Wie tragisch: Manchmal sind Menschen blind für einen Ausweg, obwohl sie direkt in der Tür stehen. Manchmal bleiben Menschen in ihrer Situation, obwohl keine äußere Macht sie daran hindert, sie zu verlassen. Manchmal bleiben Menschen in dem gefangen, was sie schon immer gedacht haben, obwohl sie die Alternative nur ein einziges Mal ausprobieren müssten.

Manchmal bin ich dieser Mensch.

Ich glaube, wir alle sind mit ihr aufgewachsen – der Vorsicht-Falle. „Sei vorsichtig!“, hören Kinder, die ausprobieren wollen ob man nicht auch ohne Hände Fahrrad fahren kann. Zu hoch geschaukelt? Sei vorsichtig! Noch spät draußen zum Spielen? Sei vorsichtig! Alleine zum ersten Mal zu Fuß in die Stadtbibliothek? Sei vorsichtig!

Unsere Eltern, Erzieher, Lehrer und Ausbilder haben es gut gemeint. Ihr „Sei vorsichtig“ hat bestimmt die eine oder andere Narbe verhindert. Vielleicht in einem von 100.000 Fällen auch mal ein Leben gerettet. Aber sie hat uns auch eines gelehrt: Im Zweifel Vorsicht walten lassen! Da draußen, außerhalb des Bekannten, außerhalb meiner Komfortzone,  da draußen lauert die Gefahr. Wir gehen an die Herausforderungen des Lebens so heran wie einen Überholvorgang auf einer unübersichtlichen Landstraße: Im Zweifel bleiben lassen!

Wer in der Vorsicht-Falle sitzt, kann sich relativ sicher sein, dass er oder sie kein unnötiges Risiko eingeht. Nur eins kann er oder sie nicht wissen: Wie viel weiter man noch kommen könnte.

Wer vorsichtig lebt, wird nie herausfinden, ob in ihm nicht ein Fahrradakrobat steckt. Ob die Schaukel nicht noch viel höher schaukeln könnte (und weiter oben noch mehr Spaß macht). Ob die Abenddämmerung nicht tolle neue Kinderspiele ermöglicht – und ob der eigene Fußweg in die Stadt nicht ein berauschendes Gefühl beschert, man wäre schon so wie „die Großen“.

T. S. Eliot hat einmal gesagt:

Only those who will risk going too far can possibly find out how far one can go.

Nur die, die es riskieren zu weit zu gehen, können überhaupt herausfinden, wie weit man gehen kann. Du weißt nie, wie weit du hättest gehen können, wenn du nicht bereit bist, auch Scheitern in Kauf zu nehmen. Ohne Narben gibt’s kein freihändiges Fahrradfahren.

Es gibt nur einen Weg hinaus aus der Vorsicht-Falle. Die größere Tragik liegt nicht im Scheitern – sondern in der Angst, es überhaupt zu versuchen.