Menschheitsgeschichte ist Fortschrittsgeschichte. Und zu jedem Fortschritt gehören neben der Innovation und all den neuen wunderbaren Möglichkeiten auch Ängste, Verlust, Veränderungsschmerz, Enttäuschung. Fortschritt ist immer ein Spannungsfeld zwischen Gewinn und Verlust.
Zum Beispiel während der Industriellen Revolution, als Maschinen begannen, menschliche Muskelkraft zu ersetzen. Wo früher Arbeiter Schiffe mit schweren Säcken auf ihren Schultern be- und entladen hatten, erledigen das motorisierte Winden und Kräne. Im großen Bild ein Gewinn für alle: Schnelleres Be- und Entladen von Schiffen, kürzere Liegezeiten – und weniger harte körperliche und gesundheitsgefährdende Arbeit. Aber für die Einzelnen, im Kleinen, eben erstmal auch Verlust: Ein verlorener Job, ein verlorenes Einkommen – wegen einer Maschine.
Dieses Spannungsfeld gibt es auch andersherum: Gewinn für den Einzelnen und im Kleinen – aber im großen Bild ein Verlust für uns alle.
Bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz finde ich beide Arten von Spannungsfeldern wieder. Und wir diskutieren fast nur das erste – Gewinn im Großen, Verlust im Kleinen: Wie viel Produktivitätszuwachs KI volkswirtschaftlich bringen kann, wie viel effizienter Informationsmanagement wird, wie KI helfen kann, neue Medikamente zu entwickeln oder bislang unüberwindbare mathematische Probleme zu lösen. Und klar – durch KI gehen auch Jobs verloren. Verlust im Kleinen, für den Einzelnen. Da müssen wir halt irgendwie sozial mit umgehen.
Klar, dieses Spannungsfeld ist gesellschaftlich mehr als herausfordernd (und ich habe nicht den Eindruck, dass politisch Verantwortliche oder zum Beispiel auch Gewerkschaften für diese Diskussion auch nur ansatzweise auf der Höhe der Zeit sind). Aber ich finde, das andere Spannungsfeld – Gewinn im Kleinen, Verlust im Großen – betrachten wir noch viel zu wenig.
Wie viele Schülerinnen und Schüler sind begeistert von den Möglichkeiten von KI, sich bei Hausaufgaben und Klausuren das Leben mit KI deutlich leichter machen zu können? Wie viele Studierende verwenden völlig KI zur Produktion von wissenschaftlichen Texten, eine Fähigkeit, die – immer noch – im maßgeblichen Umfang bei der Leistungsbewertung in der akademischen Ausbildung geprüft wird? Längst wird in Schulen und Hochschulen diskutiert, wie man Täuschungsversuche mithilfe von Komplize KI besser verhindern oder wenigstens zuverlässig aufdecken könnte.
Der eigentliche Verlust im Großen ist aber nicht die wachsende Versuchung sich Hausaufgaben und Abschlussarbeiten mit KI erstellen zu lassen. Der eigentliche Verlust im Großen wäre die Fähigkeit, das Lernen und das Nachdenken selbst an die Maschine zu delegieren – und es nicht länger selbst einzuüben. Weil es doch so viel leichter ist, das „mit KI zu machen“.
Selbstverständlich setze ich selbst KI ein, jeden Tag, als Beschleuniger für Analysieren, Denken, Recherchieren, Strukturieren, Organisieren. Und für mein eigenes Lernen. Ich will von der KI nicht einfach gute und schnelle Ergebnisse, ich will immer auch lernen, wie sie zustande kommen und warum sie gut sind.
Aber das müsste ich eigentlich nicht. Ich könnte mir das auch sparen. Ich könnte das Nachdenken auch an die KI delegieren, mir nur die Ergebnisse liefern lassen. Thinking-as-a-Service. Das wäre (noch) einfacher. Denn machen wir uns nichts vor: Lernen ist anstrengend. Mühsam. Es ist eine Spirale von Anstrengung und Enttäuschung, die sich nur langsam in Richtung Erkenntnisgewinn (und Erkenntnisfreude!) voran entwickelt.
Aber so scheinbar langsam und knirschend diese Mühle des Lernens auch manchmal mahlen mag, entwickelt sie doch eine unverzichtbare Fähigkeit für das menschliche Leben seit der Aufklärung: Das freie, eigenständige und konstruktive Denken. Das Erkennen und Verstehen von Zusammenhängen, das Verknüpfen von Daten, die logische Argumentation, menschliche Urteilsfähigkeit.
Und deshalb will ich eine Grenze in der Arbeit mit KI nicht überschreiten, nicht aus Faulheit und nicht aus kurzfristigem Effizienzgewinn: Ich finde es gefährlich, Denken an eine Maschine zu delegieren. Für den einzelnen Schüler, für die einzelne Studentin, für mich selbst. Und erst recht im Großen und Ganzen.
Als ganze Gesellschaft würden wir doch niemals unser Denken und unsere Urteilsfähigkeit an eine menschliche Obrigkeit, ein Orakel oder einen Guru delegieren. Aber sind wir nicht im Begriff, genau das zu tun – unser Denken und unsere Urteilsfähigkeit zu delegieren an eine … Maschine? Und stehen wir nicht in Gefahr, dabei als Menschen das Lernen zu verlernen, weniger denken zu können, weniger Zusammenhänge zu verstehen, weniger logisch argumentieren zu können, uns weniger ein Urteil bilden zu können?
Es wäre eine Tragödie, wenn uns unser Umgang mit KI zurückführen würde hinter die Aufklärung, zurück in ein magisches Zeitalter, zurück zu entrückten Instanzen, deren Gedanken und Beweggründe uns zu hoch geworden sind. Es wäre ein Treppenwitz des Fortschritts, wenn wir unsere kollektiven kognitiven Fähigkeiten als Menschheit an Künstliche Intelligenz abtreten, die wir überhaupt nur aufgrund unserer kollektiven kognitiven Fähigkeiten haben entwickeln können.
Ich glaube, es ist höchste Zeit, dass wir im Umgang mit KI schneller erwachsen werden als die KI Modelle erwachsen werden. Sonst wird die schleichende Delegation des Denkens an die KI aus Bequemlichkeit und Effizienzgewinn dazu führen, dass wir irgendwann nicht mehr anders können.
Und dass sich unser Denken erfolgreich selbst abgeschafft hat.
Mehr von mir zum Thema KI aus theologischer Sicht findest du in zwei Podcast-Folgen bei „Wegfinder“:



