Corona-Demo: Antwort auf eine Anmaßung

Samstag in Deutschland. Rund 38.000 Menschen zieht es nach Berlin, um… wozu eigentlich? Um gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zur Pandemiebekämpfung zu demonstrieren? Um die Welt vor den angeblichen Gefahren des Impfens zu warnen? Um der Bundesrepublik zu erklären, dass es sie gar nicht gibt?

Es geht selbstverständlich in Ordnung, mit Fakten und ja, auch mit Emotionen gegen die Pandemie-Politik der Bundesregierung zu demonstrieren. Aber das von Samstag ist etwas anderes. Die Anliegen auf den Schildern sind so unterschiedlich, dass sie letztlich austauschbar sind. Und damit in der Summe letztlich irrelevant. Man macht sich mit 37.999 anderen gemein, ohne viele tatsächliche Gemeinsamkeiten zu haben.

Außer einer vielleicht: Die eigene Empörung, das eigene Weltbild und der eigene Weltschmerz muss für manche Demonstranten so überzeugend sein, dass sie felsenfest glauben, die Mehrheit in Deutschland müsse auch so denken wie sie. Wenn diese Mehrheit doch nur richtig informiert wäre. Wenn man sie nur ließe. Wenn sie nicht von (der Regierung / den Mainstreammedien / Bill Gates / der Neuen Weltordnung / … – zutreffendes bitte ankreuzen) unterdrückt würde. Und so brüllen sie „Wir sind das Volk“ und „Lügenpresse“ und beanspruchen für sich – und nur für sich – das „Querdenken“ und „Selberdenken“.

Was für eine Anmaßung!

Und ich kann nicht anders, als ihr entgegen zu treten – als Naturwissenschaftler, als christlicher Leiter und als Bürger unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft:

Manche von euch haben sich daran gewöhnt, im Internet unter jeden Fachartikel einen Leserbrief zu setzen, ohne dass jemand vorher eure Fachkompetenz abgefragt hat. Und nun bildet ihr euch ein, ihr könntet euch für alles, was euer Interesse kitzelt, mal eben bei Youtube Kompetenz zusammenklicken?

Manche von euch haben sich daran gewöhnt, in den sozialen Netzwerken für jede noch so ausgefallene These Likes, Follower und Aufmerksamkeit zu bekommen. Und nun glaubt ihr tatsächlich, die Welt sei es euch schuldig, euch anzuhören?

Manche von euch haben sich daran gewöhnt, zu allen Bestellungen bei Amazon eure Kundenbewertung abzugeben. Und nun glaubt ihr ernsthaft, Meinungsfreiheit bedeute, die ganze Welt müsste eure Meinung unwidersprochen zur Kenntnis nehmen?

Manche von euch haben sich daran gewöhnt, sich selbst zu verwirklichen, ohne von Autoritäten und Institutionen hineingeredet zu bekommen. Und nun meint ihr allen Ernstes, eure persönliche Empörung und euer Weltbild und euer Weltschmerz würde maßgeblich darüber entscheiden, wie ein freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen seine Gefahrenabwehr zu organisieren hat?

Manche von euch haben sich daran gewöhnt, eure eigene, postmoderne Wirklichkeit zu konstruieren. Und nun könnt ihr euch nicht mehr vorstellen, dass eine Pandemie ihren ganz eigenen naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten folgt?

Und manche von euch, die ihr Christen seid, habt in euren Gemeinden immer zu höchster Vorsicht aufgerufen gegenüber „Irrlehrern“ und den „Zeitgeist“ – und nun fällt euch nichts besseres ein, als jegliche Besonnenheit über Bord und euch den schillerndsten Irrlichtern an den Hals zu werfen? Wo ist der „Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit“ geblieben (2. Timotheus 1,7)?

Ihr alle fühlt euch vielleicht frei – aber ich fürchte, ihr macht euch selbst zu Freiwild. Indem ihr denen Gefolgschaft schenkt, die ihre Bedeutung aus eurem Beifall beziehen. Indem ihr denen zahlenmäßigen und medialen Auftrieb verleiht, die euch anstacheln und aufwiegeln – um dann über euren Köpfen ihre rot-weiß-schwarzen Fahnen aufzuziehen.

Ich fürchte, im Gegensatz zu manchen von euch könnten diese Leute genau wissen, was sie tun.