Der letzte Schlag

Stell dir vor, du fällst einen Baum. Nicht mit der Motorsäge, sondern so, wie man das früher tat – mit der Axt. Schlag um Schlag holst du aus und schlägst mit Wucht in die tiefer werdende Kerbe im Holz. Ein paar Mal denkst du: Gleich fällt der Baum! Aber er fällt nicht. Gesundes Holz ist sehr stabil. Und irgendwann ist es dann doch soweit. Irgendein Schlag ist der letzte, der entscheidende Schlag. Das Holz reißt, und wie in Zeitlupe siehst du den Baum fallen. 

Er ist schon eigenartig, dieser letzte Schlag. Er ist nicht anders als die vorherigen. Und doch bewirkt der letzte Schlag den ganzen Unterschied zwischen einem angeschlagenen Baum und einem gefällten. 

Schläge – das ist ein Thema, über die man unter Leitern schnell ins Gespräch kommt, sobald es ehrlich und persönlich wird. Schläge, die Leiter einstecken und erleiden, und die so gar nicht zum Stereotyp der „Mächtigen“ und der „Macher“ passen. Schläge, die in ganz verschiedenen Ausprägungen auftreten können. 

Da ist die Ernüchterung, dass ein lange geplantes Projekt nicht den Erfolg zeigt, für den man über Monate viel Arbeit und Überzeugungskraft investiert hat. Für das man eine Vision entworfen und Menschen begeistert hat, aber am Ende feststellen muss: Es hat sich nicht so positiv entwickelt wie erhofft.

Da ist die Enttäuschung über Menschen. Über jemanden, auf den man gesetzt und sich verlassen hat, der viel versprochen aber dann wenig gehalten hat. Die eigene Erwartung entpuppt sich als Täuschung und führt zu einer schmerzhaften Ent-Täuschung. Besonders, wenn dieser jemand man selbst ist.

Da ist die Entmutigung, wenn die Widerstände und Widrigkeiten übermächtig erscheinen, sich größer und schwieriger und langatmiger herausstellen als gedacht. Wenn die Hoffnung wegzurutschen droht und wenn man sich fragt, ob es das alles wirklich wert ist.

Ernüchterung, Enttäuschung, Entmutigung – ich kenne keinen Leiter, der nicht ab und zu solche Schläge einstecken muss. Manchmal in Folge, Schlag auf Schlag. So ist das Leiten. So ist das Leben. 

Die Frage ist denn auch nicht, wie man solche Schläge vermeiden kann. Die Frage ist, wie man so mit diesen Schlägen umgeht, dass nicht eine immer tiefer werdende Kerbe entsteht, die aus Selbstschutz mit Verhärtung verdeckt wird: Mit aggressivem Auftreten zum Beispiel. Oder mit resignierter Passivität. Oder mit einem hohen Kontrollbedürfnis. Oder mit manipulativer Emotionalität. Oder mit vorauseilendem Zynismus. So verständlich solche Verhärtungen in ihrer Entstehung sind, so ungesund sind sie langfristig in ihren Konsequenzen, für den Leiter und für sein Umfeld. Ich glaube, Leiter brauchen bessere Wege, um mit Ernüchterung, Enttäuschung und Entmutigung umzugehen.

Diese Wege können sehr verschieden sein, aber alle beginnen sie mit einer einfachen Erkenntnis: Du bist nicht alleine. Andere Leiter wird dich verstehen. Ehrlich über Schläge zu sprechen, das mag sich zunächst riskant anfühlen, ist aber nicht selten schon die halbe Miete für die Zukunft. Dieses Risiko ist es wert, eingegangen zu werden. Damit die Seele keine bleibende Kerbe davonträgt. Damit keine dysfunktionalen Verhärtungen entstehen.

Damit nicht irgendwann ein Schlag der letzte Schlag ist.

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König in der Klemme

Manchmal fühle ich mich in der Klemme. Sie wissen schon: Man sieht den Ausgang nicht, und egal was man tut, man kommt aus der Situation nicht raus. Auch der alttestamentliche König David wusste, was es heißt, in der Klemme zu sein. Er hat sogar Lieder darüber geschrieben. Die Liedtexte finden Sie noch heute in jeder Bibel – in den Psalmen.

Psalm 57 zum Beispiel. Den hat David geschrieben, als er noch gar kein König war und sich in einer Höhle versteckt hatte. Das war nötig, weil der amtierende König Saul ihm nach dem Leben trachtete. Könige mögen wohl keine Konkurrenz.

David saß also in seiner Höhle, und der mächtigste Mann des Landes war auf der Suche nach ihm, seine Armee inklusive. Wenn das keine Klemme ist!

Während David also in seiner Höhle sitzt, formuliert er einen innigen Wunsch an Gott. Nachzulesen bis heute in Psalm 57 Vers 4. Dort heißt es:

Gott sende seine Güte und Treue!

Gottes Güte und Gottes Treue – ich glaube, das ist genau das, was man in jeder Klemme braucht. Dass es jemand gut mit mir meint, und dass dieser jemand mich nicht alleine lässt.

David macht die Erfahrung: Genau so ist Gott. Er meint es gut mit ihm, und er lässt ihn nicht alleine. Und so ist Gott bis heute. Auch zu mir, in meiner Klemme. Und auch Ihnen wünsche ich das: Gott sende Ihnen seine Güte und seine Treue!

 

(erschienen in der Sendereihe Anstoß bei ERF Plus)

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