Herzenslast

Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch. (1. Petrus 5,7)

Mal ehrlich: Wer hat noch nicht diesen Bibelvers gelesen,  – und sich dabei insgeheim gedacht, dass der meine Sorgen und Probleme gerade überhaupt nicht löst?

Was mir in Gesprächen (und in mir selbst) immer wieder begegnet: Sorgen, die sich in ganz unterschiedlichen Lebenslagen zeigen, aber denselben Kern haben. Ein Hilfsorganisationsleiter, dessen nächster großer Fördermittelauftrag wegbricht – und damit die Frage, wie man Menschen im Kongo, wo Ebola ausgebrochen ist, auch nur halbwegs begegnen soll, wenn die Geberländer überall den Rotstift ansetzen. Eltern, die merken, dass ihre Kinder nach Corona weniger resilient sind, labiler, empfindlicher. Dreißigjährige, die sich fragen, warum sie in einen langen Ausbildungsweg investieren sollen, wenn die KI möglicherweise genau diesen Beruf überflüssig macht. Nachbarn, die mit einem politischen Ergebnis aufgewacht sind, das ihr Alltagsgefühl grundlegend verändert hat.

Das Panorama ließe sich stundenlang erweitern. Jeder kennt seinen eigenen Teil davon.

Sorgen und die Würde des Menschen

Ich behaupte: Sorgen sind erst einmal kein Defekt. Sie sind ein Merkmal unserer Würde als Menschen.

Denn der Mensch ist, soweit wir wissen, das einzige Wesen, das sich vorstellen kann, wie es morgen, in einem Jahr, in zwei Jahrzehnten sein wird. Tiere reagieren auf Gefahr – Menschen antizipieren sie. Als Menschen können wir Szenarien durchdenken, bevor sie eintreten. Wir können uns auf Zukünfte vorbereiten, die vielleicht nie kommen. Das ist eine Fähigkeit, keine Schwäche, und Sorgen sind eine der Ausdrucksformen dieser Fähigkeit. Wer sich um nichts sorgt, hat auch nichts, das ihm wichtig ist. Mir sind meine Kinder wichtig, deshalb ist es mir nicht egal, wie sie in die Zukunft schauen. Sorge zeigt, woran jemandes Herz hängt.

Das ist, bevor wir überhaupt über Lösungen reden, schon mal eine gute Nachricht – finde ich.

Wenn Sorge aufhört, zu führen

Aber dann gibt es auch diese anderen Momente, die uns das Herz schwer machen. Die Momente, in dem die Sorge nicht mehr zeigt, was mir wichtig ist, sondern anfängt, mich zu kontrollieren.

Sorgen haben in diesen Momenten immer eine Kreisform: Man denkt die Situation durch, kommt an denselben Punkt zurück, denkt sie nochmal durch – und kommt wieder zurück. Das ist der Unterschied zwischen einer Sorge, die mich ins Handeln bringt, und einer Sorge, die mich in der Passivität festhält. Das ist auch neurophysiologisch gesehen ein ernster Punkt: Unser Gehirn unterscheidet nicht zuverlässig zwischen einer Bedrohung, die gerade passiert, und einer, die ich mir nur vorstelle. Die Belastung ist dieselbe – ob der Hund wirklich beißt oder ob ich auf meiner Joggingrunde nur damit rechne, dass er beißen könnte.

Und wenn Sorgen anfangen, körperliche Symptome zu machen, den Schlaf zu stehlen, das Leben einzuengen – dann braucht es mehr als einen guten Ratschlag. Dann braucht es medizinische oder therapeutische Hilfe. Das ist keine geistliche Niederlage, sondern  Selbstverantwortung.

Aus dem Kreis einen Pfeil machen

In allen anderen Fällen (die ohne medizinisch-therapeutische Begleitnotwendigkeit) ist der entscheidende Schritt dieser: aus dem Kreisen einen gerichteten Denkprozess machen. Dabei können analytische Fragen helfen, Sorgen zu sortieren. Drei davon finde ich besonders nützlich:

Lösbar oder nicht lösbar – durch mich? Das ist keine Kapitulation, sondern Klarheit. Wenn die Antwort „nicht durch mich“ lautet, ist das erste Ziel: ein aufrichtiges Ja zu dieser Tatsache finden.

