Stichwort: Macht

Perfektes Timing

Heute morgen bin ich im Neuen Testament über eine kleine, unscheinbare Geschichte gestolpert – mal wieder. Eine Geschichte, die so unscheinbar daher kommt, dass man geneigt ist, sie als „Beiwerk“ zu den „wirklich heiligen“ Ereignissen und Gleichnissen im Leben des Jesus von Nazareth beiseite zu schieben. Als so eine Art Füllmaterial der Heiligen Schrift. Hier ist die Geschichte (Johannes 7,1-5):

In der darauf folgenden Zeit zog Jesus durch Galiläa. Er mied Judäa, denn dort trachteten ihm die führenden Männer des jüdischen Volkes nach dem Leben. Doch kurz bevor die Juden ihr Laubhüttenfest feierten, sagten seine Brüder zu ihm: »Du solltest nicht länger hier in Galiläa bleiben. Geh nach Judäa, damit auch dort deine Jünger sehen können, was für große Dinge du tust.  Wer mit dem, was er tut, in der Öffentlichkeit bekannt werden möchte, zieht sich nicht in einen versteckten Winkel zurück. Wenn du schon so ungewöhnliche Dinge tust, dann zeig dich auch vor aller Welt!« So redeten seine eigenen Brüder, weil nicht einmal sie an ihn glaubten.

Ich finde, wie so oft steckt auch hinter auf den ersten Blick unscheinbaren Geschichten Wesentliches, erweist sich die Bibel als „lebendiges“ Buch, das auch nach mehrmaligem Lesen immer noch neu ins eigene Leben hineinredet.

Die Geschichte redet von zwei Landschaften: Galiläa (abgelegen, hier fällt niemand auf, weder im Guten noch im Schlechten. „Pampa“) und Judäa (hier sind die Promis zu Hause, hier liegt die Aufmerksamkeit der Mächtigen und der High Society). Wer etwas werden wollte in Israel, musste eigentlich nach Judäa (so wie heute in die Talkshows). Das Problem: Jesus hatte in Judäa einige Zeit zuvor einen körperlich Behinderten in Jerusalem gesund gemacht – und zwar illegalerweise am Sabbat. Heilen galt in den Augen der „führenden Männer des jüdischen Volkes“ als Arbeit und war damit am Sabbat streng verboten. Jesus hatte die Chuzpe besessen, das nicht nur um des chronisch Kranken willen durchzuziehen, sondern es auch noch öffentlich zu rechtfertigen. „Ich bin wichtiger als eure Regeln“ – eine Botschaft, mit der sich kein Machtverwalter dieser Welt bis heute jemals bereitwillig abgefunden hat. Also zieht sich Jesus zurück nach Galiläa, in die Pampa, in seine Heimatregion. Raus aus dem Scheinwerferlicht, raus aus der Öffentlichkeit – aber nicht raus aus seiner Mission, umherzuziehen und in der Autorität Gottes zu predigen und zu heilen.

Als das Laubhüttenfest naht (ein nationales Großereignis in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten Jahrhunderte zuvor), scheint den Angehörigen von Jesus eine gute Gelegenheit gekommen zu sein, das Rampenlicht wieder zu suchen. Als Messias groß rauszukommen. „Auf nach Judäa“, sagen sie, „wenn du jemals deine Botschaft im großen Stil unter das Volk bringen willst, wenn du wirklich etwas verändern willst, wenn du wirklich Gottes Sohn bist – dann musst du in die Talkshows. Nach Jerusalem. Die Augen der Welt werden auf dir ruhen, und viele deiner Fans warten dort auf dich“. Gute Idee, oder? Diese (leiblichen) Brüder von Jesus scheinen wirklich von ihm überzeugt zu sein, wenn sie ihm solch einen Rat geben.

Aber dann schließt der Evangelist Johannes die Geschichte lakonisch mit dem Satz „So redeten seine eigenen Brüder, weil nicht einmal sie an ihn glaubten“.

„Wie bitte, Johannes?“, will ich dem Autor ins Wort bzw. in die Feder fallen – das ist doch kein Unglauben was die Brüder da zeigen, das ist doch Glauben! Hast du da nicht etwas verwechselt? Ist es nicht gerade ein Zeichen von Glauben, wenn man Gottes spektakuläres Handeln im Mittelpunkt stehen sehen will? Wenn man sich danach sehnt, dass Jesus und seine Macht ganz groß rauskommen?

Aber tatsächlich glauben seine Brüder (noch) nicht an Jesus – denn sie suchen das Äußerliche, aber vertrauen nicht in seine Identität. Sie suchen Gottes Macht, aber sie überlassen Gott nicht das Timing. Echter Glaube vertraut eben doppelt – in Gottes Macht und in Gottes Timing.

Ich ertappe mich selbst dabei, wie oft es mir ganz genau so geht wie den Brüdern von Jesus. Wie ich Gottes Eingreifen für möglich halte, es mir wünsche – aber sein Timing in Zweifel ziehe. Aber im Gegensatz zu mir weiß Jesus, was er tut. Und wann er es tut. Gott ist der Meister des perfekten Timings.

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Die Macht der Vielen

Die Macht der Vielen ist wieder da.

