Politik mit Größe 44

Politik und Schuhe – das scheint irgendwie eine schlagkräftige Kombination zu sein. Im wahrsten Sinne des Wortes:

Im September 1960 zieht Nikita Chruschtschow während einer Rede vor der Uno einen Schuh aus und schlägt ihn auf dem Tisch. Vermutlich wollte er eigentlich sein amerikanisches Gegenüber damit treffen, aber bei einem nuklearen Abschreckungspotential auf beiden Seiten wollte er dieses Risiko wohl nicht eingehen.

Jetzt schafft es ein irakischer Journalist in die Schlagzeilen – aber nicht mit einem redaktionellen Beitrag, sondern mit seinem Schuh. Weil er ihn auf George W. Bush geworfen hat, während einer Pressekonferenz. Aber auch er trifft – trotz Schuhgröße 44 – den Amerikaner nicht.

Das können Internet-Nutzer jetzt nachholen: Unter www.sockandawe.com kann man online nach dem im Irak verhassten amerikanischen Präsidenten werfen. Und zumindest virtuell das schaffen, was Chruschtschow und dem irakischen Journalisten verwehrt blieb (solange man sich dabei der eigenen Obrigkeit unterordnet und nicht auf ein Mitglied der Bundesregierung zielt).

Manchmal sind es die kleinen Gesten unbekannter Einzelner, die hohe Wellen schlagen…

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Eine Vorhaut klagt an

Spiegel Online berichtet in „Gott muss wütend sein“ über ein neues Buch des Schriftstellers Shalom Auslander. Es heißt „Eine Vorhaut klagt an“, und darin verarbeitet er seinen Versuch, sich von seinen traditionellen religiösen Wurzeln zu lösen und „Gott loszuwerden“, wie er das nennt.

Wie viele Menschen bringt Allander die Existenz Gottes und den Zustand unserer Welt nicht zusammen. Auf die Frage, was wäre wenn Gott tatsächlich nicht existiert, gibt er eine sehr interessante Antwort: „[Wenn Gott nicht existiert…] – das wäre die gute Nachricht. Die schlechte wäre, dass die Welt dann nicht nur böse, sondern auch sinnlos ist. Man kann Gott aus dem Bild entfernen, aber der Schrecken bleibt.“

Als Christ komme ich zu einem ganz ähnlichen Schluß: Auch wenn ich Gottes Handeln in unserer Welt nicht im Letzten verstehe und mit manchem ringe – wenn ich Gott aus dem Bild entferne, wird die Welt dadurch nicht besser.

Es gibt letztlich nur einen, zu dem ich mit diesem Hinterfragen kommen kann – der Gott, den ich nicht verstehe.

Das klingt zunächst paradox, aber auch Allander scheint das irgendwie zu ahnen. Frage: „Wie ist Ihr Verhältnis zu Gott?“ – Allander: „Wir diskutieren weiter…“

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Weihnachtsglanz und Gelbe Säcke

Neulich auf dem Weg in den Hauskreis: Das Nachbarhaus unserer Freunde war hell erleuchtet – mit den obligatorischen Outdoor-Weihnachts-Lichter-Girlanden. Jeder der sorgsam in einer Linie ausgerichteten Ziersträucher im Vorgarten war in ein Ensemble funkelnder Lichter verwandelt worden. Sehr stimmungsvoll!

Der vorderste Strauch beleuchtete aber nicht nur die Nacht – sondern auch ein durchsichtiges Stück gelbes Plastik. Beim näheren Hinsehen entpuppte sich die ungewöhliche Dekoration als die übliche Plastikmüllsammelverpackung – ein gelber Sack. Wie der Mond von der Sonne angestrahlt wird, glühte das sackgewordene Umweltbewusstsein der Hauseigentümer mattgelb im Dunkeln.

Irgendwie ein sehr passendes Bild für mein Leben, finde ich: Ich schmücke mich mit positiven Seiten, Talenten, Errungenschaften, Erfolgen. Die nicht nur nett aussehen, in einer geraden Linie angeordnet sind, sondern auch für jedermann weithin sichtbar leuchten. Und gleichzeitig lässt sich der Müll meines Lebens nicht wirklich vermeiden: Er muss raus, vorne an die Strasse, zum Abholen. Vergebung bleibt nötig. Ich brauche meinen Gott, der seine Kinder nicht nur ermutigt („lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen“) – sondern der für den Müll meines Lebens da ist.

Einmal und immer wieder. Und manchmal mitten drin in allem Hellen, Leuchtenden, Strahlenden.

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