Manchmal denke ich, das Leben ist ein einziges Trainingslager Gottes. Nein, wirklich: Es gibt so viele Aufgaben und Pflichten, von denen ich meine genau zu wissen, wie sie zu schaffen sind. Wo die Möglichkeiten und Chancen liegen. Wie man es anpacken muss. Und dann kommt Jesus und öffnet mir die Augen für seine Welt. Seine Möglichkeiten und Chancen. Und ich stelle fest: Seine Perspektive ist anders als meine. Mit dieser Erfahrung bin ich nicht alleine. Den Jüngern von Jesus ging das zur Zeit des Neuen Testaments nicht anders. Zum Beispiel, als sie einmal einen See überqueren sollten.

Die Geschichte findet sich im Markusevangelium, Kapitel 6: Jesus schickt seine Jünger eines Abends mit dem Boot los, um den See Genezareth zu überqueren. Er selbst will noch an Land bleiben und für sich alleine in der Stille beten.

Die Aufgabe der Jünger ist nicht ganz so harmlos, wie sie klingt, denn über dem See Genezareth herrschen oft starke Fallwinde. Das bekommen die Jünger prompt zu spüren. Es wird richtig anstrengend: Mit zwölf Mann rudern sie und kommen doch kaum vorwärts, so stark ist der Gegenwind. Bis drei Uhr morgens kämpfen sie, als Jesus auftaucht und eingreift. Der Evangelist Markus berichtet das wie folgt (Markus 6 ,48):

Jesus sah, dass seine Jünger beim Rudern nur mühsam vorwärts kamen, weil sie gegen den Wind ankämpfen mussten. Deshalb kam er im letzten Viertel der Nacht zu ihnen. Er ging über das Wasser und wollte an ihnen vorübergehen. Als die Jünger ihn auf dem Wasser gehen sahen, meinten sie, es sei ein Gespenst, und schrien auf. Denn sie sahen ihn alle und waren ganz verstört. Sofort sprach er sie an: »Fasst Mut! Ich bin’s, fürchtet euch nicht!« Dann stieg er zu ihnen ins Boot und der Wind legte sich.

Es gibt offensichtlich zwei Arten, einen See zu überqueren: Die Jünger brechen früh abends auf, rudern mit vereinten Kräften bis drei Uhr morgens gegen den Wind an und kommen doch kaum vorwärts. Jesus dagegen nimmt sich zuerst Zeit zum Beten, dann geht er im Rahmen seiner göttlichen Möglichkeiten los und überwindet scheinbar mühelos Wind und Wellen.

Ich glaube, Jesus hat dieses Erlebnis für seine Jünger sorgfältig inszeniert. Genau wie ein Trainer im Trainingslager konfrontiert er sie mit dem Unterschied zwischen ihrer bisherigen Methode und dem, was er ihnen beibringen will.

Ich lerne mit den Jüngern: Die Perspektive von Jesus ist wirklich anders als meine. Das ist die Wahrheit. Als Mensch habe ich von klein auf gelernt zu rudern, im Rahmen meiner menschlichen Kraft und meiner menschlichen Möglichkeiten.

Aber wenn Jesus auf den Plan tritt, dann eröffnet er mir einen Raum für seine Kraft und seine Möglichkeiten.

Und ich darf in der Stille beten statt gegen den Wind zu kämpfen. Ich darf erwarten, dass er mir seine Kraft gibt für seine Aufgaben. Ich darf darauf vertrauen, dass er mich nicht  im Stich lässt, auch wenn es manchmal lange dunkel ist, bevor er eingreift.

(erschienen in der Sendereihe Wort zum Tag bei ERF Plus)