Wie lange noch?
Das ist eine Frage, auf die uns unser moderner Alltag ständig Antworten gibt. Mein E-Auto zeigt mir an, wie viele Kilometer ich noch fahren kann. Mein Smartphone-Display zeigt an, wie lange ich noch scrollen (oder telefonieren) kann. Mein Kontostand zeigt mir an, wie lange ich noch Geld ausgeben kann. Und wenn das Ende naht, leuchtet eine Anzeige rot, ertönt ein Signalton – und wir wissen in der Regel, was zu tun ist.
Nur bei einer Sache gibt es keine Anzeige: Wie lange ich noch zu leben habe. Selbst wenn es sie gäbe, wüsste ich nicht einmal, ob ich das wirklich wissen wollte. Würde ich regelmäßig auf diese Anzeige schauen? Würde ich mein Leben anders leben, andere Entscheidungen treffen, andere Werte wichtig nehmen?
Der deutsche Physiker Georg Christoph Lichtenberg hat einmal den Satz aufgeschrieben:
Die Klugheit eines Menschen lässt sich nach der Sorgfalt ermessen, mit der er das Künftige oder das Ende bedenkt.
Und ich ahne: Mit „Klugheit“ meint Lichtenberg nicht „Wissen“ – denn wissen tun wir alle, dass wir sterben werden. Die Todesrate liegt seit Beginn der Menschheitsgeschichte bei ziemlich genau 100%. Was hier gemeint und gefordert ist, ist etwas anderes, tieferes. Es geht um ein Wissen, dass sich so tief in die Wirklichkeit meines Denkens, Fühlens und meines Herzens hinein verankert, dass es mein Leben prägt. Es geht um Weisheit.
Endlichkeit macht unruhig
Ich habe letzten Sonntag über dieses Thema gepredigt und in der Vorbereitung einmal beim Statistischen Bundesamt die durchschnittliche Lebenserwartung eines Menschen in Deutschland in meinem Alter recherchiert (etwa 82 Jahre) und dann alle Wochen meines Lebens bis zur statistischen Lebenserwartung in Powerpoint visualisiert:

Jedes Kästchen ist eine Woche meines Lebens, 4.250 insgesamt in 82 Jahren. Die 2.900 orangenen Kästchen sind die Wochen, die ich bereits gelebt habe – vorbei, Vergangenheit. Sie mögen schön oder schwer gewesen sein, aber sie kommen nie wieder. Die 1.350 grünen Kästchen sind die Wochen, die mir – rein statistisch, keine Garantie – noch zum Leben bleiben. Das weiße Kästchen ist meine aktuelle Woche mit all ihren ganz normalen Terminen: Familie, Beruf, Nebenberuf, Ehrenamt – von der Autowerkstatt bis zum Zoom-Meeting.
Als ich dieses Muster gesehen habe, bin ich erschrocken. 4.250 Wochen klingt nach richtig viel. Aber der Vorrat ist endlich. Ehrlicherweise muss ich mir eingestehen, dass ich meine Wochen meistens einfach so vor mich hinlebe, ohne einen Gedanken an die Endlichkeit meines Lebens zu verlieren. Klar, ich werde älter, ich muss mich mit dem ein oder anderen gesundheitlichen Thema auseinandersetzen, aber im Grunde genommen geht es einfach immer weiter.
Bis es irgendwann nicht mehr weitergeht. Bis irgendwann das letzte grüne Kästchen erreicht ist. Bis es irgendwann meine letzte Woche gewesen ist.
Ich finde, dieser Gedanke macht unruhig. Und damit bin ich nicht alleine.
Der Ewige spricht in unsere Endlichkeit
In meinem Predigttext, einem jahrtausende alten gesungenen Gedicht, das Mose zugeschrieben wird, und das in der Bibel heute als Psalm 90 zu finden ist, heißt es:
Unser Leben dauert siebzig Jahre, und wenn wir noch Kraft haben, dann auch achtzig Jahre. Und was uns daran so wichtig erschien, ist letztlich nur Mühe und trügerische Sicherheit. Denn schnell eilen unsere Tage vorüber, als flögen wir davon
…
Lehre uns zu bedenken, wie wenig Lebenstage uns bleiben, damit wir ein Herz voll Weisheit erlangen!aus Psalm 90, 10-12
Da ist es wieder, das „Bedenken“ von Georg Christoph Lichtenberg. Im hebräischen Originaltext steht hier ein Wort, das so viel wie „zählen“ oder „rechnen“ bedeutet. Für den Psalmisten beginnt die Weisheit des Lebens also damit, richtig mit der eigenen Endlichkeit zu „rechnen“.
