Kategorie: Leiten // Veränderung

Die Lieblingsbeschäftigung der Deutschen

Ich tue es. Sie tun es. Wir alle tun es. Und in Deutschland tun wir es besonders gerne. Es ist geradezu die Lieblingsbeschäftigung der Deutschen, besonders auch am Arbeitsplatz. Die Rede ist vom – Beschweren.

Ich meine damit nicht das Üben von Kritik. Berechtigte Kritik ist wichtig. Sie muss geäußert werden, und sie muss gehört werden. Sie zielt auf die konstruktive Problemlösung im Interesse aller Beteiligten.

Beschweren dagegen ist etwas anderes – nämlich ein unreifer Umgang mit eigenen negativen Emotionen, der die Energie aller Beteiligten verschwendet und die Kultur einer Familie, Firma oder Gemeinde langfristig vergiftet.

In einem Artikel im Harvard Business Review hat der amerikanische Berater und Autor Peter Bregman vorgerechnet, wie viel Zeit und Energie in Firmen und Organisationen durch das Beschweren in Reibungshitze umgewandelt wird, am Beispiel einer Firma namens Jambo, in der er als Berater tätig war. „Ich zählte die Zeit zusammen, die ich in dieser Woche damit verbracht hatte, den Mitarbeitern von Jambo dabei zuzuhören, wie sie sich übereinander beschwerten“, schreibt Bregman. Sein Fazit: „3 Stunden und 45 Minuten – und das war nur die Zeit, die sich mir gegenüber beschwerten“.

Bregmans Kollege Marshall Goldsmith fand in einer Untersuchung in 200 Firmen heraus, dass die meisten Mitarbeiter 10 Stunden pro Monat darauf verwendeten, sich über ihre Vorgesetzten zu beschweren oder den Beschwerden von Kollegen über deren Vorgesetzte zuzuhören, ein Drittel sogar mehr als 20 Stunden pro Monat. Und dabei waren die Beschwerden über Kollegen noch nicht einmal mitgerechnet.

Wenn die Beschwererei so viel Kraft, Energie und Zeit tötet – warum tun wir es dann?

Bregmans Antwort ist simpel, plausibel und nachvollziehbar: Wir beschweren uns…

  1. …weil es sich gut anfühlt
  2. …weil es so einfach ist
  3. …weil es mit keinem großen Risiko verbunden ist
  4. …weil wir uns damit Empathie, Aufmerksamkeit und Kameradschaft anderer verschaffen

Jeder Tag des Lebens – und auch jeder Arbeitstag – trägt eine Fülle von Anlässen in sich, sich aufzuregen. Unzufrieden zu sein. Sich zu ärgern. Sich bedroht zu fühlen. Diese Anlässe erzeugen negative Gefühle in uns, und wenn wir uns über andere Beschweren, scheint es uns mit den negativen Gefühlen besser zu gehen. Beschweren reduziert angestaute negative emotionale Energie.

Diese vermeintliche Entlastung kommt langfristig alle teuer zu stehen – den Einzelnen wie auch die Organisation. Nochmal Bregman:

  1. Beschweren füttert einen destruktiven Prozess. Je mehr wir uns bei anderen beschweren, desto abhängiger werden wir vom guten Gefühl, uns eine Entlastung verschasfft zu haben – und desto eher ist unsere nächste Beschwerde vorprogrammiert. Das ist der Grund, warum Menschen mit negativen Kommunikationsmustern in Firmen irgendwann als „Querulanten“ gelten.
  2. Beschweren entlastet kurzfristig den Einzelnen, aber es verbreitet Negativität hin zur ganzen Gruppe. Denn wer sich beschwert, um „Dampf abzulassen“, sucht ja nicht konstruktive Lösungen für ein Problem. Eine (Un-)Kultur des Beschwerens wird für Organisationen zur Hypothek: Probleme werden nicht gelöst, Unzufriedenheit wird zementiert, und an sich Unbeteiligte werden immer neu mit negativen Emotionen belastet.

Für Bregman ist Beschweren daher eine fatale Entscheidung zur Passivität: Die Energie, die eigentlich in die konstruktive Problemlösung fließen könnte, fließt in die Verbreitung negativer Emotionen.

Wer sich ständig beschwert, beschwert alle.

Und damit ist auch klar, was die positive Alternative zum Beschweren ist: Verantwortung übernehmen.

