Kategorie: Medien // Kultur

Zwischen Kreuz und Markt

Von Anfang an musste sich die Gemeinde Jesu mit ihrem Wort vom Kreuz auf einem Marktplatz Gehör verschaffen, sich präsentieren, sich bewegen. In den ersten Jahren war das der jüdische Binnenmarkt in Tempel und Synagogen, auf dem die Jünger Jesu und die ersten Christen auftraten. Sie kannten ihre „Kunden“, die Regeln der Kommunikation, und sie erlebten, wie der Heilige Geist „täglich Menschen zur Gemeinde hinzufügte, die gerettet wurden“ (Apostelgeschichte 2, 47).

Nur wenige Jahre begann sich dieser Markt unter dem Druck der einsetzenden Christenverfolgung, der Zerstörung des Tempels in Jerusalem und begünstigt von der römischen Verkehrsinfrastruktur auf den gesamten Mittelmeerraum auszudehnen. Getrieben vom Heiligen Geist fand die Gemeinde Jesu immer neue Wege und Sprache, um Menschen auch weit außerhalb der jüdischen Tradition verständlich zu machen, dass der Schöpfer des Himmels und der Erde sie liebt und ihnen in Jesus Christus das Angebot ihres Lebens macht. Die Resonanz war durchaus durchwachsen – „die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit“, wie Paulus einmal in 1. Korinther 1, 22 beobachtet. „Wir aber“, schreibt er weiter, „predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit“ – und er stellt im Ergebnis fest, dass immer wieder Menschen in Christus „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ erleben.

Seitdem hat sich Gemeinde Jesu zwischen diesen beiden Polen bewegt: Einerseits getrieben vom Heiligen Geist, beauftragt mit dem Wort vom Kreuz und der Botschaft der Versöhnung – andererseits als einer von vielen Teilnehmern auf dem Markt der Gottesbilder, Weltanschauungen und Sinnangebote mit seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten rund um die eigenständige „Kaufentscheidung“ der „Kunden“. Bis heute ist die Kommunikation der Guten Nachricht, einerseits beseelt vom inneren Sendungsbewusstsein der Gemeinde Jesu und andererseits ausgeliefert an einen Markt, in dem die Menschen am Ende unbeeindruckt von allen hehren Absichten mit den Füßen abstimmen.

Und nirgendwo stimmen Menschen so schnell ab wie auf dem Medien-Marktplatz. Ein Klick im Netz, ein Knopfdruck auf der Fernbedienung – und sie sind weg. Bleiben die Besucher eines Gottesdienstes meistens wenigstens aus Höflichkeit noch bis zum Ende sitzen, muss sich die Kommunikation des Evangeliums in den Medien in einem Markt bewähren, in dem die Kunden ihre Empfangsbereitschaft jederzeit abbrechen können. Ganz anonym und ohne jede Notwendigkeit einer Begründung.

Das ist die Herausforderung unserer christlichen Medienarbeit bei ERF Medien seit 1959. Unsere geistliche DNA – das Sendungsbewusstsein – hat sich in diesen 60 Jahren nicht groß verändert: Wir machen Medien, damit Menschen Gott kennen lernen und er ihr Leben verändert. Aber der Markt ist heute deutlich anders als 1959. Wir sind damals mit Radio auf Kurz- und Mittelwelle gestartet, und heute umfasst unser Angebotsportfolio für den deutschen Medienmarkt zwei digitale Radiokanäle, drei wöchentliche Bewegtbildformate, zwei große Online-Portale plus ein umfangreiches Social Media Management. Mit diesem Portfolio erreichen wir heute jeden Monat zwischen ein und zwei Millionen Menschen; das größte Wachstumspotential verzeichnen wir bei Smartphone-basierten Angeboten sowie unseren Social Media-Kanälen.

Weil sich der Medienmarkt derart dynamisch entwickelt, haben wir uns entschieden, die Wandlungsfähigkeit zu unserem Markenzeichen zu machen und nicht nur an den erfolg- und segensreichen Distributionswegen der Vergangenheit festzuhalten. Das erfordert immer wieder Umdenken und auch Umlernen bis hin zur systematischen Personalentwicklung zugunsten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine große Herausforderung – denn die technisch-mediale Entwicklung verläuft seit Jahren deutlich schneller als es die menschliche Lernkurve eigentlich verkraftet. In dieser Herausforderung hat sich als wichtig herausgestellt, immer wieder die gemeinsame geistliche Berufung hochzuhalten und die Organisation an ihr auszurichten: Wir suchen die besten medialen Möglichkeiten, um der Guten Nachricht Stimme und Gesicht zu verleihen – und zwar im Dauerauftrag. Deshalb investieren wir bewusst in medienübergreifendes Denken und Arbeiten: Trimediales Volontariat, medienunabhängige Organisationsstruktur, crossmediale Projektteams, medienübergreifende Setzung von Schwerpunktthemen, und ab 2021 ein völlig neues Medienhaus, das diese Interdisziplinarität mit einer geeigneten Infrastruktur unterstützt.

