Ich weiß es einfach

Ich bin Physiker. Das heißt: Wenn mir jemand einen Glaubenssatz beibringt, den ich nirgendwo in meiner eigenen Wirklichkeit wiederfinde – den ich nicht experimentell ergreifen kann, bei dem ich nichts merke, nichts spüre –, dann könnte dieser Satz genauso gut auch eine Lüge sein. Er hätte dieselbe Konsequenz: keine. Glaubenssätze, die sich in meinem Leben nicht niederschlagen, die ich nicht in Beziehung setzen kann zu dem, was ich erlebe – die kann ich irgendwann auch streichen. Sie hinterlassen keine Spur.

Aber die Gegenrichtung funktioniert auch nicht einfach. Ein Glaube, der ausschließlich aus meinen eigenen Erfahrungen gebaut ist – Pippi-Langstrumpf-Theologie sozusagen, ich bastle mir die Welt, wie sie mir gefällt –, ist mir schlicht zu klein. Zu wenig Mysterium. Zu wenig Raum für das, was ich noch nicht gedacht habe, was größer ist als mein Kopf.

Und: Was ist mit den Zeiten, in denen ich überhaupt keine Erfahrungen mache? Wenn ich krank bin, depressiv, über Monate lahmgelegt? Hat Glaube mir dann nichts zu sagen? Das wäre irgendwie … arm.

Gefühle sind real. Interpretationen sind es nicht automatisch auch.

Wir leben in einer Zeit, in der Gefühle als Erkenntnisquelle extrem aufgewertet werden. Das hat gute Gründe. Aber dann kommt manchmal noch ein Schritt dazu, der mir Unbehagen bereitet: Wir nehmen nicht nur Gefühle für real – wir nehmen auch ihre Interpretation für wahr. Automatisch. Ohne Zwischenschritt.

Dabei ist genau dieser Zwischenschritt entscheidend.

Gefühle sind real. Sie sagen mir, dass etwas in mir passiert. Aber die Interpretation – was dieses Gefühl bedeutet, worauf es hinweist, was ich daraus ableite – die ist nicht automatisch wahr. Als Physiker würde ich sagen: Das sind zwei verschiedene Datenpunkte. Und als Mensch, der über Gott nachdenkt, würde ich sagen: Genau hier beginnt die eigentliche Arbeit.

Theologie – im wörtlichen Sinne: Rede von Gott – ist im Grunde das systematisch über Jahrhunderte gewachsene, validierte, konsolidierte System von Glaubenserfahrung und ihrer Interpretation. Nicht: Welche Erfahrungen haben andere gemacht? Sondern: Wie haben andere das eingeordnet? Wie haben sie interpretiert, was sie erlebt haben? Und: Wie interpretiere ich meine eigene Erfahrung gerade – und passt das irgendwie zusammen, oder ist es total schräg?

Das ist kein Angriff auf Erfahrung. Es ist eine Einladung, die Erfahrung ernst zu nehmen – und sie nicht allein zu lassen.

Das runde Gefühl und das eckige Regal

Ich werde allergisch, wenn ein rundes Gefühl in ein eckiges Theologie-Regal gehämmert werden soll. „Du musst nur fest genug draufhauen, dann passt das schon.“ Nein. Das Gefühl ist real. Es darf sein. Aber ich möchte auch keinen Kontext, der dann aus meinem Gefühl ableitet, wie Gott wirklich ist. Das funktioniert nicht. Dazu sind Gefühle viel zu wandelbar, viel zu flüchtig, viel zu… individuell.

Was ich mir wünsche – und was ich für möglich halte –, ist der Raum dazwischen: Jemand, der sagt: Ich weiß auch noch nicht, wo wir rauskommen. Aber ich nehme dein Gefühl erstmal ernst. Hier ist, was ich theologisch sehe. Das eine ist eckig, das andere ist rund. Es passt nicht sofort zusammen. Wir halten das jetzt miteinander aus. Aushalten ist schwer. Weil es uns in kognitive Dissonanz schubst. Unser Gehirn will auflösen – nach der einen oder der anderen Seite. Manchmal geht das aber nicht so schnell. Und selbst die Entscheidung, es erst mal auszuhalten, ist ein aktives Tun.

Wo hilft die Bibel – und wie?

Wenn ich sage: Ich lege meine Erfahrung neben die Bibel, dann kommt es sehr darauf an, wo ich die Bibel aufschlage.

