Retter ohne Reihenfolge

Ich fahre im Dunkeln über die Autobahn und sehe blaue Lichter flackern. Drüben, auf der anderen Fahrspur, steht der Notarzt und ein Rettungswagen. Zum Glück kein richtig schlimmer Unfall. Die Retter haben die Situation gut im Griff, können allen Verletzten helfen.

Manchmal gibt es aber Unglücke, da sind zu viele Verletzte gleichzeitig zu versorgen. Notärzte müssen dann unter Zeitdruck entscheiden: Wem muss dringend geholfen werden? Wer kann erst einmal warten? Und – ganz tragisch – wem kann nach menschlichem Ermessen nicht mehr geholfen werden? Notärzte trainieren für diesen Fall der Fälle, nach medizinischen Kriterien auszuwählen.

Nun ist Gott zwar kein Notarzt, aber als Arzt und Nothelfer hat er sich in der Geschichte schon oft betätigt, und Notrufe nimmt er auch entgegen. Da stellt sich die Frage: Wie wählt Gott aus? Wer kommt bei ihm bevorzugt dran? (mehr …)

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Christlicher Glaube – völlig am Markt vorbei?

Welchen Ratgebern schenkt man am besten  Vertrauen? Bin heute über einen Beitrag von Michael Hyatt gestolpert, in der er sich mit dieser Frage auseinander setzt und dabei den Grundsatz formuliert:

Never take advice from people who aren’t getting the results you want to experience.

Richte dich nicht nach Leuten, die nicht das erleben was du suchst.

Ziemlich nachvollziehbar, finde ich: Höre nicht auf die Tipps eines fettleibigen Ernährungsberaters. Oder die Geldanalagestrategien eines Finanzberaters in Privatinsolvenz. (Ich glaube, das ist auch der Grund warum Angestellte in Brillenläden immer auch selbst Brillen tragen.)

Je länger ich über diesen Satz nachdenke, desto treffender scheint er mir auch zu beschreiben, warum sich in unserer Gesellschaft viele Leute nicht näher auf den christlichen Glauben einlassen möchten. Warum man unter Umständen ein bisschen kulturell interessiert ist – aber auf keinen Fall existenziell.

Ein Grund steckt eben in dem Satz von Hyatt: Richte dich nicht nach Leuten, die nicht das erleben was du suchst. Nur wenige andere Menschen erkennen im Leben von Christen etwas wieder, das sie selbst suchen.

In der umgekehrten Blickrichtung ist dadurch Frust vorprogrammiert für Christen, die andere für ihre Glaubensüberzeugungen gewinnen wollen. Frust, der sich in quälenden Fragen äußert, die so oder so ähnlich klingen wie:

  • Wie können wir das Evangelium relevant für unsere Zeit machen?
  • Welche Antworten gibt der Glaube auf die Bedürfnisse der Menschen?
  • Wie kann ich meinen Glauben verständlich erklären?
  • Wie können wir Glaubenshürden aus dem Weg räumen?

Bisweilen driften diese Fragen unter Christen auch durchaus ins Selbstkritische bis Depressive ab:

  • Leben wir unseren Glauben zu abgehoben von den tatsächlichen Problemen unserer Zeit?
  • Sind wir als Christen zu angepasst, zu unterscheidbar, nicht profiliert genug?

Manche dieser Fragen sind durchaus lohnend, andere nicht. Marktwirtschaftlich gesprochen steht dahinter letztlich die Frage nach einem Produkt auf der Suche nach seinem Markt: Wie müssen Christen ihren Glauben leben/verpacken/kommunizieren/thematisieren, damit „der Markt da draußen“ darauf anspringt?

Es ist eine irreführende Frage.

Schon die Autoren des Neuen Testaments ringen mit dieser Perspektive – und räumen ein, dass Herumbasteln am „Produkt Glaube“ nicht zu reißendem Absatz führt. So rückt Jesus seinen Freunden dir Maßstäbe zurecht, wenn er sagt (Markus 7,14): 

 

Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden!

