Kirchenaustritte zwischen Fakten und Fehlkonstruktion

„Kirchenaustritte auf historischem Höchststand“, titelte die Tagesschau Ende Juni anlässlich der jüngst von EKD und katholischer Deutscher Bischofskonferenz veröffentlichten Mitgliedschaftszzahlen für das Jahr 2019.

Jeweils rund 270.000 Kirchenmitglieder weniger in der evangelischen und in der katholischen Kirche – das ein neuer Negativrekord, andererseits leider fast schon „business as usual“ in der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit der letzten Jahre. So erwartbar waren die Reaktionen von Kirchenvertretern: Es gelte, „verlorene Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen“ und „angemessene Antworten auf die Fragen der Zeit“ zu finden, war da zu lesen. Man werde diese „schmerzhafte Entwicklung“ jetzt „gründlich analysieren“.

Erwartbar auch die Reaktion derjenigen, denen die Kirchen schon lange nicht mehr fromm genug sind. Auch ohne gründliche Analyse hatten manche für den altbekannten Trend die lange eingeübte Erklärung parat: Wenn die Kirche „die Grundlagen des Glaubens verleugnet“, der „Bibel untreu“ wird und sich nur noch „dem gesellschaftspolitischen Mainstream entsprechend äußert“ – dann ist es doch kein Wunder, dass die Menschen sie in Scharen verlassen, oder?

Ich wundere mich jedes Jahr wieder über dieses Argument, denn wäre es zutreffend, müssten diese Hunderttausenden Menschen auf ihrer Suche nach der angeblich schmerzhaft vermissten, theologisch konservativeren Heimat doch Schlange stehen vor den Gemeinden und Gemeinschaften, die den Kritikern als „bibeltreuer“ gelten. Das tun sie aber höchstens in Einzelfällen; die überaus große Mehrheit der neuen Ex-Kirchenmitglieder verliert sich offensichtlich einfach in der wachsenden gesellschaftlichen Gruppe der religiösen Ungebundenheit.

Es ist für idealistisch hoch engagierte Menschen immer verlockend, Fakten und Zahlen in den Dienst der eigenen Deutungshoheit zu stellen. Und doch kann dabei eine Fehlkonstruktion von Ursache und Wirkung entstehen, die zwar zu einem moralisch-ideologischen Überlegenheitsgefühl führen kann, aber nicht zur Lösung der tatsächlichen Probleme.

Besonders Leiterinnen und Leiter stehen in der Verantwortung, eine gesunde Distanz zwischen Wahrnehmung von Fakten und ihrer Bewertung zu wahren. Nur wer seine Lieblingsannahmen genauso diszipliniert hinterfragt wie das Ziel seiner Kritik, kann die wirklichen Zusammenhänge von Ursache und Wirkung erkennen, strategische Weichen richtig stellen und so zur Problemlösung beitragen.

Diesen Mut, die eigenen Lieblingsannahmen kritisch zu hinterfragen, wünsche ich den Verantwortlichen in den beiden Volkskirchen genauso wie ihren Kritikern. Denn am Ende geht es nicht um Mitgliederzahlen oder Rechthaben, sondern um einen Auftrag von ganz oben: In unsere Gesellschaft geistliche Orientierung und echte Hoffnung hinein zu sprechen – menschenzugewandt, mit belastbarem Vertrauen zu Gottes Wort, verständlich und im Namen Jesu.

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