Liebe Christen in den USA,
meine Brüder und Schwestern,

ich bin fassungslos.

Nicht nur über die immer wieder aufgerissene Wunde des Rassismus, die in diesen Tagen in eurem Land neu sichtbar wird. Nein, ich bin fassungslos darüber, wie schamlos Macht versucht mit euch ins Bett zu steigen. Ich bin fassungslos darüber, wie wehrlos viele von euch sie gewähren lassen. Wie ihr Haltungen und Werte des christlichen Glaubens eintauscht gegen das Versprechen, an der Seite eines Mächtigen auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Ich bin fassungslos darüber, wie viele von euch durch Beifall oder stille Genugtuung entwerten, was Christen weltweit heilig ist.

Mir geht es nicht um Politik. Euer Land ist nicht mein Land, und euer Präsident ist nicht mein Präsident. Ich teile weder eure Wahl noch eure Verantwortung. All das ist eure Angelegenheit, nicht meine. Aber die Bibel, die euer Präsident  inmitten von Tränengasschwaden in die Kamera gehalten hat, ist auch meine Bibel. Die Kirche, vor der er sich hat ablichten lassen, ist sichtbarer Teil der unsichtbaren Gemeinde Jesu, die auch meine ist. Das Bekenntnis, das er für eure Augen und vor den Augen der ganzen Welt als Ausweis seiner Autorität von Gottes Gnaden inszeniert, ist auch meines.

Deshalb ist das, was ihr mit euch machen lasst, nicht nur eure Angelegenheit – sondern auch meine und die aller Menschen auf dieser Welt, die die Bibel in Ehren halten. Die zur weltweiten Gemeinde Jesu gehören. Die in aller Unvollkommenheit das christliche Bekenntnis, seine Haltungen und Werte teilen. Gehören wir nicht zu einer Familie? Schreibt der Apostel Paulus nicht an die christliche Gemeinde in Korinth: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit“ (1 Korinther 12,26)?

Liebe Brüder und Schwestern, ich kann mich nicht mit euch freuen, denn ihr werdet entehrt, auch wenn ihr euch vielleicht von Macht umschmeichelt fühlt. Glaubt ihr ernsthaft, Macht wird aus Dankbarkeit für euren Beifall und euer Stillhalten irgendwann demütig zur Seite treten und einer unbefleckten Nachfolge Christi Platz machen? Wann ist aus der Verbindung von Glaube und Macht jemals etwas Gutes entstanden?

Ich komme aus einem Land, in dessen Ostteil bis vor 30 Jahren viele nicht studieren durften, weil ihnen die Nachfolge Christi wichtiger war als Karriere in der Partei und Einfluss in der Gesellschaft. Und nun leide ich daran, wie ihr alle Haltungen und Werte über Bord werft, die ihr euren Kindern beigebracht habt, wie ihr tausend Lügen ignoriert, beiseite wischt, wegerklärt, schönredet – weil ihr glaubt, dadurch gesellschaftlichen Einfluss zu behalten?

Ich komme aus einem Land, in dem vor 75 Jahren Dietrich Bonhoeffer und andere mutige Männer und Frauen der Bekennenden Kirche die Treue ihrer Nachfolge Christi nicht dafür preisgeben wollten, einer menschenverachtenden Ideologie auch noch zu einer moralischen Legitimation zu verhelfen. Und nun leide ich daran, wie eure verdienstvollen Prediger des Evangeliums immer aufs Neue Worte und Taten absegnen, die den Geist dieses Evangeliums mit Füßen treten. Heiligt bei Jesus der Zweck denn die Mittel?

Ich komme aus einem Land, in dem vor 500 Jahren ein Augustinermönch namens Martin Luther die Einzigartigkeit Christi neu in den Mittelpunkt rückte. „Solus Christus“ lautete eine der reformatorischen Kernüberzeugungen, „nur in Christus ist das Heil“. Und nun leide ich daran, wie ein Mann „I alone can fix it“ von der Bühne brüllt – und ihr klatscht Beifall. Wer von beiden ist es, dem ihr folgt?

Ich gebe zu: Ich kenne eure Situation nur von außen, nicht von innen. Ich bin nicht an eurer Stelle. Ich weiß nicht, was ich an eurer Stelle täte oder wie ich mich verhalten würde. Ich weiß nur, wovor Paulus die Christen in Korinth am Ende seines Briefes warnt: „Lasst euch nicht verführen! Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten. Werdet doch einmal recht nüchtern und sündigt nicht! Denn einige wissen nichts von Gott; das sage ich euch zur Schande.“ (1. Korinther 15, 33-34).

Die weltweite Christenheit hat euch, liebe Brüder und Schwestern aus den USA, so viel zu verdanken. Ihr habt bis heute unendlich viel dazu beigetragen, die Gute Nachricht zu verbreiten mit euren großen Vision und eurer Großzügigkeit, mit eurem Wagemut und eurer Hilfsbereitschaft. Wir leiden an euch, und wir leiden mit euch. Lasst euch bitte nicht verführen! Und wo erforderlich, werdet nüchtern!

Ich hoffe trotz aller Fassungslosigkeit, dass wir immer noch zusammen gehören.