Kategorie: Medien // Kultur

Digitale Erbsünde

Sri Lanka, Ostersonntag 2019. Innerhalb von 30 Minuten explodiert eine Reihe von Sprengsätzen. Sie zerfetzen Anstehende an Frühstücksbuffets in Hotels genauso wie Betende in christlichen Ostergottesdiensten. Rund 300 Menschen sind tot.

Die Regierung Sri Lankas verhängt eine Ausgangssperre – und sperrt die sozialen Netzwerke. Facebook, Youtube & Co. – offline.

Die angesehene US-amerikanische Journalistin Kara Swisher schreibt darüber in der New York Times:

Ich schäme mich, es zuzugeben, aber mein erster Gedanke war: Das ist gut. So schlimm ist es inzwischen um die sozialen Medien bestellt.

Und tatsächlich: Mittlerweile scheint der digitale toxische Müll, der nach jedem Anschlag, jedem Unglück und eigentlich nach jeder bloßen politischen Kontroverse über diese Netzwerke breitgetreten und verteilt wird, alle Hoffnung hinwegzufegen, die einmal mit den „Neuen Medien“ ohne die traditionellen Aufpasser und Gatekeeper verbunden wurden.

Freie Plattformen mit freien Informationen dienen der Freiheit der Menschheit. Kara Swisher erklärt diesen Gründungsmythos für mittlerweile gescheitert:

Die tiefste Ursache des Problems liegt nicht in den Medien an sich, sondern darin, dass die die Menschheit so zutiefst unmenschlich sein kann. Aber diese Tendenz wurde durch Medien und Technologie auf eine Art und Weise schlimmer gemacht, die ihre Erfinder und Erbauer nicht vorher gesehen haben.

Für die New York Times-Journalistin sind Facebook & Co. denn auch die „Waffenhändler des Digitalzeitalters“. Sie stellen ihre Werkzeuge unterschiedslos dem Dialog und der Transparenz im Namen der Freiheit genauso zu Verfügung wie der Beschleunigung von Gewalt von verbalen Ausfälligkeiten gegen Andersdenkende bis hin zum live gestreamten Amoklauf in Neuseeland vor wenigen Wochen.

Wenn uns in den sozialen Medien unserer Tage tatsächlich so etwas begegnet wie unsere eigene digitale Erbsünde, dann werden Versuche der Eindämmung durch Abschaltung oder Algorithmen letzten Endes wirkungslos bleiben – wie das bei externem Sündenmanagement durch Regeln und Verbote und Strafen eben so ist.

Der Mensch ist und bleibt ein gleichzeitig rettungswürdiges und erlösungsbedürftiges Wesen. Auch online. Unsere Welt hat mit den sozialen Medien lediglich ein weiteres Feld hinzu bekommen, auf dem sich diese Ambivalenz des Menschen zeigt zwischen seiner Sehnsucht nach dem Guten und seiner Lust an dem, was Leben letztlich zerstört. Und jeder Einzelne ist auch auf diesem Feld herausgefordert, sich durch seine Handlungen und Haltungen permanent zu entscheiden.

Stream für Stream, Post für Post, Like für Like.

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Wie im Krieg

„Alle Informationen der Welt auf einen Klick“ – so lautet das Versprechen des Internet. Und es stimmt es ja auch: Kein Kochrezept, das ich nicht nachschlagen könnte, kein holländischer Maler, über den ich nicht mehr erfahren könnte, kein Flugzeugabsturz in Ecuador, der mir verborgen bleiben müsste.

Alle Informationen der Welt – das Problem steckt in „alle“.

Denn diese Informationen warten nicht geduldig in globalen Datenbanken, bis ein Forscher auf sie stößt – so wie früher 26 Bände der Brockhaus-Enzyklopädie im Bücherregal. Nein, diese Informationen durchfluten den Lebensraum, in dem wir uns täglich bewegen. Sie beeinflussen unsere Überzeugungen, unserer Kaufentscheidungen, was wir von welcher Partei halten oder wie wir die wirtschaftliche Lage bewerten. Und den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft geht es nicht besser.

Die globale Echtzeit-Datenflut hat einen zweifachen Druck aufgebaut: Komplexität und Geschwindigkeit von Informationen. Das entspricht nicht nur nicht dem Bild vom besonnen Forscher und der Enzyklopädie – es tut auch der demokratischen Willensbildung in Gesellschaften keinen Gefallen. Transparenz ist nur so viel wert, wie man eine Chance hat, die Informationen zu verstehen und zu verarbeiten.

Ein Übermaß an Komplexität und Geschwindigkeit der Entwicklung aber versetzt Menschen in einen Modus, wie man ihn sonst nur in Kriegen und Katastrophen kennt. Dem Einzelnen bleibt dann auch nur die beiden Optionen eines Zivilisten, der sich mitten in einem Kriegsgebiet wiederfindet: Nur noch dem eigenen Instinkt folgen, oder sich an jemanden halten, der sagt, wo’s langgeht.

Zur ersten Option scheinen die pluralistischen Gesellschaften des Westens zu tendieren, die zweite Option entspricht den totalitären Tagträumen aller Autokraten. Beide Optionen aber sind für Wissenschaft und Forschung („post-truth“) genauso schädlich wie für den demokratischen Diskurs („alternative facts“). Der Soziologe und Politikwissenschaftler William Davies ist sich in einem Essay in der New York Times denn auch sicher: „Die Kultur einer extrem beschleunigten Öffentlichkeit, die zum großen Teil durch Technik erzeugt wurde, von der wir nicht wissen, wie wir sie verlangsamen sollen, ist mitverantwortlich dafür, dass sich Demokratie heute mehr wie Krieg anfühlt.“

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Was christliche Digitalangebote bewegen und woran sie scheitern

„Digitalisierung“ ist in aller Munde. Joachim Stängle bezeichnet sie für die „voraussichtlich letzte Chance der Volkskirchen„. Ich bin überzeugt, dass die Zukunft der Gemeinde Jesu im kirchengeschichtlichen Horizont nicht von menschlicher Technologie abhängt. Aber es ist für mich schon die Frage, ob eine Kirche (oder Gemeinde oder christliche Organisation) durch ihren Umgang mit Chancen und Risiken der Digitalisierung an Relevanz gewinnt oder an Relevanz verliert. Beides halte ich für grundsätzlich möglich, und deshalb arbeiten wir bei ERF Medien mit Nachdruck daran, unsere Medienangebote wie auch unsere internen Abläufe zu digitalisieren und dann ab 2020 auch baulich in unserem komplett neuen Medienhaus das nächste Kapitel der 60-jährigen Werksgeschichte aufzuschlagen.

In meinen inzwischen fast 20 Jahren Berufserfahrung mit christlichen digitalen Medienangeboten habe ich Beispiele für beides gesehen: Christliche Digitalangebote, die etwas bewegen – und solche, die gescheitert sind. An einigen dieser Projekte – erfolgreichen wie gescheiterten – war ich selbst aktiv beteiligt. Meine ganz persönlichen Erfahrungen und Schlussfolgerungen über Ursachen für Erfolg und Misserfolg christlicher Digitalangebote habe ich zu einem Vortrag auf der Gott@Digital-Konferenz am 15. September 2018 in Darmstadt verarbeitet:

 

 

Wer sich mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sieht, den möchte ich schon jetzt auf eine Folgekonferenz 2019 hinweisen. Sobald Termin und Ort definitiv feststehen, gibt’s mehr Informationen unter gottdigital.de .

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