Zumutung Verantwortung

Manchmal frage ich mich, warum Menschen überhaupt bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. In der Politik, in der Gesellschaft, in Kirchengemeinden. Kaum macht man was, gibt es Kritik. Macht man nichts, gibt es am Ende auch Kritik.

Und auch der persönliche Anspruch an Verantwortungsträger ist hoch: Mutig sollen sie sein, geradlinig und authentisch, aber auch transparent, kritikfähig und lernbereit. Sie sollen normale Menschen mit Macken sein, aber gleichzeitig bitte keine fehlerhaften Charaktere.

Unser Anspruch an Menschen in Verantwortung ist hoch – und an gläubige Menschen meist noch ein bisschen höher. Ist der Glaube authentisch? Ist da keine Heuchelei? Gibt es wirklich keine Leichen im Keller?

Bemerkenswert, wenn ein Verantwortungsträger in der Bibel so charakterisiert wie Noah im ersten Buch Mose Kapitel 6. Von ihm heißt es:

Noah war ein frommer Mann und ohne Tadel zu seinen Zeiten; er wandelte mit Gott.

„Ohne Tadel“ heißt nicht „ohne Kritik“. Denn viele lachten ihn aus, weil er mitten auf dem Trockenen ein Schiff baute. Und „frommer Mann“ heißt nicht „fehlerfrei“. Die Bibel berichtet später offen über Noahs allzu freizügigen Umgang mit Alkohol.

Nein, das Entscheidende ist dies: Noah „wandelte“ mit Gott. Noah wusste, was Gott von ihm hielt und was Gott von ihm wollte. In der Zwiesprache mit Gott konnte Noah Kritik aushalten und seine eigenen Fehlern verarbeiten.

So eine Zwiesprache mit Gott – die wünsche ich allen, die Verantwortung tragen.

 

(erschienen in der Sendereihe Anstoß bei ERF Plus)

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Wie redet Gott im Leid?

Wenn es mir schlecht geht, gibt es eins, was ich überhaupt nicht brauchen kann: Gute Ratschläge. Ist Ihnen das auch schon passiert?

Vielleicht wurde Ihnen ein teures Fahrrad geklaut, Sie suchen Verständnis bei Ihren Freunden und müssen plötzlich erklären, dass Sie das Fahrrad – ja doch, natürlich! – ordnungsgemäß angekettet hatten. Es gibt Situationen, da hat man lieber keine Freunde als so welche.

Hiob konnte davon auch ein Lied singen. Oder vielmehr ein Buch schreiben. Wir finden es in der Bibel, im Alten Testament. Hiob verliert innerhalb kurzer Zeit seinen Besitz, seine Kinder und seine Gesundheit. Die sprichwörtlichen Hiobsbotschaften prasseln auf ihn ein wie ein Sturzregen aus Schicksalsschlägen. Und unter dem Ansturm zerbricht nicht nur seine heile Welt, sondern auch sein bis dato unerschütterliches Gottvertrauen.

Nur seine zeternde Ehefrau ist Hiob geblieben – und ein paar Freunde mit guten Ratschlägen. Es spricht für diese Freunde, dass sie nicht auf Abstand zu Hiob gehen, sondern ihn besuchen um mit ihm zu trauern. Und sich mit Hiob zusammen der Frage auszusetzen, die ihn Tag und Nacht quält: „Warum tut Gott mir so etwas an?“

Ein großer Teil des Buches Hiob besteht daraus, dass Hiobs Freunde sein Schicksal feinsäuberlich in ihr Gottesbild und Theologie einordnen, ohne dass Ecken und Kanten überstehen. Eine Art „theologisches Quartett“ mit Hiob als lebendem Fallbeispiel. Irgendwie gnadenlos. Manche Dinge mögen richtig sein, aber es kann doch der falsche Moment sein, sie auszusprechen.

Dennoch kann ich etwas lernen aus dem Ringen der Freunde um eine Antwort auf Hiobs Hadern mit Gott. Zum Beispiel von Elihu, der im Buch Hiob Kapitel 33 wie folgt zitiert wird:

Warum willst du mit Gott hadern, weil er auf Menschenworte nicht Antwort gibt? Denn auf eine Weise redet Gott und auf eine zweite; nur beachtet man’s nicht.

Elihu öffnet Hiob hier die Augen für die Unverfügbarkeit und die Wirklichkeit von Gottes Reden. Ja, Gott redet auf viele verschiedene Arten! Nein, du bekommst nicht auf alle deine Fragen eine Antwort!

