Kategorie: Leiten // Veränderung

7 Garantien für Leiter

Wer in Leitungsverantwortung steht, arbeit in der Ungewissheitsbranche. Ich hätte es oft gerne anders, aber als Leiter bewege ich mich nicht nur in einem äußeren Umfeld der Ungewissheit, sondern auch die langfristigen Konsequenzen eigenen Handelns sind vorab selten sicher vorhersagbar. Das bedeutet, dauerhaft mit Unsicherheit leben zu lernen. Wie geht das?

Ron Edmondson benennt in seinem Blog 7 garantierte Erfahrungen, die man als Leiter (oder Leiterin) mit Ungewissheit macht, und in denen ich mich sehr wiedergefunden habe:

  1. Jede einzelne Entscheidung löst eine Vielzahl verschiedener Reaktionen aus. Manche finden die Entsheidung gut, manche schlecht, manchen ist sie herzlich egal – und oft kann man vorher nicht darauf wetten, wer wie reagieren wird. Wenn das so ist,  sollte man vielleicht auch nicht zu viel Energie auf „präventives Stimmungsmanagement“ verwenden und auf möglichst viel Applaus schielen, sondern das entscheiden, wovon man nach aller sorgfältiger Vorbereitung überzeugt ist.
  2. Veränderung ist unausweichlich. Ich kann sie angehen, vor mir herschieben, sie mir wegwünschen, mit etwas in die Tasche lügen,  versuchen Veränderungen auszusitzen – am Ende werde ich mich doch damit auseinander setzen müssen. Besser, man tut das von Anfang an so, dass die Chancen für alle Betroffenen am Ende maximal sind, sie zu bewältigen.
  3. Du wirst Wertschätzung vermissen. Eine harte Gewissheit, und auch hart zu erleben, dass sie stimmt und auch dauerhaft Realität ist. Es gibt mehr Situationen als dir lieb ist, in denen du dich entscheiden musst, ob du den für deinen Ego schmeichelhaften Weg gehst oder das Richtige tust. Und manchmal belommst du trotzdem den Ego-Trip unterstellt, obwohl du nur das Richtige tun wolltest.
  4. Du kannst nie vorhersagen, wie wer reagieren wird. Menschen sind Individuen, keine Schubladen. Und das ist auch gut so, macht aber Leiten zu einem permanent spannenden und anspannenden Prozess.
  5. Du bist selten absolut sicher. Ich möchte hinzufügen: Eigentlich nie. Man könnte sagen, Leiter erzeugen immer wieder aus 60% Gewissheit 100% Klarheit für ihre Leute. In aller menschlicher Fehlbarkeit. Ein hartes Geschäft.
  6. An manchen Tagen denkst du, du hättest nichts erreicht. Stimmt. Ich kenne keinen Leiter, der keine Selbstzweifel kennt. Sollte es einen geben, halte ich ihn oder sie für potentiell gefährlich.
  7. Du wirst Fehler machen. Das sagt sich leicht und klingt etwas gönnerhaft („wir machen alle Fehler“). Hältst du das auch noch aus, wenn alle hinter deinem Rücken über deine Fehler reden? Oder in der Öffentlichkeit? Oder wenn andere unter deinen Fehlern leiden müssen?

Ganz ehrlich – so sieht’s aus in der Ungewissheitsbranche. Und deshalb ist Leitungsverantwortung auch keine goldene Ehrennadel für’s Revers und keine Streicheleinheit für’s Ego, sondern  Achterbahn der Gefühle, ständiges Spannungsfeld, lebenslanges Lernen und Schuldigwerden trotz bester Absichten. Und zwar alles gleichzeitig.

Wer diesen Dingen ins Auge sieht, sie bejaht und um seine persönliche Berufung weiß, der kennt aber noch eine achte Garantie:

Am Ende ist es all das wert.

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Warum „neu“ zu oft „schlecht“ ist

Heute hat sich Spiegel Online-Autor Sascha Lobo in seiner Kolumne ausführlich über die Probleme des Volkswagenkonzerns ausgelassen. Wie bei einem Netzaktivisten wie Lobo zu erwarten war, zieht er seinen Denkhorizont weit über die Diesel-Abgas-Affäre hinaus. Seine Kernthese: VW ist wie Deutschland, und an VW kann man sehen, wie sich alte industrielle Stärken in einer neuen digitalen Wirtschaft zügig und zuverlässig in Schwächen verwandeln.

Lobo benennt dabei insbesondere Perfektionismus, Innovation als Detailverbesserung, Hierarchie, Langsamkeit statt Beharrlichkeit, Bodenständigkeit der anfassbaren Dinge. Man kann es auch kürzer sagen: Der Exportweltmeister Deutschland kann Hardware, aber angesagt ist zunehmend Software.

Auch wenn einer wie Sascha Lobo da zunächst einmal sein persönliches Thema beackert, muss uns schon zu denken geben, dass das Land der Ingenieure bisher keine vergleichsweise prägende Rolle in der Welt der Digitalisierung und der Softwareplattformen einnehmen konnte.

An einem Satz von Lobo bin ich besonders hängen geblieben, und er gilt – so glaube ich – nicht nur für die wirtschaftliche Entwicklung, sondern beschreibt ganz gut eine grundlegende Mentalität hierzulande:

Ingenieursdeutschland funktioniert und hat zu funktionieren … Die verbreitete Skepsis gegenüber Neuem ist darin begründet, denn das Neue kommt ohne Funktionsgarantie.

Ja, in Deutschland funktioniert vieles, was in anderen Weltgegenden nicht so gut funktioniert (unterirdische Bahnhöfe und Hauptstadtflughäfen vielleicht einmal ausgenommen). Bei allem Verbesserungspotential im Einzelnen können sich Deutsche im Alltag doch im wesentlichen darauf verlassen, dass man einen Arzt aufsuchen kann, die Polizei unbestechlich ist und keine mehrstöckigen Gebäude wegen Pfusch am Bau einstürzen.

Aber: Dieses „Funktionieren“, um die uns die halbe Welt beneidet, ist auch unser Götze. Und alles, was „Neu“ daherkommt, muss erst mal beweisen, dass es tatsächlich besser funktioniert als das alte. Und das ist bei allem Erfolg der Vergangenheit als Exportnation tatsächlich eine Hypothek für die Zukunft. Wie soll sich etwas in der Praxis beweisen, dem man die Existenzberechtigung schon auf dem Reißbrett erst einmal abspricht?

In Deutschland ist „neu“ einfach zu oft „schlecht“. Es braucht Männer und Frauen, die sich davon nicht beeindrucken lassen, sondern dem Neuen eine Chance erkämpfen, sei es in der Verwaltung, im mittelständischen Betrieb, in der Kirchengemeinde.

Und, wenn alles gut läuft, sogar bei VW.

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