Manche Geschichten in der Bibel sind so bekannt, dass wir kaum noch hinhören. Und dabei vielleicht das Entscheidende verpassen, das wir hören sollten. Ich lade Sie heute ein, neu hinzuhören. Auf eine Geschichte, die Jesus erzählt hat, und die danach eine der bekanntesten Geschichten der Welt geworden ist. Es ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Mit ihm bringt Jesus in nur einer Geschichte auf den Punkt, wie Gott uns Menschen begegnet, wenn wir uns auf ihn einlassen.

Bestimmt kennen Sie die Geschichte: Ein Vater hat zwei Söhne, der jüngere hält es zu Hause nicht mehr aus, will sein eigenes Leben leben. Er bittet seinen Vater, ihm sein Erbe vorzeitig auszuzahlen – und zieht mit dem Geld los in die nächste große Stadt. Dort führt er ein ausschweifendes Leben und verprasst dafür in kürzester Zeit die gesamte Summe. Als das Geld weg ist, steht er mittellos und ohne Freund auf der Straße. Er kommt bei einem Bauern unter, der ihm selbst vom Futter seiner Schweine nicht mitessen lässt.

Getrieben von Hunger und Reue und vielleicht einem Hauch vom Heimweh entscheidet sich der Sohn, nach Hause zurückzukehren – auch wenn er damit rechnet, bei seinem Vater kaum noch willkommen zu sein. Wie würde der Vater wohl reagieren? Abweisend? Mit einer Standpauke? Würde er seine Entschuldigung akzeptieren? Würde er ihn überhaupt noch aufnehmen? Würde er ihm gestatten, für ihn zu arbeiten, um das verprasste Erbe wenigstens teilweise zurück zu zahlen?

Und jetzt kommt der Satz, den Sie heute vielleicht neu hören sollten. Es ist Lukas 15 Vers 20:

Als er noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

Als der Sohn noch weit entfernt war…

Sah ihn sein Vater…

Und es jammerte ihn…

Und er lief…

Und er fiel ihm um den Hals…

Und er küsste ihn…

Als Jesus das zum ersten Mal schilderte, vor rund 2.000 Jahren, war das Verhalten des Vaters für die Zuhörer absolut unfassbar. Geradezu skandalös. Nach so einem Vergehen des Sohnes gegen die Familienehre, wagt er es dennoch, nach Hause zurückzukehren. Und der Vater … hat Mitleid? Rennt auf seinen Sohn zu? Fällt ihm sogar um den Hals? Küsst ihn auch noch?

Genau deshalb ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn eine der bekanntesten Geschichten der Welt geworden – weil sie wie keine andere deutlich macht, wie unfassbar und umfassend Gottes Gnade ist. Weil sie so gegen meinen menschlichen Strich geht, gegen meine menschliche Erwartung auf ausgleichende Gerechtigkeit, meine selbstgerechte Sehnsucht nach Rache und Bestrafung des Gottlosen, der es doch wohl nicht anders verdient hat.

Durch dieses Gleichnis sichert Jesus mir, Ihnen und jedem einzelnen Menschen auf dieser Welt zu, dass Gott uns wie dieser Vater begegnen will: Während der Sohn noch weit entfernt ist, sieht der Vater ihn. Er hat mit ihm Erbarmen. Er läuft ihm entgegen, so schnell er kann. Er umarmt ihn. Er küsst ihn.

Genauso ist Gott. Ganz genau so. Auch zu Ihnen.

(erschienen in der Sendereihe Wort zum Tag bei ERF Plus)