Nicht mehr im Sinne des marxistischen Klassenkampfes, fein säuberlich eingeteilt in gesellschaftlichen Gruppen je nach ihrem Zugang zu den Produktionsmitteln des Wirtschaftskreislaufs, die gegeneinander um Macht und gesellschaftlichen Einfluß kämpfen. Sondern in einer postmodernen, technisch vernetzten Variante. Immer öfter greifen die Vielen nach Macht und Einfluss – einfach dadurch, dass sie viele sind und damit mediale Präsenz erzwingen. Sei es zum Guten oder zum Schlechten:

  • Arabische Jugendliche und Studenten gehen auf die Straße und stürzen zwei langjährige Despoten in Tunesien und Ägypten. Wer gestern im Nahen Osten noch unumstritten als Portrait in jeder Polizeiwache hing, muss heute zittern ob er morgen noch an der Macht und übermorgen noch am Leben ist.
  • „Wutbürger“ (aussichtsreicher Kandidat zum Unwort des Jahres 2011) gehen in Stuttgart gegen einen Tiefbahnhof auf die Straße und erzwingen ein Mediationsverfahren. Was keinem bürokratisch gegängeltem Bauherren im Privatleben je gelungen ist: Exakt verfasste und durchlaufene Genehmigungsverfahren werden durch die Macht der Vielen beiseite geschoben.
  • In London und anderen britischen Großstädten randalieren Jugendliche in einer schwer durchschaubaren Gemengelage aus Frust, Kriminalität, sozialer Benachteiligung und Lust am Kick. Sie stellen eine über Generationen respektierte Polizei bloß und erzwingen die Verschiebung eines Fussball-Länderspiels.

Die meisten dieser „Bewegungen der Vielen“ werden im Inneren auch nicht durch große geschichtsträchtige Ziele oder eine gemeinsame ideologische Basis zusammengehalten. Oft finden sich die Vielen situativ zusammen, um ein bestimmtes gemeinsames Interesse durchzusetzen. Morgen gibt es dann wieder eine andere Gruppenzusammensetzung für andere Interessen. Willkommen in der Postmoderne.

Ich möchte weder den Wert des jeweiligen Anliegens bewerten, noch die Reinheit der beteiligten Motive. Dennoch habe ich den Eindruck, als schienen die verfassten Hierarchien unserer Welt immer weniger durchsetzungskräftig  – und als nähme die Macht der Vielen immer mehr zu. Noch trauen die meisten dem demokratischen Prinzip zu, dass es gewählte Verantwortungsträger hervorbringt, die im Sinne Aller handeln und dabei die Welt besser machen können. Aber egal ob Energieversorgung, Klimawandel oder Finanzkrise – sie scheinen dabei immer ohnmächtiger zu werden, immer eingeschränkter, und immer weniger im Sinne Aller zu handeln. Da scheint manchem vielleicht die Macht der Vielen erstrebenswerter als die Macht in den Händen von wenigen, die zwar gewählt sind, aber wichtige Entscheidungen entweder im Hinterzimmer aushandeln oder ohne Diskussion als alternativlos bezeichnen oder gar keine mehr zu treffen können scheinen.

Ich finde, die Macht der Vielen allein ist noch keine ausreichende Antwort auf die empfundenen und tatsächlichen Defizite demokratisch gewählter Vertreter. Wenn die Macht in den Händen der Vielen liegt, dann liegt sie noch lange nicht in den Händen Aller. Sondern faktisch nur in den Händen derjenigen, die ihre Interessen laut genug, medienwirksam genug und zur Not auch rücksichtslos genug durchsetzen. Wenn es undemokratisch ist, dass 50 Menschen über das Schicksal von 50 Millionen befinden – ist es dann wirklich demokratisch, wenn es 50.000 tun?

Nur wenn die Macht der Vielen letztlich zur Macht Aller führt, fördert sie Demokratie. Andernfalls regiert wieder nur das Recht der Stärkeren. Und das hat in einer wahren Demokratie nichts verloren.

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Pfingsten und Kontrollverlust

Am Wochenende ist Pfingsten: Geburtsstunde der christlichen Gemeinde, Stunde Null der Mission, Geist-Fest. Heute morgen sagte eine Kollegin (sinngemäß): „Wir haben in Deutschland den Heiligen Geist ein Stück weit wiederentdeckt – jetzt müssen wir nur noch lernen, dass wir nicht den Geist dirigieren, sondern er uns“. Es geht also nicht um die Frage „Hast du den Heiligen Geist?“, sondern um „Hat der Heilige Geist dich?“.

Ich finde, meine Kollegin spricht damit etwas an, was in allen Menschen tief verankert ist (und erst recht im aufgeklärten, individualistischen Westen): Kontrolle. Wir können viel ertragen, aber fast nie, die Kontrolle abzugeben. Wie viele Leute versuchen vor Gott wegzulaufen, weil sie die Kontrolle nicht verlieren wollen? Und wie viele Leute versuchen fromm zu sein, weil sie meinen, dadurch Kontrolle über Gott zu gewinnen? (mehr über die „zwei verlorenen Söhne“ z.B. von Tim Keller bei The Prodigal God).

Die Angst vor Kontrollverlust beschränkt sich meiner bescheidenen Erfahrung (im Selbstversuch und im Leben mit Anderen) nach auch nicht auf den Heiligen Geist. Es geht uns mit der ersten oder der zweiten Person der Dreieinigkeit nicht anders. Und deshalb sind Erkenntnis und Erfahrung des Heiligen Geistes nicht die Vorstufe zum Abgeben von Kontrolle – sondern genau anders herum wird ein Schuh daraus: Erst wenn ich im Angesicht von Gottes Güte und Treue lerne, ihn nicht mehr kontrollieren zu wollen, werde ich offen für sein Reden und Eingreifen, auch übernatürlich. Und entdecke dabei neu den Heiligen Geist genauso wie den Vater und den Sohn.

Und es geht mir richtig gut dabei – auch ohne Kontrolle.

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