Wie im Krieg

„Alle Informationen der Welt auf einen Klick“ – so lautet das Versprechen des Internet. Und es stimmt es ja auch: Kein Kochrezept, das ich nicht nachschlagen könnte, kein holländischer Maler, über den ich nicht mehr erfahren könnte, kein Flugzeugabsturz in Ecuador, der mir verborgen bleiben müsste.

Alle Informationen der Welt – das Problem steckt in „alle“.

Denn diese Informationen warten nicht geduldig in globalen Datenbanken, bis ein Forscher auf sie stößt – so wie früher 26 Bände der Brockhaus-Enzyklopädie im Bücherregal. Nein, diese Informationen durchfluten den Lebensraum, in dem wir uns täglich bewegen. Sie beeinflussen unsere Überzeugungen, unserer Kaufentscheidungen, was wir von welcher Partei halten oder wie wir die wirtschaftliche Lage bewerten. Und den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft geht es nicht besser.

Die globale Echtzeit-Datenflut hat einen zweifachen Druck aufgebaut: Komplexität und Geschwindigkeit von Informationen. Das entspricht nicht nur nicht dem Bild vom besonnen Forscher und der Enzyklopädie – es tut auch der demokratischen Willensbildung in Gesellschaften keinen Gefallen. Transparenz ist nur so viel wert, wie man eine Chance hat, die Informationen zu verstehen und zu verarbeiten.

Ein Übermaß an Komplexität und Geschwindigkeit der Entwicklung aber versetzt Menschen in einen Modus, wie man ihn sonst nur in Kriegen und Katastrophen kennt. Dem Einzelnen bleibt dann auch nur die beiden Optionen eines Zivilisten, der sich mitten in einem Kriegsgebiet wiederfindet: Nur noch dem eigenen Instinkt folgen, oder sich an jemanden halten, der sagt, wo’s langgeht.

Zur ersten Option scheinen die pluralistischen Gesellschaften des Westens zu tendieren, die zweite Option entspricht den totalitären Tagträumen aller Autokraten. Beide Optionen aber sind für Wissenschaft und Forschung („post-truth“) genauso schädlich wie für den demokratischen Diskurs („alternative facts“). Der Soziologe und Politikwissenschaftler William Davies ist sich in einem Essay in der New York Times denn auch sicher: „Die Kultur einer extrem beschleunigten Öffentlichkeit, die zum großen Teil durch Technik erzeugt wurde, von der wir nicht wissen, wie wir sie verlangsamen sollen, ist mitverantwortlich dafür, dass sich Demokratie heute mehr wie Krieg anfühlt.“

Mehr

Schuld macht schwach

„Hauptsache Gesundheit“ – hört man oft, wenn sich Leute zum Geburtstag gratulieren. Zumindest jenseits eines gewissen Alters, denn allen ist bewusst: Es gibt keine Garantie für Gesundheit.  Je älter wir werden, desto sichtbarer wird die innewohnende Schwäche unseres Lebens. Niemand ist davor gefeit.

Es gibt aber noch eine weitere Kraft, die die Schwäche des Lebens vergrößert. Und das ist Schuld – aber darüber redet man beim Gratulieren auf Geburtstagen in der Regel meistens eher nicht.

Schuld macht schwach. Diese Erkenntnis ist uralt: Der alttestamentliche König David ist einmal des Ehebruchs und des Mordes überführt worden. In Psalm 51 benennt er die spürbaren Auswirkungen seiner Schuld: „ein geängsteter Geist“ und „ein geängstetes, zerschlagenes Herz“.

Schuld macht schwach. Die gute Nachricht ist: Es muss nicht dabei bleiben. Gott kann und will Schuld durch Vergebung wieder aufheben. Klar – das macht nicht ungeschehen, was geschehen ist. Aber Vergebung macht  frei. Meine Schuld macht mich nicht länger schwach. Ich darf aufatmen und neue Kraft erfahren.

Das Buch des Propheten Jesaja malt dem Volk Israel vor Augen, wie es in ihrem Land aussehen wird, nachdem sie Gott um Vergebung für ihre Schuld gebeten haben. Dort heißt es (Jesaja 33,24):

Kein Bewohner wird sagen: »Ich bin schwach«; denn das Volk, das darin wohnt, wird Vergebung der Schuld haben.

Schuld macht auf Dauer schwach. Aber Gottes Vergebung stellt sich der Schwäche entgegen. Davon kann ich leben – heute.

(erschienen in der Sendereihe Anstoß bei ERF Plus)

Mehr

Wie der Ochs vorm Berg

Manchmal stehe ich wie der Ochs vorm Berg. Vor einer Hürde, die ich unüberwindlich finde. Das kann zum Beispiel eine schwierige Entscheidung sein oder ein schwieriges Gespräch. Ich würde am liebsten aufgeben. Und einen Schuldigen finden: Die Umstände sind schuld! Die Anderen sind schuld!

Auch Menschen, die Gott vertrauen, kommen in solche Situationen. Kann es auch sein, dass Gott daran schuld ist?

In der Bibel wird erzählt, wie einmal das Volk Israel wie der Ochs vorm Berg stand. Die Israeliten waren unterwegs durch die Wüste. Raus aus der Sklaverei in Ägypten, rein ins gelobte Land.

Aber kurz, bevor sie am Ziel sind, merken sie: Das gelobte Land ist voller Feinde!  Das schaffen wir nie! Da stehen sie nun, wie der Ochs vorm Berg. Wer ist schuld? Gott, der uns das Land versprochen hat! Mose, der uns angeführt hat! Wir werden beiden nicht länger vertrauen!

Mose bittet Gott, das Volk trotz dieses Misstrauens nicht aufzugeben. Er betet (4. Mose 14,19):

Weil deine Güte so groß ist, darum vergib diesem Volk seine Schuld!

Mose weiß, was nötig ist, wenn man wie der Ochs vorm Berg steht. Man braucht keinen Schuldigen. Sondern Güte.

Gottes Güte fängt mein Misstrauen auf und meine Angst, es nicht zu schaffen. Gottes Güte erneuert mein Gottvertrauen und schenkt mir einen neuen Anlauf, die Hürde am Ende doch zu überwinden.

Ich will von Mose lernen – und Gott um seine Güte bitten, wenn ich mal wieder wie der Ochs vorm Berg stehe.

 

(erschienen in der Sendereihe Anstoß bei ERF Plus)

Mehr