Ich glaube, dass jede Organisation eine einzigartige Persönlickeit hat, eine einzigartige Kombination von langjährig gewachsenen Kompetenzen und Merkmalen. Und dass diese Persönlichkeit die Grundlage sein muss für den Markenkern, und Ausgangspunkt für die Markenkommunikation. Zu diesen „Persönlichkeitsmerkmalen“ zählt bei ERF Medien, dass wir gleichzeitig Missionswerk und Medienunternehmen sind und sein wollen – mit Gelassenheit und Selbstbewusstsein. Dabei sind wir getrieben vom Wort vom Kreuz und legen gleichzeitig Wert darauf, theologische Inhalte in interessante und verständliche Sprache umzusetzen. Uns interessieren die positiven Dimensionen des Glaubens, und wir suchen einen verantwortungsvollen Umgang mit sensiblen Themen im Medienkontext. Das ist unser christlicher Markenkern in der Medienlandschaft, und von hier aus gestalten wir unsere Markenkommunikation.

Interessanterweise spielt die sich nicht nur online und „on air“ ab – also über unsere digitalen Medienprodukte – sondern auch durch Menschen. Durch sehr viele Menschen. Auch das gehört seit 1959 zur DNA von ERF Medien: Wir waren und sind nicht nur eine Organisation, sondern auch eine Bewegung. ERF Medien bekommt keine Rundfunkgebühren oder Kirchensteuer, sondern ist zu fast 100% spendenfinanziert. Im Rahmen dieses Crowd-Fundings finanzieren heute rund jedes Jahr rund 45.000 Menschen ein Jahresbudget von gut 13 Millionen Euro. In der Beziehung zu diesen Menschen spielt die Vertrauenswürdigkeit der Marke „ERF“ eine ganz besondere Rolle. Zur „Bewegung ERF Medien gehören außerdem mehrere hundert ehrenamtliche Verkündiger, die von uns regelmäßig in Medienhomiletik geschult werden sowie etwa 11.000 Markenbotschafter, die überall im Land multiplikativ wirksam sind. Diese „ERF Botschafter“ werden von uns über eigene Social Media-Kanäle betreut und regelmäßig mit aktuellen Informationen und Material zur Produkt- und Unternehmenskommunikation versorgt, das sie auf vielfältige Weise einsetzen, um andere Menschen auf Medienangebote von ERF Medien aufmerksam zu machen.

Wohin die Reise in diesem dynamischen Marktumfeld in den nächsten Jahren auch immer gehen wird, von einem bin ich in Zeiten rapide sinkender Kirchenmitgliedschaftszahlen überzeugt: Wir brauchen in Deutschland eine engagierte, glaubwürdige, verständliche Botschaft der Hoffnung, und wir brauchen glaubwürdig aufgestellte und tätige christliche Organisationen, die dieser Guten Nachricht Stimme und Gesicht verleihen.

Am Ende ist das der wichtigste Unique Selling Point von allen.

 

(erschienen im Online-Magazin futur2 in der Ausgabe 1/2019 mit dem Thema „Marke“)

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Digitale Erbsünde

Sri Lanka, Ostersonntag 2019. Innerhalb von 30 Minuten explodiert eine Reihe von Sprengsätzen. Sie zerfetzen Anstehende an Frühstücksbuffets in Hotels genauso wie Betende in christlichen Ostergottesdiensten. Rund 300 Menschen sind tot.

Die Regierung Sri Lankas verhängt eine Ausgangssperre – und sperrt die sozialen Netzwerke. Facebook, Youtube & Co. – offline.

Die angesehene US-amerikanische Journalistin Kara Swisher schreibt darüber in der New York Times:

Ich schäme mich, es zuzugeben, aber mein erster Gedanke war: Das ist gut. So schlimm ist es inzwischen um die sozialen Medien bestellt.

Und tatsächlich: Mittlerweile scheint der digitale toxische Müll, der nach jedem Anschlag, jedem Unglück und eigentlich nach jeder bloßen politischen Kontroverse über diese Netzwerke breitgetreten und verteilt wird, alle Hoffnung hinwegzufegen, die einmal mit den „Neuen Medien“ ohne die traditionellen Aufpasser und Gatekeeper verbunden wurden.

