Gott des Weges

Gott ist ein Gott des Weges. Ich vergesse das oft, als sesshafter, bürgerlicher Jesus-Nachfolger in einer Wohlstandsgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist ein Gott des Weges, weil Abraham, Isaak und Jakob selbst auf dem Weg waren. 

Im späteren Übergang von einer nomadischen zu einer halbnomadischen und dann sesshaften Kultur rang das Volk Israel immer wieder mit ihrer Sehnsucht, Gottes Gegenwart zu erfahren und festzuhalten, an ihrem Ort und zu ihrer Zeit. Und sie machten die Erfahrung: Gott ist und bleibt ein Gott des Weges. Ein Gott des Aufbruchs, innerlich und äußerlich. Irgendwie kein Wunder und kein Zufall, dass Jesus unterwegs zur Welt kam, weit weg vom Vaterhaus in Nazareth. Dass Nachfolge für die, die ihm nachfolgen, immer wieder bedeutet, „anderswohin zu gehen“ (Markus 1,38). Der „Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“ (Lukas 9, 58), denn Gott ist ein Gott des Weges.

Ich selbst bin nicht unbedingt ein Mensch des Weges. Ich finde Unterwegssein herausfordernd: Den Aufbruch ins Unbekannte. Das Loslassen von Kontrolle. Das Dranbleiben auf der Durststrecke. Die Zwischenzeit zwischen Start und Ziel. Oft sind es die Aufbruchsmomente und das Unterwegssein, in denen ich meine Sehnsucht nach Gottes Gegenwart am deutlichsten spüre.

Im Herbst 2023 habe ich mich über viele Wochen auf den Weg gemacht, auf den Jakobsweg, 900 Kilometer vom französischen Saint Jean Pieds-de-Port über die Pyrenäen, quer durch Spanien bis Santiago de Compostela und weiter bis nach Fisterra an der Atlantikküste. Unterwegssein als Dauerzustand, äußerlich wie innerlich. Jeden Morgen Aufbruch ins Unbekannte, jeden Tag Zwischenzeit, immer wieder Dranbleiben auf der Durststrecke.

Und schon in den ersten Tagen habe ich empfunden, wie dieses Unterwegs-Sein mich vor eine Entscheidung stellt: Am Planen und Kontrollieren-Wollen festhalten und immer wieder daran scheitern – oder loslassen, sich auf das Unbekannte einlassen, vertrauen. Im Rückblick glaube ich, Gott hat geduldig darauf gewartet, bis ich es selbst einsehe: Kontrolle ist zwecklos. Nein, noch mehr: Kontrolle ist kontraproduktiv. Je mehr ich die nächsten Kilometer und die nächsten Übernachtungen und meinen eigenen Körper im Griff haben will, desto weniger kann ich mich auf die aktuelle Etappe dieses Weges einlassen. Auf die Menschen aus aller Herren Länder, denen ich begegne. Auf meine eigenen Gedanken und Gefühle. Auf die Auseinandersetzung mit mir selbst. Es hat fast eine Woche gedauert, bis ich endlich losgelassen habe. Mein Kontrollbedürfnis. Meine planende Vorausschau. Und mich eingelassen habe auf ein Leben, das für die nächsten Wochen in jeder Hinsicht ein Leben des Weges sein würde.

Zum diesem Einlassen und Loslassen und Nicht-Kontrollieren-Können gehört auch die Erfahrung, dass für mich der Jakobsweg keine durchgehend und täglich tief empfundene Begegnung mit der Gegenwart Gottes war. Es gab kurze inspirierende Begegnungen mit anderen Pilgerinnen und Pilgern und auch vereinzelte geistlich Momente hier und da, innerhalb und außerhalb von Kirchen und Kapellen. Aber die waren oft nicht absehbar, nicht kontrollierbar, nicht planbar. Gott ist ein Gott des Weges, aber wenn ich mich auf den Weg mache, läuft er wohl über weite Strecken im Verborgenen neben mir her. 

Für viele Pilgerinnen und Pilger ist die Ankunft vor der Kathedrale in Santiago de Compostela ein sehr emotionaler Moment. Bei manchen fließen Tränen, viele sitzen minutenlang stumm auf dem Pflaster und saugen den Anblick der Westfassade Pórtico da Gloria in sich auf, einer Art stein gewordener Predigt über die Vollendung des irdischen Unterwegsseins zur himmlischen Herrlichkeit. Ich kann das verstehen, aber ich habe es nicht fühlen können. Vielleicht, weil ich Santiago unterwegs nie als Ziel-Ort für eine ultimative Gottesbegegnung angesehen habe. Vielleicht, weil ich ja noch 100 Kilometer bis zur Atlantikküste vor mir hatte. Vielleicht, weil ich meist ein eher nüchterner Zeitgenosse bin. Also weiter, noch 100 Kilometer, immer weiter nach Westen. 

Vier Tage später stehe ich in Fisterra am Strand, mit meinem Rucksack, den ich über 900 Kilometer getragen habe, lasse die sanften Wellen des Atlantiks um die Wanderschuhe spülen. Hier war für die Pilgerinnen und Pilger des Mittelalters das Ende der Welt – finis terrae. Hier ist mein Weg tatsächlich zu Ende. Und hier überfällt mich plötzlich ein tiefer geistlicher Moment. „Bis hierhin habe ich dich begleitet“, höre ich von Gott. „Über diese ganze Wegstrecke, jeden einzelnen der 900 Kilometer. Mit all dem, was du zu tragen hattest. Auch an den vielen Tagen an denen du meine Gegenwart nicht gespürt hast.“ Und dann: „Genauso begleite ich dich durch dein ganzes Leben“. 

Ich hoffe, ich werde diesen Moment nie vergessen.

Gott ist ein Gott des Weges. Deshalb feuert er mich an in den Aufbruchsmomenten des Lebens. Deshalb versteht er die Spannungsfelder, die Zwischenzeiten, die Durststrecken. Deshalb hat er Erbarmen und Verständnis für alles, was ich mit mir durchs Leben trage. Deshalb lädt er mich immer wieder ein, Kontrolle loszulassen, mich einzulassen auf das Unbekannte, als Vertrauender zu leben. Deshalb lässt er mich keine Sekunde aus den Augen und aus seinem Herzen, auch wenn ich davon an vielen Tagen nicht viel mitbekomme. Deshalb kann und wird er am Ende, wenn es menschlich gesehen nicht mehr weitergeht und die Wellen der Ewigkeit mich umspülen, genau da sein, wo ich bin. Und ich werde genau da sein, wo er ist. 

Gott ist ein Gott des Weges, und deshalb hinterlegt er unsere menschlichen Wege durch dieses Lebens mit dem Versprechen seiner verborgenen Gegenwart und unbedingten Zugewandtheit. In den Worten, die er vor so vielen Jahrhunderten dem jungen Josua mitgegeben hat (Jesaja 41,10): Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! 

Dieser Text erschien zuerst in: Steffen Kern (Hrsg.): Fürchte dich nicht! Geschichten und Impulse zur Jahreslosung 2027, Brunnen Verlag 2026. Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.