Insider-Übergewicht-Syndrom

Es muss endlich Schluss sein mit dem Kreisen um uns selbst!

Starker Satz, entschlossen ausgesprochen, allgemeine Zustimmung bei den Zuhörerinnen und Zuhörern. Diesen Satz habe ich vor einiger Zeit in einer Zusammenkunft von Vertretern einer Freikirche gehört, und er ist mir nachgegangen.

Nicht, weil ich noch überlegen müsste, ob er inhaltlich stimmt: Wie viele Organisationen vom Roten Kreuz über die KFZ-Zulassungsbehörde bis zur Katholischen Kirche stimmt er sehr wahrscheinlich auch für diese Freikirche. Es ist einfach menschlich, zuerst einmal die Menschen wahrzunehmen und ernst zu nehmen, die schon da sind. Die Gewohnheiten als gesetzt hinzunehmen, die  man nicht anders kennt. Sich vor allem untereinander auszutauschen, in einer gemeinsamen Sprache, mit gemeinsamen Themen, in einer gemeinsamen Kultur- und Wertewelt. Dieses Phänomen hat nichts mit Theologie zu tun, sondern schlicht mit Psychologie plus Soziologie. Da geht es Freikirchen nicht anders als Landeskirchen oder irgendwelchen anderen Organisationen, die kurzfristig  unabhängig davon sind, ob es ihnen gelingt, neue Leute in den Blick nehmen oder neue Kunden gewinnen zu müssen.

Aber ist die Kirche von Jesus nicht berufen, genau so nicht zu sein? Hat Christus seine Christen nicht aufgefordert, ihren Nächsten genauso zu lieben, wie sich selbst? Hat Jesus seinen Jüngern nicht beigebracht, dass einfach jeder und jeder „mein Nächster“ sein kann – nicht nur die Insider und die, die schon lange da sind? Muss alles, wo „Kirche“ draufsteht, nicht zu allererst für die da sein, die noch nicht dazugehören?

Ja, absolut. Und deshalb ist der Satz vom Anfang richtig und wichtig. Was mich in der Zusammenkunft aber ins Nachdenken gebracht hat, ist die Geschwindigkeit, wie schnell alle Teilnehmenden diesen Satz und die Entschlossenheit dahinter akzeptiert haben – um dann in der Diskussion mit anderen Themen weiterzumachen.

„Stop“, hätte ich gerne dazwischen gerufen. „Ihr habt ja Recht mit dieser Forderung – aber wenn ihr das wirklich wollt, werdet ihr euch viel intensiver und vielleicht auch schonungsloser damit auseinandersetzen müssen, wie das Kreisen um uns selbst eigentlich zustande kommt!“ Und damit, wie man es überwindet. Denn das passiert nach meiner Erfahrung nicht von allein. Lass irgendein System, eine Organisation, ein Kollektiv von Menschen einfach in Ruhe, und es wird ziemlich sicher ganz von alleine anfangen, um sich selbst zu kreisen.

Wenn also wirklich „endlich Schluss sein muss mit dem Kreisen um uns selbst“, braucht es Intervention. Das Einüben von Gegenmaßnahmen, Gegen-Gewohnheiten. Das Vorantreiben und Aufrechterhalten eines Kulturwandels, vom Denken bis zum Doing.

Vielleicht kann KI uns dabei helfen?

Nein, wirklich. Ich habe in den letzten Monaten in so vielen Veranstaltungen die Frage gehört und auch mit diskutiert, wie „wir als Kirche KI einsetzen können“, und meistens landet man dann bei Predigtvorbereitungen, dem Entwurf von Gruppenstunden und vielleicht noch bei der Öffentlichkeitsarbeit.

Was wäre, wenn man als Kirche KI einsetzen könnte, um rauszukommen aus dem Kreisen um uns selbst?

Dieses Frage habe ich beim Online-Barcamp von Gottdigital im Februar als Sessionthema zur Diskussion vorgeschlagen. Es war eine der meist besuchten Sessions an diesem Tag. Vermutlich nicht, weil alle ihre Antworten zu dieser Frage loswerden wollten – sondern weil viele den Schmerz hinter dieser Frage teilen (das ist ja das Irre mit dem „Kreisen um uns selbst“: Wir alle wollen eine Lösung, aber wir alle sind meist auch Teil des Problems).

Und tatsächlich haben die Teilnehmenden in der Session ein paar praktische Ideen zusammen getragen, die jede christliche Gemeinde, Kirche oder andere Organisation mit „Insider-Übergewichts-Syndrom“ mit einem KI Chatbot-Account für ein paar Euro im Monat ausprobieren kann.

Zum Beispiel folgende:

  • Überprüfung der sprachlichen Selbstdarstellung von Kirchengemeinden in der Öffentlichkeit auf Allgemeinverständlichkeit („Das ist eine gute Gemeinde für Familien mit Kindern.“)
  • Anpassung von Sprache an bestimmte Zielgruppen, von der Predigt über Liedtexte bis zur Website („Anti-Kanaanäisch-Filter“)
  • KI-gestütztes Brainstorming, welche Methoden und Modelle für meine Zielgruppen gerade woanders besonders erfolgreich sind. Ja, KI bezieht sich auch nur auf „Wissen von woanders“ – aber das ist oft unendlich viel mehr, als uns in unseren Gremien und Arbeitskreisen am grünen Tisch selbst einfällt.
  • KI-gestützte Verbesserung von Abläufen, Programmen und Nutzerführung auf der Website: Wie erlebt jemand unser Event, Kommunikation oder Website, der/die ohne jedes Vorwissen von außen darauf stößt?
  • KI befragen nach blinden Flecken und Best Practices aus Erwachsenenbildung oder Eventkultur im säkularen Umfeld in unserer Stadt oder Region
  • Social Listening: Was bewegt gerade die Menschen, die ich noch nicht kenne?

Vielleicht sagst du jetzt: Dafür KI einzusetzen, ist doch wieder eine Insider-Perspektive – wäre es nicht viel besser, mit den Menschen tatsächlich zu sprechen, die wir ansprechen wollen?

Ja, das wäre vermutlich das beste. Aber wenn du in deiner Kirche oder Gemeinde Schluss machen willst mit dem „Kreisen um uns selbst“, aber dir der Schritt von deiner Entschlossenheit in die Fußgängerzone ein bisschen weit ist, wären KI-gestützte Methoden ja wenigstens ein Anfang. Ein Schuhlöffel. Ein paar Stützräder. Denn echter Kulturwandel beginnt nicht mit der Ausrufung der Revolution. Auch nicht mit dem Gefühl von Entschlossenheit. Sondern in Senfkorngröße – mit Einüben einer neuen Wahrnehmung und neuer Gewohnheiten.

Ich glaube, Jesus wusste das. Und hat es eingepreist, als er uns in seine Nachfolge berufen hat. Und trotzdem lässt er nicht locker, uns herauszurufen aus dem „Kreisen um uns selbst“. Schritt für Schritt, Gewohnheit für Gewohnheit, und – ja, vielleicht auch Prompt für Prompt.

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