Freie Plattformen mit freien Informationen dienen der Freiheit der Menschheit. Kara Swisher erklärt diesen Gründungsmythos für mittlerweile gescheitert:

Die tiefste Ursache des Problems liegt nicht in den Medien an sich, sondern darin, dass die die Menschheit so zutiefst unmenschlich sein kann. Aber diese Tendenz wurde durch Medien und Technologie auf eine Art und Weise schlimmer gemacht, die ihre Erfinder und Erbauer nicht vorher gesehen haben.

Für die New York Times-Journalistin sind Facebook & Co. denn auch die „Waffenhändler des Digitalzeitalters“. Sie stellen ihre Werkzeuge unterschiedslos dem Dialog und der Transparenz im Namen der Freiheit genauso zu Verfügung wie der Beschleunigung von Gewalt von verbalen Ausfälligkeiten gegen Andersdenkende bis hin zum live gestreamten Amoklauf in Neuseeland vor wenigen Wochen.

Wenn uns in den sozialen Medien unserer Tage tatsächlich so etwas begegnet wie unsere eigene digitale Erbsünde, dann werden Versuche der Eindämmung durch Abschaltung oder Algorithmen letzten Endes wirkungslos bleiben – wie das bei externem Sündenmanagement durch Regeln und Verbote und Strafen eben so ist.

Der Mensch ist und bleibt ein gleichzeitig rettungswürdiges und erlösungsbedürftiges Wesen. Auch online. Unsere Welt hat mit den sozialen Medien lediglich ein weiteres Feld hinzu bekommen, auf dem sich diese Ambivalenz des Menschen zeigt zwischen seiner Sehnsucht nach dem Guten und seiner Lust an dem, was Leben letztlich zerstört. Und jeder Einzelne ist auch auf diesem Feld herausgefordert, sich durch seine Handlungen und Haltungen permanent zu entscheiden.

Stream für Stream, Post für Post, Like für Like.

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Wie im Krieg

„Alle Informationen der Welt auf einen Klick“ – so lautet das Versprechen des Internet. Und es stimmt es ja auch: Kein Kochrezept, das ich nicht nachschlagen könnte, kein holländischer Maler, über den ich nicht mehr erfahren könnte, kein Flugzeugabsturz in Ecuador, der mir verborgen bleiben müsste.

Alle Informationen der Welt – das Problem steckt in „alle“.

Denn diese Informationen warten nicht geduldig in globalen Datenbanken, bis ein Forscher auf sie stößt – so wie früher 26 Bände der Brockhaus-Enzyklopädie im Bücherregal. Nein, diese Informationen durchfluten den Lebensraum, in dem wir uns täglich bewegen. Sie beeinflussen unsere Überzeugungen, unserer Kaufentscheidungen, was wir von welcher Partei halten oder wie wir die wirtschaftliche Lage bewerten. Und den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft geht es nicht besser.

Die globale Echtzeit-Datenflut hat einen zweifachen Druck aufgebaut: Komplexität und Geschwindigkeit von Informationen. Das entspricht nicht nur nicht dem Bild vom besonnen Forscher und der Enzyklopädie – es tut auch der demokratischen Willensbildung in Gesellschaften keinen Gefallen. Transparenz ist nur so viel wert, wie man eine Chance hat, die Informationen zu verstehen und zu verarbeiten.

Ein Übermaß an Komplexität und Geschwindigkeit der Entwicklung aber versetzt Menschen in einen Modus, wie man ihn sonst nur in Kriegen und Katastrophen kennt. Dem Einzelnen bleibt dann auch nur die beiden Optionen eines Zivilisten, der sich mitten in einem Kriegsgebiet wiederfindet: Nur noch dem eigenen Instinkt folgen, oder sich an jemanden halten, der sagt, wo’s langgeht.

Zur ersten Option scheinen die pluralistischen Gesellschaften des Westens zu tendieren, die zweite Option entspricht den totalitären Tagträumen aller Autokraten. Beide Optionen aber sind für Wissenschaft und Forschung („post-truth“) genauso schädlich wie für den demokratischen Diskurs („alternative facts“). Der Soziologe und Politikwissenschaftler William Davies ist sich in einem Essay in der New York Times denn auch sicher: „Die Kultur einer extrem beschleunigten Öffentlichkeit, die zum großen Teil durch Technik erzeugt wurde, von der wir nicht wissen, wie wir sie verlangsamen sollen, ist mitverantwortlich dafür, dass sich Demokratie heute mehr wie Krieg anfühlt.“

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