Reversibel oder irreversibel? Ein kaputtes Glas ist etwas anderes als eine unheilbare Diagnose. Nicht nur vom Gewicht her, sondern auch in der Frage, ob ich mich mit der Sorge auf Dauer arrangieren muss, oder ob es grundsätzlich einen Weg zurück zum Leben vor der Sorge geben kann.

Behebbar oder zu integrieren? Manche Dinge lassen sich lösen, wenn man die richtigen Schritte geht. Andere werden bleiben – und dann ist die Aufgabe nicht das Auflösen der Sorge, sondern das Leben mit ihr. Die Sorge bekommt einen Platz im Regal meines Lebens: Ich sehe sie, ich leugne sie nicht – aber ich lasse auch nicht zu, dass sie mein ganzes Leben bestimmt.

Diese drei Fragen finden ihre Resonanz in einem Gebet, das auf den amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr zurückgeht (und das seitdem z.B. auch in den Selbsthilfegruppen der Anonymen Alkoholiker gesprochen wird):

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Mehr als Sorge allein

„Dinge zu ändern…“, schreibt Niebuhr. Sorgen können also konstruktiv werden, wenn aus dem Kreis ein Pfeil wird. Wenn sie eine Richtung bekommen. In der deutschen Sprache ist das durch Vorsilben schon irgendwie angelegt: Vor-Sorge. Für-Sorge. Ver-Sorg-ung… Für sich alleine kreist Sorge. In eine Richtung gelenkt, wird sie produktiv.

Das geht manchmal nur schwer, wenn ich mit meiner Sorge allein bleibe. Aber das muss ich gar nicht, und wenn ich meine Sorge mit in eine Gemeinschaft bringe, dann wird sie ein Stück kleiner. Dann verliert sie ein Stück ihres Schreckens. Ich höre, dass andere ähnliche Sorge kennen. Jemand fragt mich, was denn eigentlich ein möglicher nächster Schritt wäre. Und plötzlich merke ich: Das weiß ich eigentlich schon längst. Ich muss es nur noch aussprechen – und den Schritt gehen.

Was der Glaube dazu beiträgt – und was nicht

Ich sage das vorsichtig, weil ich den vergeistlichenden Kurzschluss kenne: Gib es einfach Gott, dann wird es gut. Das stimmt theologisch, aber funktioniert pastoral meistens nicht. Denn wer gerade nicht weiterkommt, braucht keine frommen Ratschläge, die ihm implizit sagen, er glaube nicht genug.

Was Glaube tatsächlich leisten kann, ist etwas anderes: die Grundgewissheit, dass ich nicht das letzte Wort habe und nicht die letzte Kraft sein muss. Dass da einer ist, der die Welt im Blick hat, auch wenn ich sie gerade nicht im Griff habe. Er löst die Umstände nicht immer so, wie ich das gerne hätte – und oft ist er enttäuschend langsam für meinen Geschmack. Aber die Alternative – ohne diese Grundtragfähigkeit durchs Leben – ist keine, die ich wählen wollen würde.

Und dann ist da noch etwas, das Kirche und Gemeinde tun können, wenn sie es wirklich wollen: Einfach da sein. Nicht mit der Lösung, sondern mit menschlicher  Anwesenheit. Eine WhatsApp, ein Anruf, ein „Ich vergess euch nicht, ich bete für euch“. Ich habe das selbst erlebt: wie ein kleines Zeichen der Zugewandtheit mehr wiegt als eine große Zuwendung. Wie Menschen nicht primär nach Ressourcen fragen, sondern danach, ob sie vergessen wurden. Zugewandtheit für Nachbarn, Freunde, Gemeindemitglieder. Man muss nicht die Sorge lösen können, um etwas beizutragen. Manchmal ist das Nicht-Vergessen schon alles, was dem Gegenüber hilft, die nächste Wegstrecke gehen zu können.

Aus meinen Gesprächsbeiträgen im Podcast „Wegfinder“ in Folge 126 KI-gestützt redigiert. Das ganze Gespräch mit Uwe Heimwoski gibt’s auf wegfinder.studio – und überall, wo’s Podcasts gibt.

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