In den letzten Jahren scheint unsere Welt aus den Fugen geraten zu sein. Das Gegenüber zweier großer Supermächte mit ihren jeweiligen Verbündeten ist einer unübersichtlichen Welt gewichen, in der eine Supermacht die andere ablöst und kleinere Länder zwischen die Räder zu geraten drohen. In der Geschichte gab es solche Phasen immer wieder. So wird im Alten Testament eine Zeit geschildert, in der auf die Supermacht der Assyrer erst die Babylonier folgen und darauf das Großreich der Perser.

Und mit dem Zusammenprall machtpolitischer Interessen ging damals immer auch ein Zusammenprall verschiedener  Gottesbilder einher: Welche Macht würde sich behaupten? Und: Welcher Gott, welche Gottesvorstellung würde sich durchsetzen?

Mitten in diese Zeit hinein erklärt der Prophet im Jesajabuch Kapitel 45, dass der frischgebackene Perserkönig Kyrus, von Gott selbst zur Ordnungsmacht gemacht worden sei – obwohl der den Gott Israels gar nicht kennt. In den ersten Versen von Jesaja 45 wird Gottes Reden so wiedergegeben:

Ich unterwerfe dir, Kyrus,  die Völker und nehme ihren Königen die Macht; Ich öffne dir Türen und Tore … Obwohl du mich nicht kennst, habe ich dich berufen … ich gebe dir die Macht, obwohl du nichts von mir weißt.

Gott lässt durch den Propheten auch erklären, mit welchem Ziel er Kyrus einen derart großen weltpolitischen Einfluss gewährt. In Jesaja 45,34 heißt es dazu wörtlich:

Durch dich, Kyrus,  will ich meinem Diener und Schützling Israel helfen, der Nachkommenschaft Jakobs, die ich erwählt habe…überall auf der ganzen Erde sollen sie erkennen, dass ich allein Gott bin.

Diese Ansage muss Widerspruch bei Israels Nachbarvölkern ausgelöst haben. Mit welchem Recht behauptet ein hebräischer Prophet, dass sein Gott die Zügel in die Hand nimm und ihre eigenen Götter beiseite wischt?

In Jesaja 45 wird nun ein prophetischer Dialog beschrieben, in dem sich Gott mit dieser Kritik auseinandersetzt. Vers 20:

Wer Götterbilder aus Holz mit sich herumträgt, hat keinen Verstand; er betet zu einem Gott, der nicht helfen kann. … Es gibt keinen Gott außer mir, keinen der Hilfe und Rettung bringen kann. Kommt zu mir und lasst euch helfen, ihr Menschen der ganzen Erde!

Am Ende zeichnet der Prophet dann ein Bild von Einsicht, Erkennen und Einlenken. Davon, wie Menschen aus allen Völkern und religiösen Prägungen erkennen und bekennen:

Nur beim Herrn … ist die Fülle von Gerechtigkeit und Stärke. Zu ihm wird man kommen, und schämen müssen sich alle, die mit ihm gehadert haben.

Gewöhnungsbedürftig klingt sie für unsere heutigen, westlichen Ohren, diese Auseinandersetzung im Namen von Macht und Religion. Das Buch Jesaja kommt aus seiner Zeit und spricht in seine Zeit. Und doch nehme ich eine Einsicht daraus mit, die meiner Überzeugung nach auch heute noch gilt:

Gott hat die Welt geschaffen, und alle Menschen in ihr, und mich. Gott ist mir keine Rechenschaft schuldig für das, was er tut. Er fordert mich vielmehr heraus, zu ihm zu kommen und mir helfen lassen. Nur bei ihm ist Gerechtigkeit und Stärke zu Hause; das bedeutet: Nur Gott sieht mein Leben absolut realistisch, und nur er hat die Macht, mein Leben an den Stellen positiv zu verändern, an denen ich regelmäßig scheitere. Und wenn ich mit ihm hadere, ist es möglich sich zu besinnen, umzukehren und zu ihm zurückzukommen.

Diese Einsicht stammt aus der Zeit einer unsicheren Welt. Deshalb will ich sie in der heutigen unsicheren Welt neu beherzigen.

 

(erschienen in der Sendereihe Wort zum Tag bei ERF Plus)