Wir rechnen falsch
Das wir sterben müssen, wissen wir alle. Aber meistens rechnen wir falsch mit unserer Endlichkeit. Zum Beispiel so:
- Wir leben so, als hätten wir unendlich viel Zeit. „Wenn ich mal in Rente bin…“ – wie oft habe ich diesen Satz schon gehört? Oder selbst gedacht? Wie oft verschiebe ich wesentliche Dinge in eine Zukunft, die mir doch gar nicht garantiert ist?
- Wir leben so, als müsste jeder Tag das Beste sein, was das Leben hergibt. Wir legen die Latte für unser Leben unfassbar hoch – an uns selbst, an unseren Partner oder Partnerin, an unsere Kinder, an unseren Job. Und auch an unsere Lebenszeit. Und dann kommt der nächste ganz normale Dienstag, und wir sind enttäuscht, frustriert, unerfüllt. Ich glaube: Das Problem ist nicht der Traum vom Optimum, sondern die unausgesprochene Erwartung, dass dieser Traum unsere eigene Endlichkeit irgendwie außer Kraft setzen könnte.
- Wir leben so, als müssten wir um jeden Preis festhalten, was uns hier und jetzt Bedeutung verspricht. Meine Termine. Meine Beziehungen. Meine Bühne. Das Gefragtwerden und Gehörtwerden und Gebrauchtwerden.
All das sind „Rechenfehler“ beim Umgang mit unserer eigenen Endlichkeit. Und vielleicht ist gar nicht so sehr die Endlichkeit an sich das Problem, sondern ihre Verdrängung. Höchste Zeit also, unsere Endlichkeit als Chance zu begreifen, weise leben zu lernen:„Lehre uns zu bedenken, wie wenig Lebenstage uns bleiben, damit wir ein Herz voll Weisheit erlangen!“
In Psalm 90 ist Gott selbst das Gegenüber, von dem man diese Weisheit lernen kann. Nicht automatisch, sondern dann, wenn man Gott in einer Haltung der Lernbereitschaft und des Respekts begegnet (in der Sprache des Alten Testaments wird das oft mit „Demut“ und „Ehrfurcht“ beschrieben; Begriffe, die wir mit unseren modernen Ohren schnell schief hören).
Weise leben beginnt mit Gott
Es geht also nicht um Angst vor Gott, sondern um Lernbereitschaft, so wie es in einem anderen Psalm – Psalm 111 – ausgedrückt wird:
Weisheit beginnt damit, dass man dem Herrn mit Ehrfurcht begegnet. Alle, die in dieser Haltung leben, gewinnen gute Einsicht.
Psalm 111,10
Dahinter steht der Gedanke: Erst die Ehrfurcht vor dem Ewigen, der uns Menschen unsere Zeit zumisst, lässt uns aus unserer Endlichkeit lernen, weise zu leben. Erst diese Haltung Gott gegenüber bewahrt uns davor, weiter falsch zu rechnen mit unserer Lebenszeit, so als wären wir wie Gott. So, als hätten wir unendlich viel Zeit. So, als könnten wir an jedem tag Perfektion hervorbringen. So, als müssten wir in dieser Welt zeitlose Bedeutung haben.
Und diese Haltung der Lernbereitschaft und des tiefen Respekts Gott gegenüber ist erst der Anfang. „Weisheit beginnt damit“, sagt Psalm 111, 10. Wie so vieles Wesentliches in unserem Leben ist auch das „Weise leben lernen“ ein Prozess, der von meiner eigenen Endlichkeit, von der Perspektive meines „letzten Kästchens“ aus auf den Gott schaut, der sich mir zuwendet und mir helfen will, weise leben zu lernen. Weisheit lernen bedeutet, immer mehr zu verinnerlichen, was am Ende zählt.
Was am Ende zählt
Bronnie Ware, eine australische Palliativpflegerin, hat über viele Jahre Sterbende in ihren letzten Wochen und Stunden begleitet und mit ihnen gesprochen, soweit das noch möglich war. Irgendwann hat sie in einem Buch (5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen) aufgeschrieben, wie diese sterbenden Menschen aus der Perspektive ihres jeweiligen letzten Kästchens auf ihr Leben zurückgeschaut haben.
