Warum Solidarität Christenpflicht ist

ERF Erschienen als Beitrag im Medienmagazin ERF ANTENNE

„Solidarität“ ist ein beladenes Wort. Es weckt Bilder von Sozialisten und Gewerkschaften, ist irgendwie „links“ – die da unten zusammen gegen die da oben. Und es weckt Widerspruch: Ist Solidarität nicht ein allzu billiger Ersatz für die Verantwortung des Einzelnen? Wir können doch nicht die ganze Welt retten!

Und überhaupt, Stichwort „Rettung“: Wenn Christen und Kirchen von Solidarität reden, verlieren sie damit nicht den Fokus auf das Seelenheil des Einzelnen? Ist Jesus auf diese Welt gekommen, um „Solidarität vorzuleben“, oder um „Sünder zur Umkehr zu rufen“?

Ich glaube: Beides.

Solidarität ist schließlich keine Erfindung von Sozialisten, sondern von Gott. In meiner Bibel lese ich gleich auf Seite 4, wie Kain die Verantwortung für das Wohlergehen seines Bruders Abel ablehnt („Soll ich meines Bruders Hüter sein?“), und Gott ihn mit seiner Verantwortung konfrontiert („Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde!“). Und im Neuen Testament solidarisiert sich Gott in Jesus Christus wieder und wieder mit den Schwachen, Ausgegrenzten und Unterdrückten („Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“).

Für Jesus ist Solidarität nicht nur ein bisschen moralisch ansehnliches Mitleid, sondern tiefes Mitleiden mit jedem einzelnen Menschen. Und wenn Gott vom Himmel auf die Erde kommt, um seine Menschen aus ihrer Gottesferne zu retten – ist das nicht der tiefste Ausdruck von Solidarität?

Wer diesem Retter-Gott vertraut, muss im Rahmen der persönlichen Möglichkeiten einfach solidarisch sein mit anderen Menschen, alles andere wäre Verrat an der eigenen DNA.

Für mich ist das ein lebenslanges Lernfeld. Aber zum Glück heißt bei Jesus „Jünger“ ja „Schüler“. Lernst du mit mir?

2 Antworten
  1. Jöns-Peter Schmitz

    Die Begründung christlicher Solidarität aus der Kain-Abel-Geschichte halte ich für exegetisch verfehlt, weil es um die persönliche Schuld des Mordes geht.

  2. pixelpastor

    @Jöns-Peter Schmitz: Nein, das glaube ich nicht. Wenn es nur um die Sühne der Schuld ginge – warum wird dann Kain verbannt (und darf trotz des Mordes am Leben bleiben), während wenige Verse später ein von Kain befürchteter Mord an ihm als schutzlosem Flüchtling von Gott mit siebenfacher Vergeltung belegt wird? Ginge es nur um persönliche Schuld am Tod eines Menschen, würde hier doch mit sehr unterschiedlichem Strafmaß gearbeitet.

    Deshalb glaube ich, dass in der Geschichte von Kain und Abel sehr wohl auch der Wert von grundsätzlicher Solidarität und Mitmenschlichkeit zwischen den Ebenbildern Gottes verhandelt wird – zuerst in der Beziehung zwischen den beiden Brüdern, ein paar Verse später dann zwischen Kain und Fremden.

    Ein Mord ist nach dieser Lesart nicht nur eine individuelle Schuld, sondern auch eine grundlegende Verletzung des Netzes von Solidarität, das alle Menschen als Geschöpfe Gottes trotz aller individuellen Fehlerhaftigkeit untereinander verbindet.

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