Endlich ist der Wal weg. „Timmy“, „Hope“ oder wer ihn wie auch immer genannt hat. Wochenlang hat der in der Bucht von Wismar gestrandete Buckelwal hierzulande das mediale Buffet bereichert, oft auf ein- und demselben Nachrichtenportal in einer schizophren anmutenden Widersprüchlichkeit („Jetzt hier live: Neues über den Wal!“ / „Medienkritik: Warum die ganze Aufregung?“). Ja, ich verstehe das journalistische Handwerk des Betrachtens aus verschiedenen Perspektiven, gerne auch innerhalb derselben Redaktion. Aber über Wochen?
Mit der medialen Verarbeitung hören die Widersprüchlichkeiten noch nicht auf, ihm Gegenteil. Widersprüchlichkeit Nummer 2: Das Rangeln der Retter um das edelste Motiv. Oder sagen wir: Die beste mediale Darstellung des Motivs? Da wurden Tierärzte und -ärztinnen eingeflogen, ausgeflogen, private Geldgeber investierten, Pressesprecherinnen und Pressesprecher ließen verlautbaren, wie weit der jetzt aber wirklich letzte heldenhafte Rettungsversuch gediehen sei und ob Timmy/Hope/Ein-namenloser-Buckelwal mit der Schwanzflosse gewedelt hat. Im Team immer wieder Stress, Streit und Auseinandersetzungen, wie der Wal am besten zu retten sei.
A propos Rettung: Widersprüchlichkeit Nummer 3 ist der Mensch. Weltweit werden jedes Jahr über 1.000 Großwale kommerziell gejagt und getötet (vor allem in Norwegen, Japan und Island) und schätzungsweise über 100.000 Kleinwale (wie z.B. Delfine). Dazu kommen noch wesentlich mehr Tiere, die als Beifang des kommerziellen Fischfangs (ver-)enden. Seit Jahrzehnten versucht die Weltgemeinschaft, den kommerziellen Walfang regulatorisch einzudämmen, zu begrenzen und zurückzudrängen. Und in der Ostsee versammeln sich Wal-Retter, Influencer und Medienleute um einen einzigen Wal mit fraglicher Überlebensprognose, während man versucht ihn zurück ins Meer zu werfen. Anscheinend bringt der Mensch Mitgefühl erst auf, wenn er einen Wal in nächster Nähe sehen kann und ihm einen Namen gegeben hat. Während andere Menschen keinerlei Mitgefühl dabei empfinden, jedes Jahr ungleich mehr Wale zu jagen und töten.
Und wenn wir schon bei Nähe und Namen sind: Widersprüchlichkeit Nummer 4 ist für mich unsere Unfähigkeit, den Tod zu ertragen. Er muss aus dem Bild, fortgeschafft werden dorthin, wo wir ihn nicht mehr sehen können. Nicht mehr sehen müssen. Wir schieben den Wal zurück ins Meer, damit er nicht auf unserem Strand verendet. Wir schlachten Hühner und Schweine im industriellen Maßstab, aber wir schauen nie hin, wo und wie das geschieht. Wir alle werden irgendwann sterben, aber wir tun alles, um das Sterben und manchmal auch die Sterbenden wegzuschieben, bis nur das angenehme Gruseln aus der Distanz übrig bleibt, wenn wir von einem Verbrechen lesen oder eine Bürgerkriegsstatistik.
Das Widersprüchlichste an der ganzen Geschichte aber ist für mich das Ende: Niemand weiß, ob die Rettung wirklich gelungen ist. Es wurden Peilsender am Wal befestigt – aber es gibt Streit um die Daten. Es wurde eine Videodokumentation über die Freilassung vereinbart – aber die wurde nie durchgeführt. Um es mit den Worten von Heiko Werning in der taz zu sagen: „Es ist unklar, ob das Tier in Freiheit schwimmt – oder schlicht verklappt wurde.“
Vielleicht ist das Ende aber auch gar nicht so wichtig. Vielleicht war das Schicksal eines Wals mindestens zum Teil auch nur ein Mittel zum Zweck. Vielleicht war für manche Politiker, Rettungsteammitglieder, Influencerinnen oder Journalisten der Wal als Geschöpf am Ende gar nicht so wichtig wie die Wirkung der Inszenierung, die Auflage, die Klicks oder unser aller Gefühl, Anteil genommen zu haben am Versuch, sich für das Gute in der Welt einzusetzen.
Und dass es bei aller Widersprüchlichkeit Menschen gibt, die willens sind, sich für etwas Gutes zu engagieren – das ist am Ende vielleicht tatsächlich ein Zeichen der Hoffnung.