Corona in Deutschland – vier Optionen und ein Katastrophenfall

„Corona ist doch nur eine Grippe – und da macht man auch nicht so ein Gewese drum…“  – wie oft habe ich diesen Satz in den letzten Monaten gehört! Wiederholung macht ihn zwar nicht richtiger, aber ironischerweise hat er einen wahren Kern: Es ist das einzige logisch mögliche Ziel der Bekämpfung der Corona-Pandemie, so viele Menschen  durch Infektion oder Impfung zu immunisieren, dass Covid-19 jeden Winter tatsächlich wie eine Grippewelle durchs Land läuft. Mit Infektionen, Erkrankungen, und wohl auch Toten, aber in einem Maß, dass wir gesellschaftsweit als Lebensrisiko akzeptieren können.

Das Problem: Wir sind von diesem Zustand immer noch zu weit entfernt. Weil wir uns in den letzten Monaten nicht klar genug entschieden und es durchgezogen haben, den Weg der Impfung zu diesem Ziel zu gehen. Weil wir das Ziel aus den Augen verloren und uns stattdessen in zu vielen Detaildiskussionen über die richtige Maske, den richtigen Abstand und die dritte Stelle nach dem Komma bei der Schutzwirkung verschiedener Impfstoffen verzettelt haben. Weil wir zu viel Goodwill für Schutzmaßnahmen verbraucht und verloren haben, die dafür sorgen, dass bis zum Erreichen des Ziels möglichst wenige an Covid-19 erkranken, sterben, oder wegen einer Überlastung des Gesundheitssystems an anderen Dingen erkranken oder sterben.

Und doch gibt es kein anderes Ziel als eine Immunisierung der Bevölkerung – so oder so. Das ist eine naturwissenschaftliche Zwangsläufigkeit. Niemand wird ernsthaft darauf hoffen können, ohne Impfung und ohne Infektion durchs nächste Jahr zu kommen. Und wer dazu sagt „Das Risiko gehe ich ein!“, der wettet letztlich darauf, dass sich schon noch ein Plätzchen auf einer Intensivstation finden wird, sollte er sich irren. Diese Wette wird er im Zweifelsfall verlieren, denn es sind zu viele, die zur Zeit diese Wette eingehen.

Ich verstehe, dass man irrationale Dinge tut, wenn man Angst hat oder sich in die Enge getrieben fühlt. So sind wir Menschen, alle. Dass nicht jeder und jede das Ziel vor Augen behält und als Ausbund von Nüchternheit und Besonnenheit durch eine Krisenzeit geht, ist erwartbar und auch nicht tragisch. Tragisch aber ist es, wenn das Mandats- und Verantwortungsträger tun, die durch die Krise zu führen haben.

Ich verzweifle mittlerweile an der Hartnäckigkeit dysfunktionaler politischer Haltungen und medialer Mechanismen auch nach mehr als 18 Monaten Pandemie. Da sagt ein Landesgesundheitsminister angesichts rasant steigender Inzidenzen in den letzten Wochen, „niemand habe diese Entwicklung vorhersehen können“. Da sagt ein Wirtschaftsminister, man habe sich auf diesen Herbst nicht vorbereiten können, weil vor der Bundestagswahl in den Medien „keine Aufmerksamkeit für das Thema Corona“ bestanden habe. Da kritisieren Medienvertreter Politiker für deren Ignoranz, nachdem sie wochenlang primär mit der Frage befasst waren, warum Julian Reichelt bei der Bild gehen musste und wer in einer künftigen Ampel welchen Posten bekommt.

Ich habe großen Respekt für alle Mandatsträger, die in dieser Krise Verantwortung übernehmen und ihr Bestes geben. Und ich ärgere mich über andere, die auch nach 18 Monaten Pandemie immer noch meinen, ihre politischen und medialen Spielchen spielen zu können. Die offenbar denken, so schlimm werde es schon nicht werden, und wenn doch, werde sich schon jemand finden, der das verhindert oder dem man das hinterher anhängen kann. Für mich ist so eine Haltung angesichts der realen Risiken für zahllose Menschen eine Schande.

Wie also kann es von hier und heute aus weitergehen?

Es bleibt das einzige logisch mögliche Ziel, mehr als 90% aller Menschen in Deutschland durch Impfung oder Infektion gegen Corona zu immunisieren. Und ich sehe nur vier Optionen auf dem Weg dahin – keine davon ist vergnügungssteuerpflichtig:

  1. Impfpflicht für alle. Viele rechtliche und ethische Fragezeichen. Könnte größere gesellschaftliche Konflikte auslösen, die keiner wollen kann.
  2. Freedom Day jetzt. Alles Aufheben, alles laufen lassen, jeder sorge für sich selbst, dann ist für alle gesorgt. Mit Blick auf alle, die sich nicht impfen oder schützen können, auf das Personal in den Krankenhäusern und das schiere numerische Ausmaß des Gesamtrisikos absolut verantwortungslos.
  3. Erneuter Lockdown. Alle schützen alle, egal ob geimpft oder nicht. Große rechtliche und wirtschaftliche Fragezeichen. Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen erneut auf dem Rücken der jungen Generation. Dürfte von den 2/3 Geimpften als massive Ungerechtigkeit empfunden und kaum akzeptiert werden.
  4. Bundesweit 2G und weitgehende Testpflichten. Faktisch ein Teil-Lockdown für Ungeimpfte, zu deren eigenem Schutz und gegen deren Willen. Dürfte von den 1/3 Ungeimpften als massive Ungerechtigkeit empfunden werden und die Polarisierung und ein moralisches „wir“ gegen „die“ in unserer Gesellschaft weiter verschärfen.

Gehen wir’s kurz durch: Die Freedom Day-Option wäre nicht nur politisch nicht zu überleben, sondern wohl auch von Hunderttausenden Menschen nicht – niemand wäre bereit, dafür Verantwortung zu übernehmen. Eine Impfpflicht für alle wurde bereits zu Beginn der Pandemie kategorisch ausgeschlossen, ein erneuter Lockdown mittlerweile ebenfalls (ob es klug war, schon zu Beginn einer Pandemie ohne viele Erfahrungswerte gleich alles mögliche auszuschließen, sei dahingestellt). Jetzt bleibt von den vier Optionen nur noch eine, und die wird’s werden, egal wie die nächste Regierung aussieht:

Man wird das Gewurschtel noch wenige Tage bis Wochen weiter versuchen. Spätestens wenn wir am 1. Advent im bundesweiten Durchschnitt Inzidenzen von rund 500 haben und der Notbetrieb von Intensivstationen als Regelfall, wird man 2G anordnen, Regeln am Arbeitsplatz verschärfen, Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen einführen und weitgehende Testpflichten erlassen. Je nachdem, wie lange es dauert, bis man sich dazu politisch durchringt und in den Diskussionen zwischen alter und neuer Regierung, Bund und Ländern einigt, wird das zur Eindämmung nicht reichen. Dann haben die politisch Verantwortlichen nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera: Impfpflicht für alle und/oder ein neuer Lockdown.

Ich bin Optimist: Wir werden das Ziel am Ende erreichen, so oder so. Ich fürchte nur, auf dem Weg dahin wird ein altes deutsches Sprichwort neue Aktualität bekommen: Wer nicht hören will, muss fühlen. Und leider wird das nicht nur die betreffen, die tatsächlich nicht hören wollten, sondern auch andere.

Sollten es am Ende sehr viele andere sein, die aufgrund von Arroganz, Ignoranz und auch Verantwortungslosigkeit in unserer Gesellschaft ihre Gesundheit oder ihr Leben verlieren – dann wäre das der eigentliche Katastrophenfall für unsere Gesellschaft.