Corona: Warum wir kein Gefühl für die Gefahr haben

Die Corona-Krise nimmt vielen jedes Zeitgefühl. Welcher Wochentag ist heute? Wer in Quarantäne zu Hause ist, oder in Kurzarbeit, oder im Home Office, muss da oft erstmal nachdenken. Ohne Einkaufen, Kino und Gottesdienstbesuch verschwimmen für viele die Tage ineinander.

Was gravierender ist: Auch für den zeitlichen Verlauf der Krise verlieren wir schnell jedes Gefühl. Das liegt an der notwendigen medialen Dauerthematisierung, an der kontraproduktiven medialen Daueralarmierung im Stundentakt, und an der e-Funktion.

An was?

Der e-Funktion. In der Krise zeigt sich die vom Lehrer früher verzweifelt behauptete Nützlichkeit des Mathematikunterrichts. E-Funktion bedeutet „exponentielles Wachstum“ – im Gegensatz zu einer gleichmäßigen, „linearen“ Entwicklung. Etwas wird nicht nur nach und nach immer mehr (das wäre linear), sondern es wird immer schneller und schneller immer mehr (das bedeutet exponentiell).

Für lineares Wachstum haben die meisten Menschen ein Gefühl, das lernen schon Kinder, wenn sie das erste Mal eine Kanne kippen, um Wasser einen Becher zu füllen. Für exponentielles Wachstum aber haben wir Menschen keinerlei Gefühl.

Selbsttest gefällig?

Wenn du heute einen Schritt vor die Tür gehst, und morgen zwei, übermorgen vier und dann immer so weiter, jeden Tag doppelt so viele Schritte wie am Vortag – wie weit würdest du heute in vier Wochen laufen?

Antwort: Soweit, dass du unseren Planeten sechs Mal umrunden könntest.

Ich sag’s ja: Wir Menschen haben keinerlei Gefühl für exponentielle Entwicklungen.

Und das gilt auch in der Corona-Krise. Vor zwei Wochen, am 20. März, habe ich folgenden Screenshot von „Zeit Online“ zur Ausbreitung von Corona in Deutschland gemacht:

Knapp 19.000 bestätigte Infektionen, 50 Tote. Schlimm, habe ich damals gefühlt. Und gewusst: Es wird immer schneller und schneller immer schlimmer werden, wenn wir nichts unternehmen. Die e-Funktion eben.

Um mir das selbst vor Augen zu führen, habe ich damals den Screenshot gemacht, und heute, zwei Wochen später, wieder einen. Hier ist er:

Über 90.000 bestätigte Infektionen, über 1.300 Tote.

Zwischen diesen beiden Screenshots liegen gerade einmal 14 Tage – nur wie ein kurzer Urlaub im Bayerischen Wald (den man zur Zeit nicht machen kann). Und – e-Funktion, du weißt schon – in zwei Wochen reden wir vielleicht über knapp 10.000 Tote, und die Grafik von heute wird uns wie aus einer anderen Zeit vorkommen.

Das ist keine Panikmache, das ist Mathematik.

Und deshalb ärgere ich mich auch sehr über Zeitgenossen, die ihr und unser aller fehlendes Gefühl für exponentielles Wachstum kompensieren, indem sie die Statistik in Frage stellen. Sie bezweifeln, „ob denn alle diese Leute wirklich an Corona gestorben seien“, „ob nicht jedes Jahr an Grippe genauso viele Menschen sterben“, und so weiter und so weiter.

Freunde, so viele Gründe ihr auch immer benennt, warum ihr die Statistik an der einen oder anderen Stelle bezweifelt, ob ihr im ein oder anderen Detail Recht habt oder nicht – ihr kommt am Ende an der e-Funktion nicht vorbei. Und die bestimmt am Ende die Dynamik, ganz egal was ihr euch vorstellen oder nicht vorstellen könnt.

Mathematik nimmt auf Gefühle eben keine Rücksicht, und deshalb hört bitte damit auf, die Corona-Gefahr mit linearen Entwicklungen wie der Unfallstatistik oder Abtreibungszahlen oder was auch immer sonst euch bewegt zu vergleichen.

Solange es noch keinen Impfstoff gibt und nicht 60-70% eurer Freunde und Familien Corona bekommen und überstanden haben, solange haben wir ohne Schutzmaßnahmen exponentielles Wachstum.

Und das bedeutet: In zwei Wochen werden wir uns die Grafik von heute zurückwünschen.

Deshalb bleibt diszipliniert, folgt dem Konsens der Epidemie-Fachleute, lasst euch von Abweichungen in Details nicht irre machen und von effektheischenden Schlagzeilen („Jetzt steht für Deutschland alles auf dem Spiel“, WELT Online) nicht in Panik versetzen.

Und verankert eure innere Hoffnung dort, wo sie festen Grund findet.

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Nicht mehr so, wie wir wollen

Erst die Krise macht uns bewusst, wie sehr unsere moderne, individualistisch und materiell geprägte Wohlstandsgesellschaft davon bestimmt ist, sich alles aussuchen zu können. Unser ganzes Leben ist eine Wahl: Welche Produkte wir kaufen, wie und mit wem wir uns zeigen, woher wir den Sinn für unser Leben nehmen.

Wir leben im Supermarkt der vielen Optionen. Bis wir eingeschränkt werden und es uns nicht mehr frei aussuchen können. Wer sind wir, wenn wir nicht mehr leben können, wie wir wollen?

Vielleicht hilft uns da der Blick in eine Zeit und in eine Gesellschaft, in der die Einschränkung der Normalfall war. Schon zu biblischen Zeiten standen die Menschen vor der gleichen Frage: Wer wollen wir sein? Nicht mit Blick auf die individuelle Lebensgestaltung, sondern auf unser Gottvertrauen. Wer wollen wir sein – Gott gegenüber?

Das Volk Israel stand immer wieder vor dieser Frage, und der Dichter Etan hat in Psalm 89 eine Antwort formuliert, unterfüttert mit der Erfahrung vieler Generationen. Und so kann er  in Vers 16 sagen:

Glücklich zu preisen ist das Volk, dem es vertraut ist, dich zu loben. Herr, du wendest ihnen dein Angesicht freundlich zu, und so gehen sie ihren Weg.

Ich lese das, ich höre das, und ich frage mich: Wie vertraut ist es uns noch, Gott zu loben? Wie bewusst ist uns, dass Gott seinen Menschen sein Angesicht freundlich zuwendet? Wie sehr vertrauen wir auf diese Zuwendung Gottes auf unserem Weg in die Zukunft?

In mir weckt das eine Sehnsucht. So möchte ich leben! Und ich finde: Heute ist ein guter Tag, um mit dem Lob Gottes und dem Vertrauen in Gott ganz neu anzufangen.

 

(erschienen in der Sendereihe Anstoß bei ERF Plus)

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