche Schläge einstecken muss. Manchmal in Folge, Schlag auf Schlag. So ist das Leiten. So ist das Leben. 

Die Frage ist denn auch nicht, wie man solche Schläge vermeiden kann. Die Frage ist, wie man so mit diesen Schlägen umgeht, dass nicht eine immer tiefer werdende Kerbe entsteht, die aus Selbstschutz mit Verhärtung verdeckt wird: Mit aggressivem Auftreten zum Beispiel. Oder mit resignierter Passivität. Oder mit einem hohen Kontrollbedürfnis. Oder mit manipulativer Emotionalität. Oder mit vorauseilendem Zynismus. So verständlich solche Verhärtungen in ihrer Entstehung sind, so ungesund sind sie langfristig in ihren Konsequenzen, für den Leiter und für sein Umfeld. Ich glaube, Leiter brauchen bessere Wege, um mit Ernüchterung, Enttäuschung und Entmutigung umzugehen.

Diese Wege können sehr verschieden sein, aber alle beginnen sie mit einer einfachen Erkenntnis: Du bist nicht alleine. Andere Leiter wird dich verstehen. Ehrlich über Schläge zu sprechen, das mag sich zunächst riskant anfühlen, ist aber nicht selten schon die halbe Miete für die Zukunft. Dieses Risiko ist es wert, eingegangen zu werden. Damit die Seele keine bleibende Kerbe davonträgt. Damit keine dysfunktionalen Verhärtungen entstehen.

Damit nicht irgendwann ein Schlag der letzte Schlag ist.

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