Das Buch der Sprüche ist brilliant – aber es funktioniert wie Memes: alles kondensiert auf einen Satz, der in sich stimmt, in seiner Pauschalität aber immer auch ein bisschen schief ist. Dogmatische Lehrtexte sagen mir, wie es richtig geht. Das hilft beim Einsortieren von Gefühlen oft weniger. Ich muss vielmehr  dahin, wo Menschen in der Bibel das durchgemacht haben, was ich durchmache. Die Psalmen zum Beispiel. 150 Texte – und darin immer wieder dasselbe: Menschen, die an Gott irre werden, wütend auf ihn sind, nicht mehr klarkommen, klagen. Und die trotzdem irgendwie die Kurve formulieren. Diese Resonanz zu finden, kann unglaublich entlastend sein. Nicht weil es eine Antwort liefert. Sondern weil ich merke: Ich bin nicht der Erste. Und ich bin nicht allein.

Gemeinschaft hilft hier genauso. Ich finde es persönlich unheimlich entlastend, wenn ich feststelle: Ich bin nicht der einzige Glaubende, Zweifelnde, Suchende, dem das so geht, wie es mir geht. Wenn ich merke, dass andere ähnliche Situationen kennen – dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es Menschen gibt, die mir dazu was Hilfreiches sagen können. Oder zumindest den Arm um mich legen und sagen: Ich kenne das. Und das ist dann für mich glaub-würdig.

Seelsorge, übrigens, ist dafür ein gutes Format. Das ist nicht mehr nur für die mit den dauerhaften Problemen. Man geht zum TÜV, zum Zahnarzt – warum nicht auch einmal im Jahr zur Seelsorge? Als Vorsorge. Als Raum, in dem ich mit Glaubenserfahrungen, Gefühlen und Fragezeichen nicht alleine bleiben muss.

Vorsicht, Projektionsgefahr!

Und was ist, wenn ich eine Glaubenserfahrung mache, die mich so begeistert, so sicher macht – und ich dann merke, dass die anderen das nicht teilen? Dass sie nicht so euphorisch reagieren?

Ich kann mich an einen Moment erinnern, in dem ich genau das erlebt habe. Eine intensive Erfahrung in einem Worship-Abend während einer Freizeit während meines Studiums. Befreiend, tief, echt. Und dann habe ich versucht, den anderen davon zu erzählen – und war noch gar nicht bei mir. Ich war schon bei: Ihr müsst das auch. Ich habe in den Gesichtern gesehen: Das juckt die überhaupt nicht. Heute sage ich: Logisch. Die haben meine innere Reise nicht mitgemacht. Man kann da keine Abkürzung nehmen.

Erfahrungen, die mit dem inneren Erleben tief verbunden sind, lassen sich nicht einfach übertragen. Man kann Zeuge sein. Man kann sagen: So habe ich es erlebt. Punkt. Die Brücke kann nur der Zuhörer selber bauen. Wenn ich sie für ihn bauen will, lande ich schnell bei Projektion – und manchmal sogar bei Mechanismen, die in Richtung geistlichen Missbrauch gehen.

Schubladen, die man nicht festschweißen sollte

Ich habe mir einen Satz aufgeschrieben, auf den ich ein bisschen stolz bin: Aus vergangenen Erfahrungen zimmert unser Geist die Schubladen für die Zukunft.

Wenn ich diese Schubladen festschweißt – wenn ich mich darauf versteife, dass es genau so war und so zu sein hat –, dann baue ich Schubladen, die ich kaum noch verändern kann. Was mache ich dann, wenn ich merke, dass sie nicht mehr passen?

Ich stelle lieber Bücher ins Regal, ohne sie festzuschrauben. Ich sortiere eine Erfahrung ein, so gut ich kann, in diesem Moment. Aber ich lasse es offen, das Buch morgen noch mal rauszunehmen und drei Plätze weiter rechts hinzustellen. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist ein Zeichen von Reife.

Unsere Gefühle sind wahr. Unsere Interpretationen nicht immer. Und selbst wenn wir theologisch reflektieren – wir können trotzdem falsch abbiegen. Das darf sein. Das ist okay. Mit etwas Abstand merke ich, dass ich zu euphorisch war, zu skeptisch, zu kritisch. Ich darf dann korrigieren (und mich korrigieren lassen).

Wie ich heute einordne, was ich erlebe, prägt, was ich in zehn Jahren glaube. Das ist der Grund, warum mir dieses Thema so wichtig ist. Nicht um Erfahrungen kleinzureden. Sondern damit sie mir wirklich etwas bringen.

Denn aus vergangenen Erfahrungen zimmert unser Geist die Schubladen für die Zukunft.

 

Aus meinen Gesprächsbeiträgen im Podcast „Wegfinder“ in Folge 124 KI-gestützt redigiert. Das ganze Gespräch mit Uwe Heimwoski gibt’s auf wegfinder.studio – und überall, wo’s Podcasts gibt.

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