Und der Apostel Paulus stellt klar, dass das Evangelium, die Botschaft von Gottes rettender Gnade, kein Produkt ist, das auf die Bedürfnisse der religiösen Markte seiner Zeit zugeschnitten wäre (1. Korinther 1,22-24):

 

Die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit…

Der Glaube ist nicht Produkt, sondern er ist Geschenk. Es orientiert sich nicht am Markt menschlicher Bedürfnisse, sondern an der unsichtbaren Realität Gottes. Dieses Geschenk steht allen offen, die sich darauf einlassen. Manchmal sind das viele auf einmal, manche wenige. Weder in großen noch in kleinen Zahlen liegt dabei eine besondere Qualität.

Als Christ möchte ich dieses Geschenk möglichst authentisch und offen und unverkrampft entdecken und ausleben. Möchte dabei Abstand halten von Belanglosigkeiten und Wert legen auf das wahrhaft Wichtige. Und darauf vertrauen, dass das Geschenk die Wirkung entfaltet, die Gott hinein gelegt hat. Um möglichst viele dazu einladen, die das suchen, was sich mit dem Geschenk Glauben erleben lässt. Existentiell.

Bei aller bisweilen notwendigen Selbstkritik braucht es Christen, die gleichermaßen entspannt wie mutig darauf vertrauen, dass Gott in ihnen und durch sie lebt und Leben positiv verändert.

Dafür gibt es immer einen Markt.

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Was für ein Kapitän

Ein Schiff gerät in einen verheerenden Sturm. Es schlägt leck und beginnt langsam, voll Wasser zu laufen. Nur noch ein, zwei Stunden – dann wird das Schiff untergehen. Problem: Das einzige Rettungsboot reicht nicht für alle Menschen an Bord. Kapitän, Mannschaft und Passagiere beratschlagen, was am besten zu tun sei.

Einer der Passagiere schlägt vor, die körperlich Stärksten in das Rettungsboot zu setzen, schließlich hätten sie die größten Chancen, auf offener See im Sturm am Leben zu bleiben.

Ein Mannschaftsmitglied fordert, die ausgebildeten Seeleute müssten gerettet werden. Nur sie hätten eine Chance, mitten in der Nacht anhand der Sterne zum rettenden Hafen zu navigieren.

Ein anderer widerspricht vehement: Die Schutzbedürftigen, Frauen und Kinder, gehören zuerst ins Rettungsboot, denn sie hätten schwimmend ja gar keine Überlebenschance.

Einer der Passagiere fragt: Haben nicht die am ehesten das Überleben verdient, die sich im bisherigen Leben um andere verdient gemacht haben?

Schließlich holt einer der Matrosen zwei Würfel hervor und plädiert dafür, den Zufall über die Besetzung des Rettungsboots entscheiden zu lassen.

Wer gehört ins Rettungsboot? Eine Frage, über die man auf trockenem Land trefflich diskutieren kann, und die uns schnell zu unseren Werten führt und zum Wert eines Menschen.

Im Alten Testament hat Gott einmal sein Volk Israel gerettet. Durch den Mund des Propheten Jeremia hat er den in aller Herren Länder verstreuten Flüchtlingen versprochen: Ich will sie sammeln von den Enden der Erde, auch Blinde und Lahme, Schwangere und junge Mütter, dass sie als große Gemeinde wieder hierher kommen sollen.

Was ich bemerkenswert finde: Gott will alle retten. Er erwähnt hier extra die Behinderten, die Schwachen, die Schutzbedürftigen – damit niemand auf die Idee kommt, es käme auf körperliche Kraft und Unversehrtheit an.

Gott will alle retten. Was für ein Kapitän.

(erschienen in der Sendereihe Anstoß bei ERF Plus)

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