Ich kann Hiob ja irgendwie verstehen. Er wollte von Gott eine Erklärung für sein Leid, und als er die von Gott nicht bekommt, versteift er sich immer mehr auf diese eine fehlende Antwort. So sehr, dass er das Reden Gottes gar nicht mehr wahrnimmt. Es braucht am Ende eine dramatische Rede Gottes aus einem Sturm – beschrieben in Hiob Kapitel 38 – um Hiob von seiner Versteifung auf die Warum-Frage zu befreien und wieder mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Ich will aus Hiobs Geschichte für heute lernen: Gott antwortet auf meine Fragen nicht unbedingt so, wie ich es erwarte. Aber das bedeutet nicht, dass Gott aufhört in mein Leben hinein zu sprechen. Manchmal bin ich es, der neu und anders hinhören sollte.

 

(erschienen in der Sendereihe Wort zum Tag bei ERF Plus)

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Vor der Wahl

Wenn Hollywood Geschichten aus der Bibel verfilmt, gerät das meistens eher kitschig – oder aber der Film hält sich nur lose an die Textvorlage. Aber manchmal gelingt es einem solchen Film auch, einen entscheidenden Punkt auf dramatische und einprägsame Weise deutlich zu machen.

Wie zum Beispiel der Film „Exodus: Götter und Könige“ von Starregisseur Ridley Scott aus dem Jahr 2014. Christian Bale spielt Mose, den Anführer des Volkes Israel, das in Ägypten in der Sklaverei lebt. Der Film erzählt, wie Mose Seite an Seite mit dem ägyptischen Thronerben Ramses II aufwächst, und die beiden immer stärker in eine Konkurrenz geraten. Mose entdeckt zunehmend seine Herkunft und sein Herz für die Unterdrückten seines Volkes, Ramses entwickelt sich zum machtbesessenen Herrscher des Pharaonenreichs, der die Unterdrückung der Israeliten immer weiter verschärft. Am Ende kommt es zum Kampf zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Zwischen der waffenstarrenden Macht des Königs Ramses und dem suchenden Gottvertrauen von Moses.

In diesem Punkt malt der Film dem Zuschauer eine biblische Wahrheit sehr deutlich vor Augen: Unser Leben spielt sich ab in einem Spannungsfeld zwischen dem Menschenmöglichen und dem Gottgeführten. Wie Christian Bale im Film steht jeder Mensch vor der Wahl: Verlasse ich mich auf das, was ich mit menschlichen Macht sichtbar kontrollieren kann, oder vertraue ich auf Gottes Führung und Leitung – auch wenn ich ihn nicht sehen kann?

Jeder glaubende Mensch steht immer wieder vor dieser Alternative. Das war schon immer so. Es gibt einen Abschnitt im Neuen Testament, im Hebräerbrief, in dem dieses Spannungsfeld anhand der Lebensgeschichten vieler bekannter Persönlichkeiten aus dem Alten Testament beschrieben wird. Eine davon ist Mose – der echte aus der Bibel, nicht der aus dem Film.

Dort heißt es in Hebräer 11, 27:

Wie kam es, dass Mose Ägypten verließ, ohne sich vor dem Zorn des Königs zu fürchten Der Grund dafür war sein Glaube. Mose ging entschlossen seinen Weg, weil er auf den sah, der unsichtbar ist.

Mose schaut der waffenstarrenden Staatsmacht des zornigen Pharaos entgegen – aber er lässt sich nicht von Furcht leiten, sondern vertraut auf das, was er von Gott weiß und hört. Das, was für menschliche Augen unsichtbar ist, hat für Mose mehr Gewicht und mehr Bedeutung als das, was er sehen kann.

Das ist Mose bestimmt nicht leicht gefallen, so wie es mir oft nicht leicht fällt. Und Ihnen ja vielleicht auch nicht.

Ich weiß nicht, in welchem Spannungsfeld Sie heute stehen. Wo Sie heute vor der Wahl stehen zwischen dem, was Sie menschlich kontrollieren können und dem Vertrauen auf die Führung und Leitung Gottes, den Sie nicht sehen können.

Aber ich möchte Ihnen und mir mit Blick auf Moses den Mut zusprechen, Gott zu vertrauen. Denn der Glaube ist eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

(erschienen in der Sendereihe Wort zum Tag bei ERF Plus)

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