Ein Meme. Donald Trump, als Jesus inszeniert. Darunter ein Kreuzzug gegen das Böse, medial verpackt als apokalyptische Auseinandersetzung mit dem Iran. Und schon ist er wieder da – ein Begriff, der irgendwie immer latent in der Kirchengeschichte liegt und jetzt wieder an die Oberfläche drückt: der Antichrist.
Ich muss gestehen: In meinem eigenen Glaubenserleben habe ich nie wirklich das Bedürfnis gespürt, dieses Label jemandem umzuhängen. Ich habe die Left-Behind-Romanreihe von LaHaye und Jenkins gelesen – damals en vogue während meiner Studienzeit. Die haben den Antichristen ins Jetzt geholt. Es gibt sogar einen Film mit Nicolas Cage (der sich hinterher vermutlich gefragt hat, warum er zugesagt hat).
Aber trotzdem: Das Label „Antichrist“ kleben – das war und ist nie mein Ding gewesen. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich: Das ist gar kein Makel.
Was die Bibel wirklich sagt – und was nicht
Das Wort „Antichrist“ taucht in der Bibel eigentlich nur im ersten und zweiten Johannesbrief auf. Nicht in der Offenbarung. Nicht bei Paulus, auch wenn der im zweiten Thessalonicherbrief vom „Sohn des Verderbens“ schreibt. Nicht im Buch Daniel. Aber alle diese Texte werden gerne in einen Topf geworfen, und aus diesem Topf entsteht dann die Endzeitfigur, der eine Antichrist, der am Ende der Dinge auftritt und alles zusammenfasst, was böse und bedrohlich ist.
Nur: Das ist nicht, was Johannes meint. Johannes hat sich nicht mit einer Endzeitfigur auseinandergesetzt. Er hat sich mit der Gnosis auseinandergesetzt – der theologischen Idee, dass Christus kein wirklicher Mensch war, sondern ein reines Geistwesen, das mit dem Fleisch und der Erde eigentlich nichts zu tun hat. Dagegen schreibt Johannes an. Und er nennt diese Gegenposition antichristlich – weil sie sich an die Stelle setzt, wer Christus wirklich ist: wahrer Gott und wahrer Mensch, nicht das eine ohne das andere.
Das ist der ursprüngliche Kontext: Kein Epos, kein Horrorfilm, sondern eine theologische Auseinandersetzung in einer konkreten Gemeindesituation, vor fast 2000 Jahren. Und wer jetzt eine Linie zieht von diesem Text zu aktuellen Weltpolitikern oder geopolitischen Konflikten – der tut den biblischen Texten nicht gerecht. Nicht weil die Texte keine Tiefe hätten, sondern weil jede Auslegung zuerst eine Bedeutung in ihrer eigenen Zeit gehabt haben muss. Johannes hat nicht geschrieben: Ihr versteht das erst, wenn die USA den Iran angreifen. Das ist nicht, wie Bibel funktioniert.
Der Dualismus, den die Bibel nicht kennt
Es gibt noch einen tieferen Grund, warum mir das schnelle Identifizieren unbehaglich ist. Wer den einen Antichristen braucht – eine Figur, in der das Böse konzentriert ist, wie Gott das Gute konzentriert –, der denkt dualistisch. Da ist das Gute auf der einen Seite und das Böse auf der anderen, gleich stark, im kosmischen Ringen.
Aber das Gottesbild der Bibel ist nicht dualistisch. Von der ersten bis zur letzten Seite ist klar, wer der Chef im Ring ist. Es gibt keinen gleichwertigen Gegenspieler Gottes. Das Böse hat in der Bibel immer schon eine Niederlage vor sich. Wenn ich das vergesse und anfange, die Welt als epische Schlachtszene zu lesen, wo ich wissen muss, wer auf welcher Seite steht – dann ist das keine biblische Kategorie. Das ist eher Tolkien.
Das heißt nicht, dass es nichts gibt, worüber ich mit Wachsamkeit nachdenken sollte. Johannes schreibt ja nicht: Entspannt euch, alles gut. Er schreibt: Achtet drauf. Und wenn ich das ernst nehme, dann finde ich in meiner Gegenwart durchaus Motive, die mich beschäftigen.