Verantwortung für meine negativen Gefühle, die der/die Andere oder die Umstände in mir ausgelöst haben. Mag sein, dass ich diese Gefühle ohne den Anlass nicht hätte. Aber es sind trotzdem meine Gefühle – und nicht die von anderen, bei denen ich mich jetzt so gerne beschweren würde.

Verantwortung für eine konstruktive Lösung des Problems. Vielleicht kann ich selbst etwas an dem Problem ändern. Vielleicht kann ich auch nur die Person konfrontieren, die das Problem verursacht hat. Beides ist besser, als mich gegenüber Dritten zu beschweren und so meine negative Energie nur an andere weiter zu geben.

Verantwortung für die Gemeinschaft. Die Kultur, die in einer Familie, einer Firma, einer Gemeinde oder in jeder anderen Art von Organisation herrscht, ist eine Summe der Verhaltensweisen aller Beteiligten. Wenn ich anderen immer mein Ohr für ihre Beschwerden leihe, fördere ich damit langfristig eine vergiftete Kultur, so wie Bregman sie bei Jambo erlebt hat.

Bin ich bereit, diese dreifache Verantwortung zu übernehmen?

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Wer kontrolliert die Zukunft?

Der Mensch ist ein eigenartiges Wesen. Im Unterschied zu allen Tieren kann er sich bewusst an die Vergangenheit erinnern und für die Zukunft denken. Diese Fähigkeit, die Uhr gedanklich zurück oder voraus zu drehen, macht das Menschsein erst möglich: Sich erinnern, lernen, kreativ tätig sein, planen, und vieles mehr.

Aber das gedankliche Zeitreisen hat auch eine Schattenseite: (mehr …)

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Drei Lehren für Leiter aus Deutschland – Schweden

Was für ein Spiel: Deutschland gegen Schweden in der WM Vorrunde. Was für eine dramatische Ausgangslage: Wenn Deutschland verliert, fliegt „Die Mannschaft“ schon nach der Vorrunde nach Hause, und die Kritik aus der Heimat dröhnt im Hintergrund wie ein Meer von Vuvuzelas. Was für eine Dramatik: Rudy muss mit blutiger Nase vom Platz, Deutschland nach einem Gegentor gegen das schwedische Bollwerk anstürmen, und Boateng mit gelb-roter Karte vom Platz. Erst in der letzten Minute der Nachspielzeit erzielt Toni Kroos mit einem Freistoß für die Geschichtsbücher den Siegtreffer – Erfolg, Erlösung, Genugtuung, alles in einem.

Drei Lehren für Leiter lassen sich für mich aus diesem Drama ziehen:

  1. Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Die Mannschaft hatte immer wieder Anlässe, sich selbst aufzugeben – nach dem Gegentor, nach Rudys Ausfall, nach Boatengs Platzverweis, nach Ablauf der regulären Spielzeit. Sie tat es nicht, kämpfte bis zum Schluß und brachte sich so nicht selbst um den späten Erfolg.
  2. Die Kritiker stehen nie auf dem Platz. Ihre Kritik mag voll berechtigt sein oder maßlos überzogen – am Ende des Tages stehen nicht Oli Kahn, Sportjournalisten oder ein Heer deutscher Autofahrer mit Deutschlandfähnchen auf dem Platz. Sie mögen „Hosianna“ rufen oder „Kreuzige ihn“, aber letztlich liegt die Verantwortung bei denen, die selber auf dem Platz stehen.
  3. Fehler diktieren nicht, wer du bist. Toni Kroos leistete sich einen Fehlpass, der zum 1:0 der Schweden führte. Er hätte sich selbst daraufhin auf eine schlechte Bewertung festlegen können. Oder Jogi Löw hätte es tun und ihn auswechseln können. Aber Kroos kämpfte weiter, und auch der Bundestrainer nahm ihn nicht aus dem Spiel. Und so konnte aus „Kroos dem Fehlpassgeber“ später „Kroos der Traumtorschütze“ werden.

Es ist jetzt nach dem Spiel viel von „Initialzündung“ für den weiteren Turnierverlauf die Rede, über eine Rückkehr der Mannschaft zu gewohnter deutscher Fussballnormalität. Für Leiter gehören die drei Lehren zur Leitungs-Normalität, und es ist wichtig, sie sich immer wieder in Erinnerung zu rufen:

Fehler diktieren nicht, wer du bist. Die Kritiker stehen nie auf dem Platz. Und es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.

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