Dabei fällt auf: Es ging den Sterbenden oft weniger um Erfolge, die sie im Leben erreicht oder nicht erreicht hatten. Und wenn diese Menschen etwas bedauerten, dann waren es immer wieder ähnliche Dinge, und sie sagten zu Bronnie Ware Sätze wie:
Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.
Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten.
Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.
Das sind keine Sätze von Menschen, die ihr Zeitmanagement verbessern wollen. Es sind Sätze von Menschen, die die letzte Woche ihres Lebens erreicht haben. Es sind Sätze von Menschen, die mit Bedauern dann erst festgestellt haben, was in ihre Leben wirklich gezählt hätte.
Ich glaube, es stimmt: Weisheit lernen bedeutet, immer mehr zu verinnerlichen, was am Ende zählt.
Tankstelle der Gnade
Zum Glück muss das Bedauern (oder die Angst vor dem Bedauern) nicht das letzte Wort haben. Und auch mein Predigttext, Psalm 90, endet nicht mit Bedauern, sondern selbst angesichts der Endlichkeit des menschlichen Lebens mit einem Schimmer der Hoffnung:
Herr, wende dich uns wieder zu! … Schenk uns jeden Morgen die Fülle deiner Liebe. Dann werden wir jubeln und uns freuen unser Leben lang … So zeige sich nun an uns die Freundlichkeit des Herrn, unseres Gottes! Gib dem Bestand, was wir mit eigenen Händen tun!
aus Psalm 90, 13-17
Weise zu leben bedeutet anscheinend, Gottes Liebe zu vertrauen. Sich daran zu freuen. Weise zu leben bedeutet, dass Gottes Freundlichkeit aufleuchtet in dem, was ich diese Woche tun werde. Weise zu leben bedeutet, es getrost Gott zu überlassen, welche Bedeutung bleiben wird von meiner Arbeit.
Und dann dieses „Jeden Morgen“ – das ist für mich eine Einladung zur „Tankstelle der Gnade“: Jeden Morgen beginnt ein neuer Tag. Ich darf atmen. Ich darf leben. Ich darf wissen: Gott ist da, und er ist für mich (das ist das, was die Bibel mit „Gnade“ meint).
So wie ich mir morgens meine erste Tasse Kaffee eingieße und genieße, so gießt der Ewige seine Gnade in mein Leben. Jeden Tag neu – und immer genau für diesen einen, neuen Tag. Nicht auf Vorrat, aber verlässlich jeden Tag, immer wieder, bis zu meiner letzten Lebenswoche.
Meine nächste Woche
Aus dieser Perspektive heraus schaue ich neu und anders auf die 4.250 orangenen und grünen Kästchen, auf all die Wochen meines Lebens. Ich schaue neu und anders auf die nächste Woche meines Lebens, auf all die Termine von Autowerkstatt bis Zoom-Meeting. Und ich möchte lernen, dabei ein Stück weiser mit der Endlichkeit meiner Zeit umzugehen:
1. Das Heute zählt. Mein „wenn ich mal in Rente bin“ fängt noch diese Woche an. Ich trage mir den Anruf bei meinem Freund ein, mit dem ich schon so lange nicht mehr gesprochen habe
2. Jeder Tag ist genug. Ich muss nicht bei jedem Tag fragen, was er mir bringt. Ich habe begrenzte Kraft, und auch die ganz normalen Tage sind ein Geschenk Gottes.
3. Ich bin gehalten. Und deshalb darf ich loslassen, wo ich verkrampfe. Und ich streiche diesen Termin, bei dem ich von anderen gerne gesehen werden will, aus dem Kalender.
Ich weiß nicht, was du denkst, wenn du auf deinen Kalender schaust. Aber ich glaube, wir sitzen alle in einem Boot, ob wir viel mit Glauben anfangen können oder wenig: Wir alle sehen der Endlichkeit unserer Lebenszeit und Lebenskraft ins Auge. Wir alle haben den Wunsch, weise zu leben. Und wir alle leben von etwas, das wir uns nicht selbst geben können: Gnade. Jeden Morgen neu.
Das Heute zählt.
Jeder Tag ist genug.
Du bist gehalten.
Meine Predigt über das Thema „Damit wir weise werden“ und Psalm 90 gibt’s in voller Länge auf Youtube:


