Haben Sie schon einmal eine Durststrecke des Glaubens erlebt? Ich meine, wenn Sie eigentlich ja schon an Gott glauben, aber wenn es dann einfach schwierig ist, ihm konkret zu vertrauen?

Ich kenne Leute, die sich in solchen Durststrecken in die Zeit des Neuen Testaments zurück wünschen. „Ach damals, bei Jesus“, seufzen sie. „Wenn ich damals dabei gewesen wäre, dann würde es mir leichter fallen zu glauben und zu vertrauen…“.

Manchmal wäre auch ich gerne dabei gewesen, als einer der Freunde von Jesus. Als einer der Jünger. Mit ihnen teilte Jesus sein Leben. Seinen Alltag. Sie bekamen hautnah mit, wie er redete, handelte – und wie er betete.

Die Jünger beobachteten das alles. Als Lernende – so war das damalige Ausbildungssystem: Der Rabbi lebt mit seinen Schülern zusammen, teilt seinen Alltag und spricht anhand der Dinge und Situationen des Alltags mit ihnen über  Gott und sein Reich.So war das auch bei Jesus. Eine Sache, die die Jünger besonders fasziniert haben muss, war die Art und Weise, wie Jesus betete. Und wie oft er betete! Der Messias, der Sohn Gottes, hatte Beten offensichtlich nötig. Für ihn war das Beten offensichtlich eine echte, lebendige und vitale Glaubenserfahrung. Ganz anders als die Gebete, die die Jünger bisher gesehen hatten – bei den Pharisäern, die gerne und oft öffentlich beteten.

Warum war das Beten von Jesus so anders? Was war sein Geheimnis?

Das fragten sie sich. Und dann fragten sie ihn. Im Lukasevangelium ist das beschrieben, in Kapitel 11, Vers 1. Einer der Jünger hatte Jesus wieder einmal beim Beten beobachtet. Er fasst sich ein Herz und fragt nach: „Herr, lehre uns beten!“. Jesus, wie machst du das? Bitte bring uns bei so zu beten wie du!

Jesus erklärt es ihnen: „Wenn ihr betet, dann sprecht…“ – und es folgt das, was wir noch heute, 2.000 Jahre später, als „Vaterunser“ kennen. Dieses Gebet ist seitdem so bekannt, dass es manchmal zur bloßen Formel und geistlichen Floskel zu werden droht.

Aber Jesus ging es damals in keiner Weise um eine Gebetsformel. Sondern um ein Beispiel für echtes, lebendiges und vitales Beten. Ich finde: Noch heute kann ich das von Jesus lernen. Zum Beispiel im Hinblick auf meine täglichen Bedürfnisse. So formuliert Jesus in Lukas 11,3 nach der Neuen Genfer Übersetzung die Bitte an Gott:

Gib uns jeden Tag, was wir zum Leben brauchen.

Diese Bitte ist bemerkenswert. Sie verbindet das Normale mit dem Übernatürlichen, den Küchentisch mit dem Himmelsthron. Der Alltag ist das, was für uns „normal“ ist, was „alle Tage“ so passiert. Essen und Trinken gehören dazu, für uns im wohlhabenden Westen mehrmals am Tag. Essen scheint so normal, dass die allermeisten Leute es wohl kaum mit Gott in Verbindung bringen würden.

Aber Jesus betet: „Gib uns jeden Tag, was wir zum Leben brauchen“. Wer so betet, der weiß sich auch in so alltäglichen Dingen wie Essen und Trinken völlig von Gott abhängig. Und zwar dauerhaft, jeden Tag wieder neu.

Ich glaube, dieses alltagsnahe Beten kann uns dauerhaft mit Gott in Verbindung halten. Wer jeden Tag dankbar und vertrauensvoll für das betet, was alltäglich und normal scheint, der taucht ein in die gleiche Glaubenserfahrung, die auch Jesus vor 2.000 Jahren erlebt hat – echt, lebendig und vital.

Vielleicht sind Durststrecken des Glaubens genau der richtige Moment, um dieses Geheimnis des einfachen Betens neu von Jesus zu lernen:

Gott, gib uns jeden Tag, was wir zum Leben brauchen.

Amen.

 

(erschienen in der Sendereihe Wort zum Tag bei ERF Plus)