Spektakel statt Dienst. Ich habe neulich mit jemandem aus dem Handwerk gesprochen. Er suchte Auszubildende. Er fand kaum welche – weil viele seiner Erfahrung nach „lieber Influencer werden wollen“. Das ist zugespitzt, aber es zeigt etwas: Wir leben in einer Zeit, in der Selbstdarstellung zur Währung geworden ist. Jeder ist eine Marke. Das gilt für Privatpersonen und für Politiker. Man kann sich da drin auch verlieben und das zum Wesentlichen erklären. Ich sehe das auch in manchen christlichen Kontexten: große Bühne, viel Inszenierung, wenig Bodenhaftung.
Lüge als Normalzustand. Früher hieß es: Ein US-Präsident darf vieles – aber nicht beim Lügen erwischt werden. Clinton hat diesen Test nicht bestanden. Heute erleben wir öffentliche Unwahrheit in einem Ausmaß und mit einer Schamlosigkeit, die vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre. Und das Erschreckende ist nicht nur, dass es passiert. Das Erschreckende ist, dass andere in den Sog geraten und denken: Offenbar funktioniert das. Also machen wir es auch. Eine Gesellschaft verliert ihren Wirklichkeitssinn und ihren Wertekompass – und das ist kein kleines Problem.
Das Evangelium als Machtmittel. Putin hat das Christentum entdeckt. Orban hat es bespielt. Trump postet Jesus-Memes. JD Vance zitiert die Bergpredigt. Das Evangelium als politisches Instrument – als Weg, Loyalität zu gewinnen bei Menschen, denen der Glaube wirklich etwas bedeutet, obwohl er dem Instrumentalisierenden selbst vermutlich wenig bedeutet. Das ist ein antichristlicher Zug. Nicht weil ich den persönlichen Glauben dieser Menschen beurteilen könnte oder wollte – das kann und das will ich nicht. Aber ich kann kritisieren, wenn das Evangelium zum Machtmittel wird. Weil es sich damit an die Stelle setzt, wofür Christus wirklich steht.
Der eine Held als Erlöser. „I alone can fix it.“ Trump bei seiner Inauguration. Elon Musk, der die Menschheit in die Zukunft führt. Der eine Megachurch-Pastor, der fast schon wie eine Heilsfigur verehrt wird. Da ist etwas Griechisch-Antikes in unserer Zeit – die Wiederkehr des Helden, des Odysseus, der es jetzt richten soll. Und das ist auch so ein Zug, den man antichristlich nennen könnte: das Retter-Denken auf jemanden zu projizieren, der kein Retter ist. Weil es nur einen gibt, der das ist – Christus.
Was ich daraus mitnehme
Wenn ich durch die Kirchengeschichte schaue, hat fast jede Generation irgendwann gesagt: Jetzt wissen wir, wer der Antichrist ist. Luther hat es gesagt. Die Leute, als die EU gegründet wurde, haben es gesagt. Manche sagen es heute über Trump. Im Rückblick sagt das meistens mehr über die Ängste und Feindbilder der jeweiligen Zeit aus als über tatsächliche biblische Prophetie. Und meine Auslegung sagt manchmal mehr über mich als über die Bibel.
Daraus lerne ich: Nicht zu schnell identifizieren. Die großen, prophetischen Bilder der Bibel nicht zu hastig auf meine aktuellen Ängste zu ziehen.
Und noch etwas: Der Feind ist nicht nur da draußen. Was Johannes kritisiert, sind theologische Haltungen – eine Kritik fast nach innen: Leute, passt auf, dass ihr nicht aus Angst, aus Dominanzstreben oder aus dem Bedürfnis, Recht zu haben, in Haltungen kommt, die der Gemeinde Jesu nicht gut zu Gesicht stehen! Das ist auch eine Frage an mich selbst: Wo setze ich in meinem eigenen Leben etwas an die Stelle, die eigentlich nur Christus zusteht?
Ich glaube: Meine Hoffnung für die Zukunft als Christ braucht kein Feindbild und keinen Fahrplan.
✨ Aus meinen Gesprächsbeiträgen im Podcast „Wegfinder“ in Folge 121 KI-gestützt redigiert. Das ganze Gespräch mit Uwe Heimwoski gibt’s auf wegfinder.studio – und überall, wo’s Podcasts gibt.